Dienstag, 22. Dezember 2009

Kundus und die Folgen - Lob der Verdrängung













Ein gewaltiges Ausmaß von Vernebelung, Lügen und Verdrängung haben die deutschen Medien im Fall von Kunduz ausgemacht. Untersuchungsausschuss und Berichte, deren Inhalte zum Teil noch unter Verschluss sind, lassen ahnen, dass da noch weitere Details auf uns warten.
Tatsächlich ist die Überraschung weniger gross, als es scheint. Wer den Tatort des Luftschlags kannte, die anfangs gelieferte Begründung und den Umgang der NATO in Afghanistan mit ähnlich hohen „Kollateralschäden“, der war schon am Tag danach mit einem gehörigen Maß an Skepsis ausgestattet. Kundus, das bleibt zu hoffen, dürfte nun eine kritischere Grundhaltung zu offiziellen Verlautbarungen aller Art in Afghanistan zur Folge haben.
Zugleich verläuft die Debatte einseitig. Sie hat Schieflage. So wichtig die Wahrheitssuche über den Luftangriff und nach klaren Einsatzregeln für die Soldaten ist. Es darf nicht vergessen werden: es geht um die Verbesserung der Lebensbedingungen der Afghanen. Zu deren Unterstützung schicken wir, so das offizielle Credo, unsere Soldaten.
Aus Sicht der einheimischen Bevölkerung geht es weniger um Krieg oder nicht Krieg.
Die Menschen in Kunduz wollen deutlicher als bisher spüren, dass das ausländische Militär etwas für ihre eigene Sicherheit im Alltag tut. Sie nicht nur gegen Taliban schützt, sondern auch gegen Räuber und Banditen, gegen Korruption und Erpressung durch den eigenen Staat. Das aber ist nicht in Sicht. Gerade hat die NATO Karsais neues Kabinett gelobt. Dabei stehen dort nach der erneuten Nominierung vieler Minister die Zeichen auf ein „Weiter so“.
So vernünftig und nachvollziehbar es ist, dass deutsche Soldaten möglichst unverwundbar sind und gewappnet für alle Eventualitäten, koste was es wolle, so sehr darf dies kein Selbstzweck sein. Die Gefahr aber besteht. Die vergangenen Monate und Jahre belegen, dass man auf diese Art die afghanische Bevölkerung verliert. Ziel kann nur eine militärische Taktik sein, die neben der Vertreibung von Aufständischen nicht aud die einheimische Bevölkerung in die Flucht treibt.
Zur Zeit sind wir Zeugen einer wachsenden Entfremdung zwischen Afghanen und NATO- Militär. Nicht weil eine Mehrheit mit den Taliban sympathisiert, sondern weil der militärische Alltag Einschränkungen und Ängste mit sich bringt. Wenn deutsches Militär auf der Strasse fährt machen die Menschen einen Bogen darum. Denn der fremde Soldat zieht womöglich Unheil in Form von Selbstmordattentätern an. Wer mit seinem Auto einen ISAF-Konvoi überholt, muss damit rechnen, erschossen zu werden. Dabei hat er es vielleicht nur eilig und eine kranke Frau im Auto. So erklärt sich warum ein Teil der Afghanen sich Sorgen über eine Ausweitung der Kampfzone macht.
Dieselben Afghanen stimmen zu, dass der Kampf gegen bewaffnete Aufständische geführt werden muss. Allerdings in Kenntnis der genauen Ursachen. Deren Forschung ist acht Jahre lang vernachlässigt worden, wie US-Regierung und -Militär eingestehen. Die ständige Rhetorik eines 'Krieges gegen den Terror', auch durch Obama, vernebelt bis heute wesentliche und oft lokale Ursachen des Konflikts. Dies zu erkennen braucht profunde Kenntnis der afghanischen Kultur, Gesellschaft und Politik. Moderne Aufklärungstechnik hilft da nicht weiter. Gespräche mit Taliban gehören ebenso dazu wie mit integren Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft, die viel zu oft aussen vor bleiben, weil Deutschland und der Westen gewendete warlords stützt.
Die Menschen in Afghanistan wollen Arbeit und eine Perspektive. Sie fragen sich zu Recht, warum keiner so richtig die Bedingungen dafür schafft. Denn der bewaffnete Aufstand kommt auch aus der Armut.
Schieflage aus noch einem Grund: wenn es stimmt, dass Afghanistan militärisch nicht zu gewinnen ist, wieso läuft ein immer grösserer Anteil der Hilfsgelder über das Militär? Wer bei der EU in Brüssel z.B. verantwortet dies ? Wieso entscheiden ausgerechnet junge Offiziere in Afghanistan über die Mittelvergabe für Schul- oder millionenschwere Landwirtschaftsprojekte ? Ein Teil der zivilen Helfer hat längst davor resigniert und sich zurückgezogen oder angepasst.
Die Vertuschung um den Luftschlag von Kundus ist wohlgemerkt nur die Spitze des Eisbergs. Der deutschen Öffentlichkeit stehen demnächst womöglich weitere schmerzliche Einsichten bevor. Die jüngste Äffäre um die Firma Ecolog und ihre wenig transparente Arbeit in Afghanistan zeigt auf welchem Boden der Doppelmoral unser Diskurs gegen Korruption in Afghanistan steht. Schwindel und Vernebelung unter deutschen wie internationalen Hilfs- und Beraterorganisationen gehören seit Jahren zum Alltag. Experten, die lange selbst an zentraler Stelle beteiligt waren, sprechen von einem System gezielten Betrugs. Auch hier wissen deutsche Politiker mehr als sie bereit sind zuzugeben. Sie tragen so dazu bei fragwürdige Strukturen zu stützten.
Es ist dies die erste 'Kriegsweihnacht' seit langem. Bedenklicher als die Einlassungen des Verteidigungsministers scheinen Veränderungen in der deutschen Gesellschaft. Renommierte Politikwissenschaftler erklären, deutsche Soldaten müssten kämpfen lernen. Man reibt sich verwundert die Augen. Die gleichen Wissenschaftler wären hilfreich bei der Ursachenforschung, welche strategischen Interessen in Wahrheit die Bundesregierung in Afghanistan leiten. Nicht nur die Politik schweigt sich darüber aus.
Wer verstehen möchte, warum wir seit acht Jahren am Hindukusch von einem Desaster in das nächste schlittern, der muss schliesslich die Afghanen selbst in die Debatte miteinbeziehen. Ist die Einladung der NATO an Russland, sich militärisch kräftig einzuschalten beim künftigen Truppenaufbau Afghanistan mit der Regierung Karsai abgestimmt? Hat jemand die afghanische Bevölkerung dazu befragt. Schon jetzt schmieden 43 Nationen Nationen in Afghanistan mehr oder weniger transparente Pläne. Die Einheimischen können ein Lied von der Kakophonie singen, die dies im Alltag bedeutet. Das Feindbild Russland ist dahinter tatsächlich ein wenig verblichen. Das allein müsste dem westlichen Bündnis zu denken geben.
Die fragwürdige Wiedereinsetzung Karsais trotz gefälschter Wahl, Bagram und Guantanamo, Milliarden, die überwiegend in die Geberländer zurückfliessen – all dies sind Beispiele, dass Afghanistan Spielball der Mächte ist und bleiben wird. Ist es übertrieben zu behaupten, dass da eine Nation politisch vergewaltigt wird? Der Westen hat allein Augen für die Vergewaltigung durch Burka und afghanisches Patriarchat.
'Den Erfahrungen und der Kultur der Afghanen entsprechen' – so hat es zu Guttenberg ausgedrückt. Dazu gehört zu verstehen, wann sich Afghanen bevormundet fühlen ? Zu verstehen, dass Hilfe, die als Umerziehung und Missionierung daherkommt zum Scheitern verurteilt ist. Zu verstehen, dass Schritte zu einer Gesellschaft mit Menschen- und Frauenrechten ihr eigenes Tempo brauchen statt unrealistische Zeitvorstellungen zu oktroyieren.
Schliesslich müssen auch die Medien ihre Hausaufgaben machen. Wo sind die Stimmen von Afghanen in unserem Feuilleton? Wo (mal abgesehen von dem Anwalt Karim Popal) die afghanischen Vertreter in den Talkshows der Illner, Maischberger, Will und Konsorten? Selbst der Bundestag hat jüngst bei einer öffentlichen Anhörung zum desolat verlaufenden Polizeiaufbau in Afghanistan keinen einheimischen Experten befragt. Was würden wir sagen, wenn unsere Nachbarn, die Franzosen oder Polen, 20 Jahre lang den Mauerfall diskutieren ohne einen Deutschen an den Tisch zu laden?
Eigentlich ist damit die Agenda für die Konferenz von London, Ende Januar, von selbst vorgegeben. Wie erfolgreich man dort ist, wird nicht zuletzt davon abhängen wie ehrlich man sich selbst in den Spiegel schaut.

siehe auch Der Freitag

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Konduz, revisited












Einige werden sich wundern, dass sie länger nichts aus Afghanistan gelesen haben. Obwohl sie wissen, dass ich kürzlich in Kundus war. Grund ist die Arbeit an einem Dokumentarfilm über die Lage vor Ort. Alltag steht im Mittelpunkt. Täglich lesen wir beim Frühstück Schlagzeilen aus Afghanistans Norden. Ein Bild über das Leben in Kunduz, das tägliche Leben der Afghanen abseits fahrender Panzer hat keiner. Der Film wird von der Filmstiftung NRW gefördert. Gleichwohl ist er niedrig budgetiert. Ich freue mich konkret über Hinweise auf mögliche Förderer. Was der Film leisten kann? Das Verständnis für Denken und Erwartungen der Afghanen wecken und so unser Verständnis dafür fördern, warum wir das stehen wo wir stehen.

Es ist keine drei Wochen her, am 21. November, da explodieren erneut Tanklaster in Kunduz. Drei an der Zahl. Diesmal mitten in der Stadt, nahe dem ehemaligen Spinzer-Industriegelände. Drei Laster, randvoll mit Treibstoff. Die ganze Nacht brennt das Feuer meterhoch in den Himmel. Die afghanischen Behörden melden am nächsten Morgen Entwarnung. Ein Unfall, heisst es. Der Gaskocher der Fahrer sei mit dem Treibstoff in Berührung gekommen. Doch alle Fahrer haben angeblich überlebt. Und in der Tankwanne des einen Lasters klafft ein riesiges Loch. Kopfgross. Ein Einschuss? Die Wucht einer Sprengladung? Journalisten der Lokalpresse haben bereits Bekenner-emails der Taliban erhalten, als ein Vertreter des Gouverneurs die Presse im Morgengrauen vor den ausgebrannten Wracks mit der Version des Unfalls beschwichtigt. Wie das Loch in den Laster kommt vermag er nicht zu erklären. Es gilt, auch diesmal, auch unter Afghanen, den Anschein von Normalität zu wahren. War Flugbenzin für die NATO in den Lastern? Medienvertreter aus Kunduz behaupten ja.
Abdul Razzaq Yaqubi hält an der Version des Unfalls fest.
Der Mann in graublauer Uniform und mit Schnäuzer sitzt fast nie an seinem Schreibtisch. Vielleicht weil er die Landkarte hinter sich nicht im Rücken haben mag. Bunte Pfeile in widerstreitenden Richtungen sind dort auf die Karte gezeichnet. Pfeile deuten Bewegungen an. Militärische Mengenlehre. Taliban-Bewegungen in schwarz, Stossrichtungen von Polizei und Militär in blau. Für Details braucht man einen Dolmetscher. Aber auch ohne erkennt man etwas von der Anspannung, die Razzaq Yaqubi auf die Stirn geschrieben steht. Der General und Polizeichef von Kundus wirkt angeschlagen. Halb zugefallene Augen, langsame Sätze.
Fast geflüstert diktiert er seinem Adjudanten einen Brief, der in Wahrheit ein Offenbarungseid ist: „...brauchen wir noch weitere 300 Polizeikräfte zur Verstärkung der Sicherheitskräfte. Und eine weitere Hundertschaft zum Schutz von UN-Büros und ausländischen Einrichtungen. Andernfalls werden wir im nächsten Frühjahr mit wachsenden Sicherheitsproblemen konfrontiert.“ Drei Mal, so der Polizeichef, habe er schon ähnliche Schreiben nach Kabul geschickt, an Innen- und Verteidigungsministerium. Vergebens. Hier wird deutlich, warum die Ausbildung von Polizei in grossem Stil in Afghanistan Sinn macht. Es wird auch klar, was bisher falsch gelaufen ist.
„Wie geht es Herrn Klein?“, erkundigt sich der General nach der Debatte in Deutschland. Auch Monate danach die bekannte Version aus seinem Mund. Wer Zweifel an der Richtigkeit des Vorgehens habe, meint er, solle sich in Char Dara selbst umsehen. Razzaq, mit sanfter Stimme, gibt den Standhaften. Ob aus Überzeugung sei einmal dahingestellt. Er wäre nicht der erste Behördenchef in Kundus, der insgeheim andere Ansichten äußert.
Eine andere Version erzählt Yaqub, ein afghanischer Journalist. Die Menschen aus der Gegend wo der Luftangriff erfolgte seien emotional unverändert aufgewühlt, auch wenn sich das nicht in Demonstrationen äußere. Ja, ihre Meinung über die Deutschen habe sich verändert. „Es würde helfen wenn jetzt weitere Zeichen der Annäherung kämen.“ Die Zustimmung für eine Entschädigung sei ein richtiger Schritt. „Aber die Menschen sagen auch, bliebt weg! Tötet uns nicht.“
Der Journalist erinnert sich an den Luftangriff wie folgt: „Die echten Taliban-Kommandeure waren zum Zeitpunkt des Luftangriffs schon nicht mehr am Tatort“. Nur eine Anzahl wenig bedeutender Aufständischer sei zu dem Zeitpunkt noch am Fluss gewesen, der Rest Zivilisten. Eine Version, die – wenn sie zuträfe – neues Öl ins Feuer der Anklage giessen würde. Es wäre nicht das erste Mal, dass zwischen militärischer Erkennung und Ausführung entscheidende Zeit fatal verstreicht.
„Ein Übermass an zerstörerischer Gewalt“, sagt sein Kollege neben ihm. Taliban anzugreifen sei leichter zu rechtfertigen und erinnert sich, dass dies auch die Version der Verantwortlichen in Kundus am Tag nach dem Angriff gewesen sei. Tagelang hatten die afghanischen Medien damals auf eine offizielle Erklärung gewartet. Aber wie häufig wenn es brenzlig wird, versiegte der Informationsfluss von Seiten der Schutztruppe. Zugleich blieb der angenommene laute Aufschrei der Einheimischen aus. Wie 2006, als deutsche Soldaten afghanische Gräber schändeten. Die Afghanen blieben friedlich. Die Wellen schlugen zu Hause hoch.
Die Erschütterungen des 4. September in Kundus sind subtiler, als es die Debatte in Deutschland nahe legt, so wichtig diese für die Selbstpositionierung eines Jeden sein mag. Bibi Gul zum Beispiel ist ein Seismograph der Spätfolgen. Eine von einem guten Dutzend Polizistinnen in der Stadt. Als eine der wenigen, so betont sie, gehe sie gelegentlich noch in Uniform zur Arbeit. Vielen ihrer Kolleginnen sei das mittlerweile zu riskant. Polizeibeamte gelten als das Häufigste Angriffsziel von Anschlägen. Bibi Gul hat uns zu sich nach Hause eingeladen, in ein Viertel am Stadtrand, dass ihr selbst nicht ganz geheuer vorkommt. Aber mit ihrem Gehalt, umgerechnet etwas mehr als 200 US-Dollar im Monat, kann sie sich das Wohnen im Zentrum nicht leisten.
„Einige in der Nachbarschaft“, sagt sie zu uns, “werden jetzt Gerüchte über mich streuen, weil sie euch Fremde hier ein- und ausgehen sehen. Früher hatte ich eine Pistole im Dienst. Jetzt habe ich nicht einmal mehr eine Schrotflinte zuhause.“ Sie fürchte sich. „Was macht der Ausländer bei dir zu Hause?, werden sie fragen.“ Wenn es ihr Umfeld mitbekomme, so wird ihr erst jetzt bewußt, wisse sie nicht, was ihr geschehen werde. „Mein Sohn hat gemeint. Mutti, was ist wenn es Jemand weiter erzählt.“ Die Angst vor Landsleuten, die nicht wohlmeinend sind, einen an reale wie imaginäre Feinde verraten könnten ist spürbar. Nicht nur bei Bibi Gul. Sie hat eher zugenommen seit meinem letzten Besuch im August. Ein Aussenstehender mag sie für ein Fußnote halten, das Zeichen einer verunsicherten Provinzstadt. Die Einheimischen dagegen bezeugen, ja, es gäbe da sehr wohl einen Zusammenhang mit den Ereignissen vom 4. September. Noch ein Luftangriff von der Art, und es scheint wahrscheinlich, dass beim nächsten Besuch Bibi Gul uns nicht mehr in ihr Haus lässt.
Geschosse am Stadtrand und Schüsse in der Nacht sind weniger geworden als vor Monatsfrist, so hat es den Anschein. Dafür donnern Nato-Kampfflugzeuge über die Stadt im winterlichen Dunst. Wer ist ein Sympathisant? Und wer sympathisiert mit welcher Seite?
Innerhalb weniger Monate hat sich die menschliche Kommunikation in der Stadt verändert. Zum Leidwesen der meisten zivilen Helfer, die – qua Anordnung - nicht mehr auf den Basar dürfen. „Vergoldete Haft“ nennt einer von ihnen den Aufenthalt im Guesthouse.
Bekannte, die einen vor sechs Monaten mit offenen Armen empfingen, lassen sich jetzt teilweise verleugnen. Als wir in diesen Tagen mit der Kamera in Kundus unterwegs sind, gibt es immer wieder Verabredungen für eine gefilmtes Gespräch am nächsten Tag. Junge, scheinbar furchtlose Menschen wollen uns sprechen. Dann kommt der nächsten Tag und sie sind nicht mehr auffindbar. Auch nicht per Telefon. Wie vom Erdboden verschluckt.
Zivile Helfer und Journalisten, Diplomaten und Berater bekommen die mittelbaren Folgen einer zunehmenden Militarisierung am Ehesten zu spüren. Das deutsche Militär lebt schon seit geraumer Zeit in dieser Logik. Ein härtere Gangart? Ein Befehl zum Töten? Kenner der Bundeswehr datieren eine wesentliche Veränderung auf Frühjahr 2008 zurück. Damals habe die Bundeswehr in Kundus noch Aufständische den örtlichen Sicherheitsbehörden überstellt. Diese seien aber oft genug wenig später wieder auf freiem Fuß gewesen und hätten Deutsche und ISAF erneut bekämpft. Taliban legten sich verfeinerte Methoden im Kampf zu.
Und es wuchs der Druck der US-Amerikaner. Zur selben Zeit wie der Luftangriff, Anfang September, herrschte heftige Kritik am zögerlichen Vorgehen des deutschen Militärs in Kunduz. Wenn die es nicht selbst in die Hand nehmen, dann tun wir es eben, hiess es damals von US-Seite. Mag auch dies, so fragt sich nachträglich, Oberst Klein bewogen haben auf das Ganze zu gehen?
Drohungen der Taliban entfalten ihre eigene Wirkung. Zugleich empfinden viele Bewohner den amtierenden Gouverneur von Kunduz, Mohammed Omar, als Inbegriff von Korruption und Vetternwirtschaft. Viele die wir fragen wären ihn, Aber US- und deutsches Militär arbeiten mit Gouverneur Omar zusammen. Sorgen sie so für mehr Sicherheit oder stützen sie einen, der nach Ansicht vieler für Unsicherheit sorgt?
Nicht nur General Razzaq, der Polizeichef, wünscht sich mehr Beamte. Auch deutsche Soldaten, die für die Bundeswehr Patrouille fahren und im Kampf sind, fühlen sich überlastet. „Wir bräuchten eigentlich Ablösung, um nicht unter Dauerstress zu stehen. Aber dafür reicht das Personal nicht“, erzählt einer von ihnen. Zwar heisst es, bis zu 80 Prozent der Soldaten würden das Camp nicht verlassen, aber offenbar empfindet ein Teil der Truppe, die Belastung sei ungleich verteilt.
Es sind junge Gesichter, drei Soldaten Mitte Zwanzig, die mir gegenübersitzen, in einer Wartehalle des Flughafens von Kunduz. Sie reden nüchtern. Frei von Illusionen, die anderswo noch gepflegt werden, so scheint es. Sie bestätigen, dass unklare Einsatzregeln sie verunsichern. Dass sie sich Klarheit wünschen. Lieber heute als morgen. Umso mehr verwundert es, dass der Untersuchungsauschuss des Bundestags zu Kunduz, der sich heute konstituiert hat, sich erst in vier Wochen wieder trifft. Weihnachtspause, sagen die Parlamentarier. Zugleich ist die Bundeswehr heute erneut in einer Militäraktion über mehrere Tage.
„Das ist Kampf hier. Wiederaufbau geht im Moment nicht“, meint ein deutscher Soldat, den ich in Kunduz treffe. Im Bezirk Char Dara hätten die Deutschen eine Brücke gebaut. Quasi über Nacht sei sie wieder gesprengt worden. Er selbst habe einen Freund verloren. Auf einer Patrouillenfahrt im letzten Jahr. Ein Selbstmordattentäter sprengte sich vor dem Fahrzeug seines Vordermanns in die Luft. Danach habe es ein Angebot durch einen Psychotherapeuten gegeben. Er habe das nicht gebraucht. Das Leben gehe irgendwann weiter. Er komme damit ganz gut klar.
Sein Kamerad hat das Maschinengewehr vor sich aufgestellt. „Eine echte Fehlkonstruktion“, klagt er. Sicherlich meint er es nicht so. Frust. Gefühlte Ungerechtigkeit. Afghanische Polizei und Miltär würden sich glücklich schätzen über eine Waffen seiner Qualität. Bis hoch zum Hals reicht die Panzerung der Männer. Aussen angebracht sind mehrere Taschenfächer. Ein Funkgerät. Taschenlampe. Flares, eine Art Notlicht, das sich in den Himmel schiessen lässt bei Gefahr. Eine Pistole im Kunststoffschaft. Andere haben ihre Pistole um das Bein gebunden. Über 20 Kilo wiegt das Material. „Ich spüre es schon nicht mehr“, sagt der eine von ihnen.
Rund 110 Euro pro Tag beträgt der Sold mittlerweile für viele. Ungerecht, findet ein Soldat. Während er draussen in Kundus seinen Kopf hinhalte blieben andere in Lager oder leisteten Dienst in Mazar, weiter im Nord-Westen, wo es deutlich ruhiger sei. Junge Afghanen wären froh, wenn sie soviel in der Hand hielten. In ihren Ohren klingt die Klage wie Hohn. Ihr Durchschnittsverdienst liegt bei einem Zehntel. „Das können wir nicht nachvollziehen“, sagt Hasibullah, ein junger Student, der für kleines Geld bei einer lokalen Hilfsorganisation arbeitet. Begegnungen zwischen deutschem Militär und Einheimischen sind selten geworden. „Lotfan dur boshid!“, „Halten sie Abstand !“, steht auf den gepanzerten Fahrzeugen der ISAF.
Am Flughafen von Kunduz steht noch ein Reisender ohne Uniform . Ein ziviler Helfer der staatlichen Entwicklungshilfe. Verantwortlich für den Schulaufbau in der östlichen Nachbarprovinz. Gesehen hat er seinen Arbeitsplatz in den letzten fünf Monaten nur ein paar Wochen. Seit der Wahl im August lebt er in Wartestellung in Kabul. Es gelte ein Regime besonderer Sicherheitsvorkehrungen. Eine Art permanenter Ausnahmezustand. Das zermürbe. Aus Kabul könne er nur telefonieren. Mit jedem Schuss, der fällt, das weiss auch er, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass er nicht erneut in seine Einsatzprovinz kann, dass dies ein Hemmnis ist für zivile Helfer. Wissen es auch jene zuhause ?

auch Tagesspiegel

Freitag, 13. November 2009

Der Mann aus dem Palast










Foto: Ahmad Zia, 9, mit seinem Koranlehrbuch vor einer Moschee in Tahimani, Kabul.



Der Mann, der mir gegenüber sitzt, kommt gerade „aus dem Palast“, wie er sagt. Anzug und Krawatte hat er gegen Jeans und Lederjacke getauscht. Er ist jung aber von hohem protokollarischen Rang in der Karsai-Administration. Bescheiden und erhaben zugleich nennt er sich ein Mädchen für alles ('jack of all trades').
Wie es mit den Äusserungen des neuen deutschen Verteidigungsministers zu Guttenberg an seinen Chef aussehe, die als 'Bedingungen' in der deutschen Presse die Runde machen ? „Es sieht nicht gut aus“, gibt er zu Antwort, und bezieht sich auf die Forderungen des Westens generell an die neue afghanische Regierung, über deren Bildung zur Zeit hinter den Kulissen heftig verhandelt wird. „Alle internationalen Gäste, die hier vorgesprochen haben zuletzt, verlangen, dass Karsai warlords wie Dostum, Mohaqiq und Fahim aus der Regierungsverantwortung entlässt. Aber das kann er nicht machen“, fährt der Mann, der nicht genannt werden möchte, fort. Karsai habe sein Schicksal in den letzten Jahren in einem Mass an jenes der gewendeten Kriegsfürsten gebunden, das ihm ein tabula rasa nach Wunsch der Geberländer nicht erlaube. Sicher, stimmt er zu, Karsai habe das Spiel mit den einstigen Mujahedin-Führern und Opportunisten der Mache zu weit getrieben, habe Härte und klare Grenzen dabei vermissen lassen. Das räche sich jetzt. Zudem liegen Forderungen derselben nach Posten und Zählbarem aus dem Wahlkampf auf Karsais Schreibtisch.
Fahren da also zwei Züge mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zu? Ein Kompromiss nicht in Sicht ? Karsai müsse Zeichen setzen, sagt er, der sich zum inneren Zirkel der Macht zählt, schon wegen der eigenen Glaubwürdigkeit. „In seiner Entourage gibt es jene, die ihn immer wieder auffordern, eine Exempel auf regionaler Ebene zu statuieren. Mit der Entlassung eines korrupten Behördenchefs oder Gouverneurs fern von Kabul anzufangen, um ein Zeichen zu setzen.“ Bisher aber geschieht wenig, wende ich ein. Offenbar, so gibt er zu bedenken, habe Karsai Angst noch mehr Zustimmung zu verlieren in solch einem Fall, aus Sorge dies könne als pauschales Schuldeingeständnis seiner Arbeit gewertet werden. Er spricht von politischer Willensschwäche und es wird klar, dass er Karsai persönlich meint. Aber er gibt auch zu bedenken, dass der Mann mit der Schafsfell-Mütze vielfach gar nicht Herr im eigenen Palast sei. Die amerikanische Regierung, deutet er die wirklichen Machtverhältnisse an, wolle jene Person im Amt sehen, die Briten kämen mit einem weiteren Wunsch. Andererseits rede der Westen mit so vielen Stimmen, dass Karsai im ein oder anderen Fall die Herren in einem Zimmer zurückliesse mit der Bitte, sich erst einmal einig zu werden, bevor sie sich mit einer neuen Forderung an ihn wendeten.
Seine Regierung wisse nicht einmal, was im heftig umkämpften Süden tatsächlich in jeder Sekunde los sei, gesteht er ein. Amerikaner und NATO-Länder betrieben ihre eigene und eigenwillige Informationspolitik und ihren eigenen Krieg. „Der Westen fordert von Karsai, er soll seine Verbindungen zu den Warlords kappen, aber zugleich ist es ein offenes Geheimnis, dass der Westen in den umkämpften Provinzen mit warlords arbeitet um sich Taliban vom Leib zu halten“. Unlängst gab es in Kabul eine denkwürdige Pressekonferenz, in der Karsai die übermächtigen westlichen Verbündeten beschuldigte, Taliban mit ihren eigenen Flugzeugen vom Norden in den Süden zu fliegen und so das Spiel der Aufständischen zu betreiben satt ihnen das Handwerk zu legen. Ein afghanischer Journalist habe Fotos, die dies belegten. Dieser Zeuge sei aber unlängst zu Tode gekommen und das Material offenbar vernichtet. Es ist wie so häufig: die Darstellung der afghanischen Seite und die internationale Sichtweise könnten konträrer nicht sein. Mehr noch: während die internationale Gemeinschaft glaubt, Karsai noch mehr an die Kandarre nehmen zu können steht auf der anderen Seite ihr versprechen nach mehr afghan ownership, d.h. Nach zunehmender Souveränität der Afghanen im eigenen Land. Eine Spannung zum Zerreissen.
Jede Seite hat ihre Argumente, einen Königsweg gibt es nicht. Die aktuelle Regierungsbildung werde sich dadurch verschieben, prognostiziert mein Gesprächspartner. Man darf weiter warten, bis weisser Rauch aus dem verbunkerten Palast im Herzen Kabuls aufsteigt. Süsslich wird sein Geruch mit Sicherheit nicht sein. Der neue deutsche Verteidigungsminister hat insofern gut gebrüllt, fragt sich jetzt wieviel Realpolitik beide Seiten zusammenbringen können und wollen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Mißverständnisse in den letzten 8 Jahren eher gewachsen sind, das Desaster um die jüngste Wahl hat zusätzliches Vertrauen gekostet.

Dienstag, 10. November 2009

20 Jahre Mauerfall: die Afghanische Mauer







Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls bin ich in Kabul. Hier wachsen die Mauern. Real wie in den Köpfen. Nicht erst seitdem die UNO den vorrübergehenden Abzug eines Teils seines Personals bekanntgegeben hat verbarrikadieren sich ausländische Organisationen und ihre Mitarbeiter zunehmend hinter meterhohen Mauern mit meterhohen Stacheldrahtzäunen darauf.
Eine gewisse Schadenfreude über die UN-Tragödie ist kein vereinzeltes Phänomen unter Afghanen. Es häufen sich jene Stimmen, die das afghanische Aufbauprojekt als weitgehend gescheitert ansehen. Eine Erwartung von Abzug, nicht nur des MIlitärs, liegt in der Luft. Zugleich drängt unverändert ein Heer junger Entwicklungshelfer ins Land, die sich hier scheinbar komfortabel in auf den ersten Blick wenig kompatiblen gesellschaftlichen Realitäten einrichten. Sie sind ausgestattet mit zum Teil erheblichen Kompetenzen und gleichzeitig irgendwie immer auf dem Absprung. Zweifel (über überdimensionierte Gehälter, neokoloniale dejà-vus o.ä. scheinen die meisten von ihnen nicht zu kennen). Auszug aus einem Gespräch, gerade aufgeschappt in einem der Kabuler Kaffeehäuser, in denen Mann keine Afghanen trifft:
"- Oh hi,... how are you doing...
-...yeah, great man...
- I'm here for three weeks. got a little thing to do.
- ...sounds interesting. if got a meeting right now. got to hurry...
- ...you got to come and see us in Nigeria. I'll be there next month again...
- ...hello? can I have this coffee with a little bit of cream and sugar please...
- ...service here has gotten better but...
- ...my gosh. seems like you're speaking to. I mean...
- ...2.30 already. I got to go. sorry. my (Afghan) driver is waiting outside. we hired a new one.
the old one was not reliable. you know what I mean...

A propos Mauerfall: nicht nur der bekannte Filmemacher und Freund Siddiq Barmak ('Osama', 'Opium War') vertritt die These, dass die Deutschen den Afghanen und ihrem erfolgreichen Kampf gegen die russischen Invasoren die deutsche Einheit mitzuverdanken haben. Das wäre eine lohnende These für eine interessante Podiumsdiskusson im Kabuler Goethe-Institut gewesen.

Sichtbar im öffentlichen Stadtbild sind - ausser immer mehr Bewaffneter von realen wie phantasierten Armeen und privaten Milizen wie Sicherheitdiensten - Erwachsene und Kinder mit Mundschutz (s. Bild). Auch hier geht die Angst vor Schweinepest um. Hinter der oberflächlichen Gesundheitsvorsorge (ausreichen Impfstoff ist nicht vorhanden, angeblich, so erzählt mir ein Arzt von Lepco, einer angesehenen Gesundheitshilfsorganisation, gerade einmal 50.000 Spritzen. Möglicherweise für die oberen 50.000) Es heisst, die Warnungen des afghanischen Gesundheitsministeriums vor dem Virus hätten in Wahrheit einen politischen Hintergrund: seit 1. November sind Schulen und Hochschulen geschlossen, Jahresendprüfungen ausgefallen, angeblich um von möglichen Protesten von Anhängern des unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Abdullah abzulenken und die Wahlfälschungen vergessen zu machen.

Was ichs sonst sehe an einem ganz normalen Tag in Kabul
- ein Mädchen mit wehenden Haaren auf dem Gepäckträger eines Fahrrads, das sich den Weg zwischen den Autos bahnt
- zwei Fußballmannschaften im morgentlichen Staub neben der Schnellstrasse
- Tüten voller Apfel und Weintrauben am Strassenrand
- eine sms, die von einer Explosion in Herat, am anderen Ende des Landes berichtet
- ein afghanischer Angestellter, der mich freudig drückt als ich an der Tür stehe
- die warmen Kichererbsen zum Mittag
- faustgrosse Rosen, die noch duftend langsam vor sich hinwelken
- der Gestank der stehenden Abfälle und Kloake
- Hubschrauber vor meinem Fenster, im Doppelpack, im Tiefflug
- die stimme des BBC-moderators im Radio, die – nicht zum ersten Mal in den vergangenen Jahren - berichtet, dass Al Qaida aus Afghanistan vertrieben sei (da die quelle ein britischer General ist, werden die Afghanen dem mit grösstem Mißtrauen begegenen)
- kleine Mädchen Hand in Hand auf der Strasse, die mir energisch ein 'salam' entgegnen
- die metertiefe Schiessscharte in der Wand des Kulturministeriums
- nochmal junge Mädchen in Plastiklatschen. Unfreiwillige Putzkolonnen. Sie drücken sich an die Aussenscheiben im Schrittempo vorbeifahrenden Autos, erbetteln ein paar Cent
- ein Seitenstrassenkaffee, das bewacht ist von einem privaten Sicherheitsdienst; drinnen ausladende Teller mit grossen Burgern darauf; Asiaten, Afrikaner, Europäer, die mit einer Hand ihre PC-Maus bedienen oder wichtig in Handys sprechen, mit der anderen die Gabel halten und damit in Essen herumstochern
- Kim, eine Anwältin, die von Shirin berichtet, einer afghanischen Massenörderin, die im Gefängnis von Kabul ohne Verteidiger einsitzt.
- Mohsen, einziger afghanischer Autor von Animationsfilmen, der mir seinen neuen Film mit dem Titel 'Hitler' zeigt
- der Öl-Ofen in meinem Zimmer, der mit einer Giesskanne und Benzin gefüllt wird
- ich laufe durch die Butcher-Street, vorbei an der jüdischen Synagoge mit dem einzigen noch lebenden Juden von Afghanistan, Zabulon. Heute klingle ich nicht. Was er wohl macht gerade? Wie lange er noch zu leben hat?
- Matsch an den fußsohlen, wo immer ich heute in ein Auto steige
- eine Stimme im afghanischen Radio berichtet über 20 Jahre Fall der Mauer von Berlin. Hier werden die Mauern immer höher und immer mehr. Die Ausländer kommen immer seltener dahinter hervor. Das Projekt Afghanistan, ein fehlgeschlagenes Joint-Venture aus zivilen und militärischen Komponenten, gehe seinem Ende langsam entgegen, unkt einer. Aufbruchstimmung in düsteren farben.

Montag, 2. November 2009

Wahl ade: Lupenreine Demokraten

Nach Absage der Stichwahl und Reinthronisierung von Karsai als Präsident heute,
erreichen mich aus Afghanistan keine mails von meinen afghanischen Kollegen und Freunden. Keine Entrüstung, kein Aufschrei, keine Schuldzuweisungen.
Das mag man getrost als Anzeichen dafür deuten, dass die 'Rettung des demokratischen Prozesses', die von unseren Politikern und Medien immer wieder beschworen wird, von den Menschen vor Ort von Anfang an mit einer gesunden Distanz und Skepsis verfolgt wurde. In den Augen der Afghanen war das Geschachere um den 2. Wahlgang vor allem eine Angelegenheit des Westens. Das afghanische Volk steht einmal mehr als betrogen da. In seiner Haltung, die auf Erfahrung und nicht auf gelebter Demokratie beruht, ist es realistischer als die Mehrheit der Diplomaten und internationalen Akteure, wie es scheint. Viele internationale Akteure werden sich heute abend die Bettdecke über den Kopf ziehen und sich verkrümeln – denn es gibt gute Gründe, die Kakophonie westlicher Initiativen in diesem Wahl-Fiasko für den tatsächlichen Ausgang (mit)verantwortlich zu machen.
Zunächst verwundert die Chuzpe, mit der die Regierungen im Westen Karsai erneut auf den Schild heben. Derselben afghanischen Wahlkommission hatten sie zuletzt mehrfach das Vetrauen entzogen. Zu spät offenbar, um noch grundlegend die Richtung des auf Grund laufenden Tankers zu ändern, und zu disparat: UNO und US-Diplomatie haben sich in den veragenenen Monaten bekämpft, statt an einem Strang zu ziehen. Karsai hat das ausgenutzt.
Das „besser Regieren“, das Obama Karsai jetzt mit auf den Weg gibt, klingt wie blanker Hohn.
Das Desaster war nur möglich, weil der Westen selbst viel versäumt hat bei, vor und nach dieser Wahl: er hätte intervenieren können, als Monate vor dem Wahltag der Sumpf von Manipulation und tausenden 'Phontomwählern' ruchbar wurde. Er hätte auf einer Interrimsregierung bestehen können im Früjahr, als Karsais Mandat ausgelaufen war, statt ihm einen blanko cheque zur einer eigentlich verfassungswiedrigen Verlängerung des Mandats auszustellen. Er hätte vor allem in den vergangenen acht Jahren die Zivilgesellschaft stärken müssen: z.B. helfen ein Heerschar unabhängiger Wahlbeobachter aufstellen, oder einem Verfassungsgericht Konturen zu geben, das jetzt eigentlich gefragt wäre.
Die mangelnde Legitimität, die Karsai nun besitzt, überträgt sich auf die Geberländer. Real wie propagandistisch. Die PR-Pamphlete der Taliban sind bereits voll davon. Es wird die US-Regierung und und die übrigen Geberländer auf eine merkwürdige Art mit Karsai zusammenschweissen. Man wird abwechselnd auf ihn einprügeln, ihm mißtrauen und andererseits seine Figur weiterhin als Bollwerk gegen mögliche Instabilität ins Feld führen, nach dem Motto das rechtens ist, was die gewohnte (Un)Ordnung gefährdet. Dabei ist der Flächenbrand im Zentrum der afghansichen Macht der äußeren Gefahr mittlerweile ebenbürtig, wie immer mehr eingeweihten Beobachtern auffällt.
Dieser Tag ist auch gut um sich über die Grenzen dessen klar zu werden, was in Afghanistan machbar ist und was nicht. Über das, was halbherzig geschieht (zu wenige Polizei- und Armee-Ausbilder, zu wenig zivile Aufbauhilfe) und das, was – aus Mißtrauen – immer hinausgezögert wird: den Afghanen mehr Verantwortung übertragen. Auch hier hat der Westen sich früh für den Handschlag mit warlords des alten und neuen Kalibers entschieden. Eine Riesenhypothek.
So schreibt denn ein Bekannter, der seit über 30 Jahren Afghanistan als Entwicklungshelfer verbunden ist in eigener Wahrnehmung und Übermittlung einheimischer Befindlichkeiten: „das mit der Stichwahl war vor allem ein Problem fürs Ausland. Die erste Wahl, auf der Karzai gewählt wurde, war auch nicht besser. Aber da wollte das Ausland diesen Herrn. Jetzt wäre man ihn gerne los, hat es aber versäumt, einen Gegenkandidaten aufzubauen. Für die Afghanen waren die Kandidaten allesamt wenig attraktiv. So war dann wohl Karzai für eine Mehrheit noch das kleinste Übel. Es hätte hier niemanden gestört, wenn Karzai und Abdullah sich arrangiert hätten und gemeinsam mit den anderen notorischen Lumpen eine Regierung gebildet hätten. Dann überkamen die ausländischen Politiker ganz unerwartet urdemokratische Empfindungen und sie setzten eine Stichwahl durch. Durch seinen Rückzug unter Protest hat es Abdullah nun geschafft, dass alles beim Alten bleibt.“.

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Schatten auf der Stichwahl








Kann man das Falsche tun, indem man das Gebotene beherzigt? Lässt sich Glaubwürdigkeit wieder herstellen, in dem man der Verfassung genüge tut? Können Akteure, die aktiv oder passiv Wahlfälschung unterstützt haben, die Demokraten von morgen sein?
Es gibt gute Gründe, die Entscheidung für eine Stichwahl in Afghanistan eine demokratische Scheinübung zu nennen. Nicht nur, weil es beim zweiten Wahlgang keinerlei Garantie gegen erneute Fälschungen gibt (es werden sogar deutlich weniger unabhängige Wahlbeobachter zugegen sein als zur ersten Runde im August). Die Stichwahl dient der Gesichtswahrung des Westens, der Karsai aber auch sein eigenen Aufbauziele und -rhetorik sonst kaum mehr halten könnte. Selbst wenn Karsai die Stichwahl gewinnt, bleibt mehr als ein Makel. Im Grunde kann Karsai Demokratie, wie sie den Geberländern vorschwebt, nicht mehr glaubwürdig verkörpern.
Das wird auch Konsequenzen haben für die Debatte um die Verlängerung der militärischen Mandate. Immer mehr sickert zudem durch, dass er mächtig zur Anerkennung der revidierten Auszählung getrieben werden musste. Keine gute Grundlage für das gemeinsame Ausarbeiten künftiger Strategien im Übrigen.

Unter meinen afghanischen Kollegen reagieren viele mit deutlich kritischem Unterton.
Einer von ihnen stellt die Gretchenfrage: “My concern is that no one recognizes Afghanistan as a country. All see this country as a battlefield and board for political games. If fraud is a crime why is Karzai still permitted to go to the second round? If fraud is not a crime so why we go to the secound round?” Diese Fragen richten sich ebenso an eine werdende Nation, die über keine unabhängige Justiz verfügt, wie an die Adresse jener internationalen Akteure, die seit geraumer Zeit mit doppelten Standards in Afghanistan operieren. Die Diskrepanz lässt sich nun immer seltener verbergen.
Eine Bekannte, die vor zwei Monaten noch in leitender Funktion für FEFA, der einzigen grösseren unabhängigen afghanischen Wahlbeobachterorganisation, tätig war, schreibt unmißverständlich:
„I am not too excited about this whole run-off thing. Too much money, too much risk. I don't think most people will participate either... and what are the guarantees that there won't be fraud again?”
Triumphgefühle, die westliche Diplomatie hätte der afghanischen Bevölkerung einen Dienst erwiesen, sind damit unangebracht. Aussagen, Karsai sei rechtzeitig eine Lektion erteilt worden, enthalten das Fünkchen Missionierungsgeist zuviel, und sollten am Besten nicht zu der Annahme veranlassen, das Pendel könne nicht auch hier zurückschlagen.
Wieder einmal lohnt es sich, genau auf das afghanische Echo zu hören, das uns viel lehrt, darüber, wie Demokratie konjugiert wird von den Menschen. Der Blog des Afghan Analysts Networks ist ganz aufschlussreich in dieser Hinsicht. Ich zitiere draus eine Frau aus Kabul: "We’re going to have another election but we still have no candidate we would want to vote for.”

Das tatsächliche Ergebnis dieser Wahl werden wir, ähnlich wie im Iran, vermutlich nie erfahren. Anders als in Persien verfügt der Westen aber am Hindukusch über ungleich mehr Einfluss. Man kann auch hier von Versäumnissen reden. Etwa bei der Frage, warum in den vergangenen Jahren und angesichts einer weitverbreiteten Skepsis über die afghanischen Politiker, kaum Anstrengungen unternommen worden sind, afghanische Wahlbeobachter und ihre Organisationen in grossem Stil zu stärken. Ähnlich wie bei der Ausbildung des Militärs wäre hier Klotzen statt Kleckern angesagt gewesen. Man hätte z.B. ein Heer unabhängiger Wahlbeobachter ausbilden müssen, mit staatlich verbriefter Autorität. Stattdessen trieben Tausende Parteigänger der Kandidaten am und um den Wahltag ihr Unwesen. Manipulation und Einschüchterung waren damit Tür und Tor geöffnet.
Es rächt sich jetzt auch das Präsidialsystem, wie es sich Karsai mithilfe der US-Regierung maßschneidern liess: keine Parteien, die ihm in die Suppe spucken. Stattdessen Absprachen mit Technokraten und ehemaligen warlords samt ihres bewaffneten Anhangs. Diese Sünden der neuen afghanischen Demokratie werden bis heute sanktioniert durch die Geberländer. All das ist, man ahnt es, ein gefundenes Fressen für jegliche Opposition, sei sie demokratisch oder fundamentalistisch.

Mittwoch, 23. September 2009

Blick in die Chrystal-Kugel











Die (Selbst)Kritik von US-General McChrystal, dem obersten US-Kommandeur in Afghanistan, in seinem 66-Seiten-Papier (download des dokuments)an die US-Regierung klingt schonungslos. Tatsächlich nimmt der Bericht viel von dem auf, worauf Experten, Hilfsorganisationen und eine Anzahl von Diplomaten bereits seit Längerem verweisen. Der Bericht ist voller Hinweise auf die komplexen gesellschaftlichen Zusammenhänge, die die NATO in Afghanistan vorfinde. Das ist richtig beobachtet. Es beinhaltet zugleich das Eingeständnis, dass sich die führenden Militärs lange nicht auf den Kern erfolgreicher Aufklärung konzentriert haben, dh. eine realistische Analyse der Verhältnisse, unter denen der Konflikt stattfindet. Ob die Entsendung mehrerer Hundert zusätzlicher CIA-Beamter, über die wenige Tage zuvor befunden wurde, des Rätsels Lösung sind, sei einmal dahingestellt.
Eine der wesentlichen Passagen, in denen auf die Motivation des Aufstandes Bezug genommen wird, bleibt jedenfalls merkwürdig vage. So als fehle dem Autor der letzte Erkenntnisgewinn. Der Bericht verharrt in Allgemeinheiten (zumindest in dem Teil, der der Öffentlichkiet vorliegt).

“The conflict in Afghanistan is often decribed as a war of ideas and perceptions; this is true and demands important consideration. However, perceptions are generally derived from actions and real conditions, for example by the provision or a lack of security, governance, and economic opportunity. Thus the key to changing perceptions is to change the fundamental underlying truths. To be effective, the counterinsurgent cannot risk credibility by substituting the situation they desire for reality.”

Der Leser wird der Zeilen wird das Gefühl nicht los, dass man nach acht Jahren Militärpräsenz noch tief in der Ursachenforschung steckt. Vor dem Hintergrund erscheint es folgerichtig, dass bisherige ‚Strategien’ nicht erfolgreich waren.
Das Wort ‚Strategie’ wird ein ums andere Mal strapaziert, oft zu Unrecht. Was McChrystal an seine Regierung in Washington geschickt hat ist keine neue Strategie (soweit ich sehe wird die Behauptung in dem Papier nicht erhoben) sondern vielmehr die Suche danach.

Ein paar Zitate in dem Bercht treffen sich mit meinen Beobachtungen vor Ort und deuten, man darf das hoffen, eine Umkehr in der bisherigen Politik an. Ansonsten gilt vermutlich, was afghanische Leser zuletzt anlässlich Obamas Rede in der Universität von Kairo geäußert haben: es hört sich gut an, jetzt wollen wir Taten sehen.
„Die ISAF-Schutztruppe“, heisst es in dem Bericht, „ist eine konventionelle Truppe die ungenügend zusammengesetzt ist für eine allumfassende Bekämpfung der Aufständischen, unerfahren in den afghanischen Landessprachen und mit der Kultur des Landes.“ An anderer Stelle ist von wachsender Entfremdung die Rede: „Wir haben in einer Art und Weise operiert, die uns - physisch und psychologisch - von den Menschen entfernt hat, die wir beschützen wollen."

Für einen Strategiewechsel gibt McChrystal sich 12 Monate Zeit. In dieser Zeitspanne soll unter anderem der Aufbau afghanischer Sicherheitskräfte beschleunigt werden. Das bestehende Ziel - eine Erhörung des afghanischen Militärs von 92.000 auf 134.000 Soldaten bis Dezember 2011 - will die US-Regierung um ein Jahr beschleunigen. Wie dieser Crash-Kurs in Militärausbildung erreicht weren soll wird in dem Bericht im Detail nicht erläutert. Skepsis ist angebracht. Bisherige Zeitvorgaben, auch bei der Polizeiausbildung, haben sich nicht wie erhofft einhalten lassen. In Kürze kommt für vier Monate der Winter, in dem sich erfahrungsgemäß wenig bewegt.
Das westliche Militär, so McChrystal, könne sich, sofern aus den Fehlern nicht gelernt werde, nur selbst besiegen. „Sollte es nicht gelingen, innerhalb kurzer Frist die Initiative zu übernehmen und die Stoßkraft der Aufständischen abzuwenden, während gleichzeitig die Sicherheitskompetenz Afghanistans zunimmt, droht ein Zustand, in dem eine Niederschlagung des Aufstands nicht länger möglich ist".
Der Bericht kritisiert den hohen Grad an Korruption in Afghanistan auf allen Ebenen. Interessanterweise rät er auch der internationalen Gemeinschaft ihre „eigenen korrupten oder kontraproduktiven Praktiken“ anzugehen. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit, nicht zuletzt von unseren eigenen Medien zu leisten. Zugleich verspricht McChrystal eine engere militärische Kooperation zwischen NATO- und afghanischem Militär. Offiziellen Bekundungen zum Trotz besteht unverändert eine Mauer des Mißtrauens zwischen beiden Seiten.
Die neue Strategie, so heisst es weiter, werde den eigenen Truppen grössere Risiken abverlangen. Die NATO könne „nicht gewinnen wenn sie nicht bereit ist ein Risiko zu teilen, das mindestens ebenso gross ist, wie das der Bevölkerung.“ Kurzfristig, so Mc Chrystal, sei es „realistisch zu erwarten, dass die Zahl afghanischer und ISAF-Opfer zunehmen wird.“

Einen Gefahrenherd für die künftige Entwicklung sieht McChrystal in den afghanischen Gefängnissen. Dort rekrutierten Taliban und Al Qaida erfolgreich Nachwuchs. Strategisch müsse dem mit einem Programm entgegengewirkt werden, das umkehrwilligen Aufständischen Anzreize gebe, in den Alltag zurückzukehren und Arbeit zu finden.
Der Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Radikalisierung ist von Experten längst erkannt. Auch ein Programm zur Reintegration ehemaliger Taliban gibt es seit mehreren Jahren. Nennenswerte Erfolge konnte die afghanische Regierung dabei bisher nicht verzeichnen.
Grundsätzlich verweisen mehrere Punkte in McChrystals Bericht auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge, die mehr zivile Helfer und Koordination erforderlich machen. Das Militär kann z.B: nicht nach Belieben in afghanischen Gefängnissen intervenieren.
Hier wie an anderen Punkten fragt sich der Leser, ob mehr Soldaten (wie von McChrystal und den für die Region hauptverantwortlichen US-Militärs gefordert) wirklich die Lösung sind, oder ob nicht vielmehr zivile Experten gebraucht werden angesichts der kulturellen Hürden, die der US-General beschreibt.
„Die Afghanen müssen ISAF Soldaten als Gäste wahrnehmen, nicht als besetzende Armee“, schreibt der US-General. Und: ISAF-Verantwortliche in Schlüsselpositionen müssten Unterricht in den Lokalsprachen erhalten. So komisch es klingt: erst acht Jahren nach dem Sturz der Taliban wächst offenbar die Erkenntnis, dass militärischer Erfolg auch zwischenmenschlicher Kommunikation mit den Einheimischen bedarf. Eine Rolle mag hierbei spielen, dass es Teilen der ISAF offenbar immer schwerer fällt Dolmetscher und Übersetzer zu rekrutieren. Zur Entlastung der Soldaten sei gesagt: Das Lernen der Landessprache ist Problem der Militärs allein. Die Masse der zivilen Hilfsorganisationen hat nach eigener Aussage hier erheblichen Nachholbedarf.
Aus all dem folgt auch: es braucht in Afghanistan eine Kultur des Respekts. Die Menschen in Afghanistan erwarten, dass ihr konkretes Anliegen nach Sicherheit und Aufabu auf allen ebenen ernster genommen wird. Das Versprechen darauf findet sich übrigens in der Definition des ISAF-Auftrages, wie er im McChrystal-Bericht formuliert ist. Im Bereich Beschäftigung z.B. denke ich ist dieser Anspruch vermutlich zu anmaßend formuliert. Das ausländische Militär wird nicht auf Dauer der grosse Arbeitgeber für die Bevölkerung sein können, und wenn, dann nur auf Kosten schon jetzt erkennbarer Sicherheitsprobleme. Die Menschen erwarten auch, das der Begriff Sicherheit nicht ausschliesslich nach westlichen Maßstäben und geo-strategischen Interessen definiert wird.

Freitag, 11. September 2009

Helden unserer Zeit












Kundus kommt nicht zur Ruhe. Die Nachbeben des fatalen Luftangriffs, der von deutscher Seite in Auftrag gegeben wurde, dauern an. Diesmal ist es der ungeklärte Tod eines afghanischen Reporters, der für Wellen sorgt. Einmal mehr stehen Ansehen und Aufrichtigkeit des Auslands in Afghanistan in dem Fall auf dem Spiel.
Denn seit zwei Tagen richten sich Kritik und Unmut auch gegen die englischen Truppen. Insbesondere gegen das militärische Kommando, das den britisch-irischen Reporter der New York Times befreite. Stephen Farrell und sein afghanischer Kollege Sultan Mohammad Munadi waren am vergangenen Samstag von Taliban bei Kundus entführt worden, als sie über die Folgen des Luftangriffs recherchierten.
Farrell ging als glücklicher Held aus der Befreiungsaktion hervor. Sultan Munadi bezahlte den Einsatz mit seinem Leben. „Er war bis zuletzt an meiner Seite, versuchte mich zu schützen“, schreibt Farrell. Ob sein afghanischer Begleiter durch Taliban-Feuer oder durch Schüsse des Befreieungskommandos starb könne er nicht sagen.
Stimmen in der britischen Regierung, die der Rettungsaktion zustimmte, fanden für das Kommando die Worte „heldenhaft“. Möglicherweise wollte sie durch die Freilassung eines Landsmanns in Afghanistan punkten. Offenbar aber verlief ein Teil der Aktion im Fiasko,
Vier Menschen kamen ums Leben. Neben Sultan Munadi auch ein britischer Soldat sowie eine afghanische Frau und ein Kind. Der britische Geheimdienst hatte zudem offenbar ohne Kenntnis der Lage vor Ort eingegriffen. So gab es bereits Verhandlungen über eine Freilassung der beiden Reporter. Diese schienen sogar auf einem gutem Weg zu sein.
All das ruft nun den Zorn vieler Medienschaffender in Afghanistan hervor und der dazugehörigen Verbände. Kollegen des Verstorbenen stellen sogar grundsätzlich in Frage, dass die Rettungsaktion auch ihrem afghanischen Kollegen gegolten habe.
„Es gibt mehrere Hinweise, dass es den Befreiern nicht um das Leben von Sultan Munadi ging“, glaubt Barry Salam, ein Freund und Medienunternehmer. „In vielen Berichten wir seine Rolle auf die eines Dolmetschers reduziert, was ganz und gar nicht der Wirklichkeit entspricht. Ausserdem gibt es Augenzeugenberichte.“
Downing Street, der Amtssitz von Gordon Brown, dementiert dagegen, die Rettungsaktion habe sich an beide gerichtet und sei die beste Möglickeit gewesen, das Leben beider zu retten.
Der neu gegründete Media Club of Afghanistan, ein Verband afghanischer Journalisten die mit internationalen Medien zusammenarbeiten, verurteilt zwar einerseits die Taliban für die Entführung. Andererseits nennt er das Eingreifen der britischen NATO-Militärs unverhältnismäßig.
So seien die Verhandlungen zur möglichen Freilassung der beiden auf gutem Weg gewesen.
„Das internationale Rote Kreuz war eingeschaltet, auch lokale Würdenträger vor Ort bemühten sich um eine rasche Einigung. Es hat klare Anzeichen für eine friedliche Lösung der Entführung gegeben“, so Barry Salam.
Was davon wussten die Briten ? Und warum griffen sie trotzdem militärisch ein ? Mittlerweile ist eine Untersuchungskommission gebildet worden, die mit Billigung der afghanischen Regierung in Kunduz Erkundungen einholt. Für morgen haben afghanische Journalistenverbände eine grosse Pressekonferenz angekündigt. Unterstützt werden sie von Organisationen der afghanischen Zivilgesellschaft.
Was viele afghanische Medienvertreter umtreibt ist vor allem eine Frage: warum erneut wir? Nicht zum ersten Mal kommt ein ausländischer Reporter aus den Fängen der Taliban frei, während sein afghanischer Begleiter stirbt. So hatte im März 2007 der Fall des entführten Italieners Daniele Mastrogiacomo international für Aufsehen gesorgt. Der Reporter der Tageszeitung 'La Repubblica' war in Begleitung seines afghanischen Kollegen Ahmad Naqshbandi auf Recherche im Süden Afghanistans. Mastrogiacomo kam nach zwei Wochen frei. Im Tausch gegen mehrere Taliban. Naqhsbandi wurde dagegen durch seine Entführer enthauptet. Er war nicht der Faustpfand in den Händen der Aufständischen, den ein Ausländer darstellt. Der Italiener wurde bei seiner Rückkehr in Rom als Held gefeiert. In Afghanistan herrschte dagegen Verbitterung. Wieder einmal stellte ein ausländischer Reporter das lukrativere Faustpfand in den Händen von Entführern da.
Munadis Leiche liessen die britischen Militärs zunächst in Kundus zurück, erst später wurde der Körper überführt. Nicht nur seine Journalisten-Kollegen sehen darin mangelnde Pietät „Für viele ist das ein Zeichen grösster Respektlosigkeit. Sie werten es als unmenschlich. Einige, die seinen Körper mit völlig verblutetem Leichentuch gesehen haben, meinten so herzlos würden nicht einmal die Taliban sein“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter der Karsai-Regierung.
Letztendlich beschleicht viele afghanishe Journalisten das Gefühl, sie seien in der Schlacht um Schlagzeilen, Geschichten und die Suche nach der Wahrheit nur Menschen zweiter Klasse.
Ein anderer einflussreicher afghanischer Medienverband meldet sogar ausdrücklich Bedenken an: jeder afghanische Journalist, so ihr Vorsitzender, solle sich in Zukunft genau überlegen, mit wem er in Zukunft zusammen arbeite und recherchiere. Damit wird, so interpretieren es Beobachter, auch die Version von Farrell und seine Aufrichtigkeit grundsätzlich in Frage gestellt. Ein Reporter der New York Times steht entblösst da. Zugleich kondolieren ehemalige Kollegen der Zeitung, „ohne Sultan Munadi wäre das Kabuler Büro der New York Times heute nicht das, was es ist.“
Ob und was all dies für deutsche und ausländische Journalisten bedeutet, wenn sie künftig in Afghanistan arbeiten, ist unklar. Sicher tun sie gut daran, ihren Übersetzern und Dolmetschern den Respekt zukommen zu lassen, den diese verdienen.
In vielen Fällen sind die sogenannten 'Stringer' für die ausländischen Reporter wie eine Lebensversicherung. Sie treiben die Gesprächspartner auf, schätzen die Seriosität von Informationen ein und organisieren Fahrer, auf die Verlass ist. „Die afghanischen Kollegen begleiten Reporter aus dem Westen mit ins Feld. Sie leiten dabei genauso an wie sie ihnen folgen. Sie sind wie ein mobiles 'Who is Who' für uns. Sie fungieren als Historiker und Führer, als Lügendetektor und Versorgungshilfe sowie als logistische Planer “, so Barry Bearak, ex-Kollege und Chef des Südasien-Büro der New York Times, „sie nehmen das gleiche Risiko auf sich wie ihre ausländischen Kollegen, bekommen dafür weniger Gehalt und auch nicht den Ruhm“, so Bearak.
Sultan Munadi hat darüberhinaus in Kabul mit Erfolg das populäre Radioprogram 'Good Morning Afghanistan' mitaufgebaut und am Entstehen eines multimedialen Medien-Büros mitgewirkt.
Ende letzten Jahres ging er zum Studium nach Deutschland. Ein Materstudiengang über „Good Governance“. „Sultan Munadi war sehr beliebt, nicht nur unter den Afghanen“, erinnert sich sein deutscher Professor, Dietmar Herz von der Erfurt School of Public Policy. „Er hatte ein Führungsrolle inne unter den afghanischen Studenten. Und er war ein sehr reifer junger Mann.“
Anders als viele seiner afghansichen Kollegen, die im Gegensatz zu ausländischen Reportern in der Regel nicht versichert sind, könnte Munadis Familie Glück im Unglück haben. Die Universität Erfurt bemüht sich zur Zeit, dass sein Fall versicherungsrechtlich anerkannt wird beim federführenden Deutschen Akademischen Austauschdienst. Seine Reise würde dann nicht als Einsatz im Krieg eingestuft, sondern als Student auf Heimaturlaub in Afghanistan. Tatsächlich galt seine Reise nach Kabul dem Besuch von Eltern und Familie. Anfang Oktober hatten seine Kommilitonen ihn für den Beginn des Wintersemesters zurückerwartet. Die Universtität Erfurt hat auch ein Konto eingerichtet, das den Angehörigen von Sultan Munadi zugute kommen soll.
Der 34-jährige hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.
Die Debatte in Afghanistan um die tragisch zuende gegangene Befreiungsaktion dürfte derweil noch nicht am Ende sein. „Dieser Fall, zusammen mit dem Luftangriff in Kundus, ist ein bedeutender Rückschlag für die Anstrengungen der Regierung und ihre Verbündeten, die öffentliche Meinung in Afghanistan zu gewinnen“, meint Fayeq, ein bekannter Moderator im afghanischen Fernsehen. In einem der Fälle habe ein Sprecher der Taliban eine Untersuchung der Vereinten Nationen gefordert. In der Propaganda-Schlacht zwischen Aufständischen, afghanishen Behörden und NATO setzt dies die Regierung Karsai und den Westen einmal mehr unter Druck.
Die ge- und zugleich missglückte Befreiungsaktion wird auch äußerst kritisch gesehen in Afghanistan, weil es sich bei den Briten um die ehemalige Kolonialmacht handelt, der viele bis heute negative Absichten und Täuschung gegenüber Afghanistan und seinen Menschen unterstellen. Jedenfalls ist das Verhältnis emotional alles andere als unbelastet, wie viele militärische und diplomatische Zwischenfälle der vergangenen Jahre gezeigt haben.

Auch Tagesspiegel 12.9.

Mittwoch, 9. September 2009

Reporter-Tod: ein Journalisten-Leben zweiter Klasse ?












In Afghanistan ist ein einheimischer Reporter ums Leben gekommen. Bislang hat das in Deutschland und im Westen wenige interessiert. Das könnte diesmal anders sein. Sultan Mohammad Munadi (auf dem Foto links) hat nicht nur für die New York Times zu den zahlreichen Opfern des von einem deutschen Kommandeur befehligten Luftangriffs in Kundus recherchiert. Er hat auch bis zuletzt in Deutschland studiert.
Die Umstände seines Todes sind noch unklar. Möglicherweise könnten sie eine eigene Untersuchung nach sich ziehen. Das fordern jedenfalls einige seiner afghanischen Journalisten-Kollegen. Ihr Unmut scheint verständlich. Einmal mehr ist ein westlicher Journalist frei gekommen aus Taliban-Haft. Sein afghanischer Kollege dagegen bezahlt den Reporter-Einsatz mit dem Leben.
Gordon Brown spricht von einer ‚heldenhaften’ Befreiungsmission englischer Militärs, die aber offensichtlich in einem halben Fiasko endete. Afghanische Medienvertreter stellen die Frage, ob auch in diesem Fall mangelnde Verhältnismäßigkeit vorlag. „It makes it seem as if the Afghans are not worth as much as the foreigners are worth”. Auch wenn diese Äußerung eines engen Freundes des Verstorbenen von spontanen Emotionen geprägt ist, ganz von der Hand zu weisen lässt es sich nicht: afghanische Journalisten geniessen in der Regel einen schlechteren Schutz. Das gilt für ihre Ausrüstung genauso wie für ihre Lebensversicherung. Selbst die grossen Agentur-Büros in Kabul behandeln ihre jahrelangen afghanischen Mitarbeiter, denen sie viele Recherchen und preisgekrönte Bild-Aufnahmen zu verdanken haben in diesem Punkt als Reporter (Menschen?) zweiter Klasse.
Dies war und ist deutschen und internationalen Medien bislang kein nachhaltiges Ausrufungszeichen wert gewesen. Und diesmal? Im Mittelpunkt zahlreicher Artikel in deutschen Medien über die Befreiungsaktion stehen Glanz und Glück des britischen New York Times-Reporters, nicht sein tragisch ums Leben gekommener afghanischer Kollege. Munadis Tod mutiert, zumindest in einigen Berichten, zu einer Randgeschichte. Dies hat, ob beabsichtigt oder nicht, durchaus Symbol-Charakter. Es entspricht den immer bohrenden Fragen eines nicht geringen Teils der afghanischen Bevölkerung, spiegelbildlich zu dem offensichtlich unverhältnismäßigen Luftangriff vom vergangenen Freitag.

Der getötete afghanische New York Times Reporter studierte in Deutschland
Tagesspiegel-Artikel

Dienstag, 8. September 2009

Der psychologische Faktor






Ein Hintergrundstück, das ich über die Ereignisse in Kunduz für den Tagesspiegel geschrieben habe, ist dort mit dem etwas verkürzenden Titel 'Reden und Tee trinken' überschrieben. Die Überschrift erscheint mir etwas mißverständlich. Mein Plädoyer ist im westenlichen eines für mehr interkulturelle Ausbildung und Kompetenz, auch für bessere Kommunikation und ein verändertes Auftreten in Afghanistan. Ich hege nicht die Illusion, dass sich Feindbilder in der derzeitigen Lage abschaffen lassen, aber wenn es gelingt sie zu relativieren, den kulturellen Kontext besser zu erfassen, kann dies möglicherweise dazu beitragen solche Ereignisse künftig zu vermeiden.
Hier der ursprüngliche Hintergrund, ergänzt um weitere Beobachtungen.


Der psycholgische Faktor: Vertrauen und Vertrauensverlust nach dem Desaster von Kundus

Neben der unklaren Faktenlage der Ereignisse von Kundus spielen psychologische Faktoren und Kommunikation eine grosse Rolle. Sie entscheiden oft über das weitere Verhalten der Menschen vor Ort. Davon hängt auch ab, ob und inwieweit sich Afghanen und Deutsche in Kundus demnächst überhaupt noch vorurteilsfrei auf der Strasse begegnen können.
Auch drei Tage nach den Ereignissen warten nicht nur afghanische Medienkollegen sondern vor allem Familien und Angehörige von Opfern ein offizielles Statement des deutschen PRT in Kundus. Auch eine Entschuldigung bei ihnen ist bisher ausgeblieben. Jeder Tag, der unbeantwortet vergeht lässt Spekulationen ins Kraut schiessen und ist Wasser auf den Mühlen der Aufständischen.
Anfänglich erklärte die Bundeswehr, unter den Tätern seien ohne Ausnahme Taliban. „Dies ist heikel“, so Asef Hosseini, ein afghanischer Intellektueller. „Es kränkt jene, die es zu Unrecht trifft und verletzt ihren Stolz.“ Hosseini verweist darauf, dass „Taliban und jene, die mit ihnen sympathisieren keine Mitgliedsausweise mit sich führen“. Die Grenzen verlaufen nicht schwarz-weiss, wie das der Militär-Jargon bisweilen nahe legt. Wann fängt Jemand an, aus Sicht der NATO ein Talib zu sein? Wer legt diese Grenze fest? Gibt es unterschiedliche Kriterien zur Bekämpfung aktiver Taliban und passiver Sympathisanten?
Es heisst in einigen Äußerungen, es hätten sich nur Menschen an den Tanklastern zu schaffen gemacht, die „unter Kontrolle“ der Taliban gestanden hätten. „Kontrolle“ wird in dem Fall über Waffengewalt ausgeübt. Die Mehrzahl der einfachen Afghanen sind unbewaffnet und fühlen sich bedroht. Das Mitmachen am Entleeren des Tanklasters ist also noch nicht automatisch ein Beweis für Mittäterschaft.
Wie unterschiedlich gedacht und empfunden wird zeigt der Hinweis in afghansichen Medien, es sei geplant auch Familien mutmasslicher „Taliban-Opfer“ finanziell zu entschädigen.
Der Begriff der Bedrohung im afghanischen Kontext ist nur begrenzt objektivierbar, nicht nur was Kunduz angeht. Es vermischen sich objektive und subjektive Kriterien. Ein Beispiel: am Neujahrstag erhalten viele afghanische Jugendliche Spielzeugwaffen als Geschenk, die mehr oder weniger echt aussehen. Ihr Spielplatz ist die Strasse. In ISAF-Flugblättern wurde die Bevölkerung in der Vergangenheit vor Verwechselungen mit echten Waffen gewarnt. In mindestens einem Fall soll ein Junge mit Spielzeugwaffe getötet worden sein.
Aus Sicht der ISAF mag die Bedrohung möglich bzw. real erscheinen. Für ausländische Entwicklungshelfer in zivil erscheint die gleiche Situation vergleichsweise ungefährlich. Sie kennen das Treiben vor ihrer Haustür und gehen von Anfang an anders mit der Situation um.
Der deutsche Kommandeur in Kundus soll US-General Mc Chrystal bei der Untersuchung nahe gelegt haben, aus Sicherheitsgründen den Tatort nicht zu inspizieren und auch nicht das Krankenhaus in Kundus mit Opfern. Mc Chrystal hielt dies offenbar für ein kalkulierbares Risiko.
„Ausbügeln“ müssen den Vorfall womöglich die übrigen Deutschen und Ausländer in Kundus. Entwicklungshelfer, Diplomaten, Journalisten. Schon vor Wochenfrist im afghanischen Wahlkampf war hier eine deutliche Distanz zu spüren. Bevölkerung aber auch Amtsträger mieden den Kontakt mit den Ausländern. Schon die schiere Präsenz von NATO-Militärfahrzeugen lässt mittlerweile das Leben im Bazar, erstarren. Autofahrer steuern an den Seitenrand und rühren sich nicht vom Fleck, aus Angst für einen Selbstmordattentäter gehalten zu werden.
Gemeinsam mit Militärs gesehen zu werden lehnen viele Helfer schon seit geraumer ab. Es bringt sie in Mißkredit und auch jene Afghanen, die mit ihnen arbeiten. In Zukunft dürften deutsche zivile Helfer gerade in Kundus noch weniger geneigt sein, sich mit Bundeswehr sehen zu lassen, und sei es nur für das berühmte Erinnerungsfoto.
Einige Bundeswehr-Soldaten haben ihre Afghanistan-Erinnerungen mittlerweile in Buchform veröffentlicht. Wir erfahren darin viel über ihre Ängste und den psychischen Druck, dem sie nicht zu leugnen ausgesetzt sind, weniger über Afghanistan und seine Menschen. Eine Begegnung mit Einheimischen, die über ein Händeschütteln hinausgeht, haben viele von ihnen nicht erlebt. „In der Ausbildung wird der Eindruck erweckt, hinter jedem Baum in Afghanistan verstecke sich ein Talib“, sagt ein Reserve-Offizier der Bundeswehr, der zweimal im Norden eingesetzt war.
Der Reservist ist längst wieder in Deutschland. Die Frage aber bleibt: sind Offiziere und Mannschaftsgrade ausreichend auf den Umgang mit der Situation vor Ort eingestellt. „Es gehen junge Handwerker als Soldaten nach Afghanistan, die mit der komplexen Lage vor Ort vollkommen überfordert sind“, sagt ein Experte, der unerkannt bleiben möchte.
Deutsche Offiziere und Kommandierende in Kundus sind mittlerweile einem erheblichen Druck ausgesetzt, die verschiedenen Sprach-Regelungen einzuhalten: einen für die deutschen Medien, einen für die afghanische Öffentlichkeit und einen für die interne NATO-Kommunikation. Sie sind zunehmend im Gespräch mit Militärpsychologen und Militärseelsorgern vor Ort.
„Die neue Strategie der Amerikaner bedeutet im Grunde Tee trinken, Tee trinken, Tee trinken mit den Afghanen“, sagt so der Experte sarkatisch. Im Kern würde Stanley Mc Chrystal, der neue NATO-Oberbefehlshaber in Afghanistan, das womöglich unterschreiben. Dies habe sich allerdings noch nicht an allen Standorten herumgesprochen. Was es brauche, so der Experte, sei interkulturelle Kompetenz, die Kultur und Denken der Afghanen voll respektiere.
Tee trinken mit den Afghanen braucht fähige Dolmetscher. Daran fehlt es der Bundeswehr in Kundus zur Zeit. Die Deutschen suchen händeringend nach afghanischen Übersetzern. Nach dem jüngsten Vorfall dürften diese noch schwerer zu finden.sein. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wiegt Geld auch bei jungen Männern , die diese Arbeit regelmäßig übernehmen, nicht mehr alles auf.
„Die Afghanen sind Zaungast“ zwischen Taliban und ISAF, meint der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes zu den Ereignissen in Kundus. Wenn es die Ohnmacht der Bevölkerung meint, ihren Alltag trotz der Angriffe und Schiessereien zu bewältigen, dann mag man das so sehen. „Gast“ sind bis auf weiteres noch immer die über 40 Nato-Staaten in Afghanistan, auch wenn faktisch hinter den Kulissen die wirklichen Kräfteverhältnisse oft andere sind.
Das Verteidigungsministerium, das sich in der Defensive befindet, hat die afghanischen Sicherheitsbehörden in Kundus zitiert. Diese hätten den Angriff ausdrücklich gut geheissen. “Wenn der Gouverneur oder Sicherheitschef von Kundus die deutsche Version nach aussen stützen, dann mag das aus Überzeugung geschehen. Es mag aber auch taktisches Verhalten dabei geben“, meint ein afghanischer Journalist in Kundus. Unlängst wurde der Bundeswehr auf von Afghanen in Kundus vorgeworfen, zu zaghaft gegen Aufständische zu agieren. Nach aller Erfahrung heisst dies nicht, dass das andere Extrem damit gut geheissen wird, zumal wenn dabei Zivilisten ums Leben kommen.

Montag, 7. September 2009

Der "GAU"









Mein jüngster Artikel im Tagesspiegel über die aktuelle Lage in Kunduz begann mit der Beschreibung eines Tanklasters, der ausgebrannt auf der Landstrasse zwischen Kundus und Baghlan liegt und symbolisch auf die neuen Gefahren in der Region verweist. Von Tadschikistan kommend ist die Hauptstrasse seit kurzem Versorgungsweg der NATO in die Region und nach Kabul u.a.. Hier fuhren auch die beiden Tanklaster, die auf Befehl der Bundeswehr beschossen wurden am 3. September (die Zahl der Opfer ist immer noch unklar. Die Angaben reichen von „56 Aufständischen“ (Bundesverteidigungsministerium) bis zu über 100 in den afghanischen Medien.)
Das ausführende Flugzeug war offenbar eine US-Maschine, die laut Angaben meines Stringers vom US-Luftstützpunkt Bagram bei Kabul gestartet sein soll.
Mittlerweile ist die kuriose Situation entstanden, dass ausgerechnet das US-Militär und sein NATO-Oberbefehlshaber in Afghanistan, die bislang für die meisten unverhältnismässigen Luftangriffe der vergangenen Jahre verantwortlich gemacht werden, solches Verhalten indirekt der Bundeswehr vorwerfen, die bisher immer mit dem Finger auf die Amerikaner gezeigt hatte angesichts von Negativauswirkungen für die übrigen ISAF-Nationen.
Offenbar hat es ernsthafte Verstimmungen gegeben zwischen deutschen und us-amerikanischen Veratnwortlichen, wie man unschwer aus dem Artikel der Washington Post entnehmen kann. Der Artikel hat Kronzeugen-Charakter. Wenn einige der Punkt, die darin erwähnt sind, namentlich in der Auseinandersetzung zwischen deutschem Befehlshabenden und US-amerikanischem Oberbefehlshaber für Afghanistan bestätigen wird das die Debatte weiter entfachen. Implizit enthält der Artikel den nicht direkt ausgesprochenen Vorwurf, die deutsche Seite wirke durch ihr Verhalten einer raschen Aufklärung der Vorkommnisse entgegen, ja verhindere diese möglcherweise


Winfried Nachtwei, einer der Gäste auf dem Afghanistan-Filmfestival, das ich über das Wochenende in Hamburg co-organisiert und kuratiert habe, hat in der aktuellen Podiumsdiskussion die wir dort zum Thema hatten von einem ‘GAU’ gesprochen. Er befürchtet, dass Ansehen und Sicherheit der Deutschen im Norden nachhaltig leiden werden.
Nachtwei ist Obmann im Verteidigungsausschus des Bundestages. Er beklagt in den 3 Tagen seit dem Ereignis unveränderte eine „Informationssperre“ von Verteidigungsminsterium und Bundesregierung. Er habe nicht mehr als eine lapidare 16-Zeilen-Meldung des Ministeriums erhalten, die keinerlei Aufklärung erhalte. „Die hohen Operzahlen können zum politischen Wendepunkt im Raum Kunduz/Norden werden, aber auch hierzulande“, heisst schreibt er und fordert wie viele eine schnelle, rückhaltslose und glaubwürdige Aufklärung.
Ein Vertrauensdefizit auf afghanischer Seite hat sich bereits eingestellt: Die afghanischen Medien erwarten auch heute (Montag früh) noch immer eine Presseerklärung des deutschen PRT in Kunduz zu den Vorgängen. Die betroffene Bevölkerung, so sagt mir der afghanische Leiter einer NGO in Kundus heute früh, warte auf eine Entschuldigung angesicht der zivilen Opfer.
Nachtwei schreibt weiter: „Schon tagsüber, erst recht nachts sind Kämpfer und Zivilpersonen schwer auseinanderzuhalten. (…) Im Sommer sind Menschen auch nachts auf den Feldern. (…) Insofern halte ich es für wahrscheinlich, dass Zivilpersonen vor Ort waren.“
“Es gibt keine Mitgliedskarte für Taliban-Anhänger“, meint Asef Hosseini, ein junger afghanischer Intellektueller. Das Festhalten der Bundeswehr an ihrer bisherigen Linie würde bedeuten, so fügt er hinzu, dass sich viele Familien zu Unrecht beschuldigt fühlten und natürlich versuchen einen solchen Eindruck friedlich zu entkräften. Dem könnte ein Treffen von ‚elders’ aus den betroffenen Dörfern beim Gouverneur heute dienen. Von drei Untersuchungskommissionen (afghanische Regierung, UN und ISAF) ist die Rede. Man darf gespannt sein, wie schnell sie ihre Ergebnisse vorlegen. Bei einem Bombardement ähnlichen Ausmasses vor wenigen Monaten in der Provinz Farah kam der Abschlussbericht nicht nur spät. Er konnte wesentliche Vorwürfe afghanischer wie internationaler Akteure auch nicht entkräften.
In der Debatte ist die Frage aufgeworfen worden, inwiefern dieser Angriff möglicherweis mit Absicht herbeigeführt worden sei, z.B. mit dem Ziel ein grösseres militärisches Engagement im Norden zu erreichen., dass manche in der Region Kunduz für angeraten halten. So etwas ist Spekulation. Fakt ist, dass es Stimmen auf amerikanischer Seite gibt, die den Deutschen Zögerlichkeit und Ineffizienz vorwerfen angesichts einer zunehmend unsicheren Lage in Kundus. Es ginge demnach weniger darum, dass die US-Amerikaner die Führung militärischer Operationen übernehmen könnten (die findet faktisch auch im Raum Kunduz offenbar bereits statt, mehrere Spezialoperationen in der Provinz, so ist zu hören, hat das US-Militär ohne nennenswerte Unterrichtung der deutschen Kommando-Strukturen vorgenommen, u.a. eine Anti-Terroroperation gegen mutmassliche Al Qaida-Mitglieder im Frühjahr in Imam-Saheb) als die Deuschen an ihre Bündnisverpflichtungen zu erinnern und Zeichen zu setzen (sieh dazu auch den Artikel im Tagesspiegel.
Der Gouverneur von Kunduz, so mein Stringer, stütze die Version der Bundeswehr bisher, aber, so lässt er durchblicken, mehr aus politischem Druck denn aus Überzeugung. Die Menschen in Char Dara und den anderen Distrikten hätten Angst von Ort zu Ort zu fahren. „Nobody feels secure“. Geordnete zivile Entwicklungshilfe in den benachbarten Distrikten wird vor dem Hintergrund erschwert. Überhaupt werden die zivilen Helfer vor Ort die Folgen am Ehesten zu spüren bekommen.
Dringender denn je sind jetzt diplomatische Initiativen. „Die neue Strategie der US-Regierung lautet im Grunde „Tee trinken, Tee trinken, Tee trinken mit den Afghanen“, so ein Experte für interkulturelle Kompetenz etwas sarkastisch. Allerdings, so fügt er hinzu, habe sich die Erkenntnis noch nicht flächendeckend durchgesetzt. Tee trinken mit den Afghanen braucht fähige Dolmetscher. Daran fehlt es der Bundeswehr in Kundus zur Zeit. Die Deutschen suchen händeringend nach afghanischen Übersetzern. Nach dem jüngsten Vorfall dürften diese noch schwerer zu finden.sein. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wiegt Geld auch bei den Jüngsten, die diese Arbeit regelmäßig übernehmen, nicht mehr alles auf.

Freitag, 21. August 2009

Wähler an der Urne, trotz allem




Man kann sich an vieles gewöhnen innerhalb kurzer Zeit. Zum Beispiel an Geschosse, die im Laufe eines Tages zwischen Wahllokalen einschlagen. Mindestens fünf Raketen tagsüber in der Stadt. Drei Kinder wurden verletzt, zwei Erwachsene. Kunduz ist geschätzt so gross wie die bewohnte Fläche des rechtsrheinischen Köln. Am Morgen hatte ich mich mit einem afghanischen Journalisten aufgemacht einige unabhängige Wahlbeobachter in ein Wahllokal zu begleiten. Eines der Geschosse schlug zum gleichen Zeitpunkt deutlich hörbar ein paar Hundert Meter von der Schule entfernt auf einem Feld ein. Rauch stieg auf. Viele Menschen waren unterwegs zu dem Zeitpunkt. Für Sekunden herrschte Verwirrung. Frauen und Männer, die gerade das Wahllokal verlassen hatten wurden aufgeschreckt, zerstreuten sich in alle Richtungen. Woher kam der Beschuss? Wie sich verhalten?
Die meisten Menschen reagieren bemerkenswert unbeirrbar. Den ganzen Tag waren ähnliche Detonationen in und um die Stadt zu hören. Den ganzen Tag gingen die Menschen aber auch weiter in die Wahllokale. Es mögen um die dreissig Detonationen gewesen sein in und um die Stadt zwischen sieben Uhr morgens und vier Uhr nachmittags, dem Zeitpunkt an dem die Wahllokale schlossen. Von wem die Geschosse abgefeuert wurden ist nicht immer klar. Taliban oder Handlanger in ihren Diensten, die gegen Geld Raketen abfeuern sind Legion. Am Nachmittag, so erfahre ich von einem Mitglied der afghanischen Wahlkommission, beteiligt sich auch das deutsche Militär am Beschuss von mutmasslichen Taliban in einem Bezirk rund 10 Kilometer ausserhalb der Stadt.
Der Mann, der mir das mitteilt, erzählt er sei dort drei Stunden lang eingekreist gewesen von Gegnern der Regierung. Mit dem Polizeichef von Kundus haber er telefoniert und um Verstärkung gebeten, vergeblich. Er könne ihm nicht helfen, zu wenig Männer und zu hohe Verluste in den vergangenen Wochen. Der Wahlkommissar greift erneut zum Thuraya, ruft jetzt den Kommandeur des deutschen PRTs an. Vor dort sei dann auch geschossen worden, erzählt er.
Auf dem Land und in den Dörfern der Provinz hat keine geordnete Wahl stattfinden können gestern, Es fehlte an Polizei und Armee. Die offizielle Liste der offenen Wahllokale war von Anfang an trügerisch formuliert um nach aussen hin ein gutes Bild abzugeben. Ausserhalt der Distrikt Hauptstädte gab es kaum unabhängige Beobachter.
In der Stadt dagegen verlief der Wahltag, vor diesem Hintergrund, vergleichsweise unbeirrt. Natürlich bleiben auch hier Menschen zuhause, Frauen vor allem. Abgesehen von der Mittagszeit, wo gegessen wird, waren die Wahllokale, die ich mir angesehen habe überwiegend gut besucht, zum Teil standen die Menschen am Vormittag Schlange.
Man belächelt die Afghanen insgeheim, wenn sie im Gespräch äussern sie kennten keine Furcht, Krieg gehöre zu ihrem Alltag und begleite ihr Leben seit jeher. Fast inflationär finden sich solche Zitate in unseren Medien. Oft mißinterpretiert als eine Form naiven Heroismus.
Die jungen Frauen von FEFA, die den ganzen Tag als unabhängige Beobachter nachgeschaut haben an den Urnen, ob auch alles mit rechten Dingen zugeht, waren in ihrer Zielstrebigkeit nicht zu bremsen, gut gelaunt, und von einer beeindruckenden Zuversicht.
Gerade jüngere Menschen sind auf unaufgeregte Art entschlossen etwas beizutragen, damit ihre Gesellschaft sich verändert. Eine 18-jährige Journalistin, die ich getroffen haben, hat überhaupt kein Verlangen andere Länder zu sehen. Zumindest nicht jetzt. Weder Iran noch Europa oder die USA. Nicht weil der Westen ihr nichts bieten könnte. Sondern weil sie täglich Möglichkeiten und Grenzen durchmisst, in einem Leben, in dem sie sich einen Traum vor Augen hält: Staatsanwältin zu werden. Journalismus ist für sie eine Zwischenstation. Täglich berichtet sie über all das, was nicht machbar ist für Frauen in Kunduz. Ihren Optimismus schöpft sie aus vielen kleinen Veränderungen im Alltag. Einige ihrer Interviews werden, über den Äther, zum Stadtgespräch. Hörer sprechen ihr und sich Mut zu. Ihr Bruder, etwas jünger als sie, sagt: deine Arbeit als Journalistin bringt uns noch um. Sie macht trotzdem weiter. Letztlich scheint es der Familie ernst zu sein mit den Möglichkeiten ihrer Tochter.
Vieles ist ein Kampf gegen die Angst. Reale wie eingebildete Ängste. Wie gross die Gefahr wirklich ist, ist schwer zu sagen. Sich an die Maßstäbe der Bundeswehr zu halten ist nicht immer der beste Rat. ‚Wenn das Militär mit ihren gepanzerten Fahrzeugen mit 60 oder mehr km/h durch die Innenstadt rollt und ein Kind dabei zu Schaden kommt, ist in einem Moment unsere Arbeit von mehreren Monaten dahin und wir sind in Gefahr’, sagt ein deutscher Entwicklungshelfer in Kunduz. Das Offizierskorps der Bundeswehr, fügt er hinzu, habe aber auch gelernt mittlerweile. Oben auf dem Plateau von Kundus, wo auch die Neustadt ensteht, liegt, von einer kilometerlangen Mauer eingezäunt, das Camp des deutschen Wiederaufbauteams. Journalisten und Kamerateams aus Deutschland suchen in diesen Tagen dort Sicherheit. Selten sind sie in der Stadt anzutreffen. Essen und schlafen tun sie ‚embedded’ mit den rund 700 Soldaten der Bundeswehr, die sich unter freiem Himmel im Lager einen Beach-Volleyball-Platz eingerichtet haben.
Das ARD-Fernsehteam, das ich am Morgen des Wahltags in einer der Schulen sehe besteht aus zwei afghanischen Mitarbeitern, die Mikrofon und Kamera bedienen. Es ist Usus geworden, dass die afghanischen Mitarbeiter für deutsche Medien den Ertrag einfahren und am Ende des Tages ihre Bänder oben beim PRT abliefern. Sie werden dafür gut bezahlt. Eine Versicherung haben die afghanischen Kollegen trotz allem nicht.
Abgesehen vom Vertreter des Auswärtigen Amtes, der in zivil unterwegs ist, treffe ich am Wahltag keinen Ausländer. Die Wahlbeobachter der EU, ein knappes Dutzend, hätte den ganzen Tag im Bau der afghanischen Wahlkommission gesessen, heisst es. Sie liessen sich dort von afghanischen Mitarbeitern über die Wirklichkeit draussen briefen.
Für mich und mein Team sind die Interviews in der Stadt jeden Tag mühsamer geworden.
Die Menschen meiden den Kontakt, einige wollten schon Tage vor der Wahl nicht mit Ausländern gesehen werden.

(siehe auch Tagesspiegel vom 22.8.09)

Kundz Portraits: Obama-Imitat und Mutter Courage


Hier ist eine Reihe von Kurzportraits und Eindrücken der letzten Wochen aus Kunduz.
Die Beiträge sind auch im Tagesspiegel abrufbar.

Wer wählt, begibt sich in Gefahr
Impressionen vor einem entscheidenden Tag

Aliullah habe ich im Lincoln-Center getroffen, bei einem Workshop für junge Blogger. Die Hälfte der Teilnehmer waren junge Frauen. In Kundus gibt es seit einem Monat ein amerikanisches Kulturzentrum. Hunderte von englischsprachigen Büchern, Bildbänden und Videos stehen in den Regalen. Ein Dutzend Computer zur kostenlosen Nutzung machen den Nachwuchs von Kundus mit dem Internet vertraut. Die Amerikaner klotzen, auch bei der Kultur. Ein vergleichbares deutsches Kulturzentrum gibt es nicht, obwohl zivile und militärische Helfer aus der Bundesrepublik massiver vertreten sind in der Stadt als Amerikaner.

„Ich hoffe auf einen Wechsel“, sagt Aliullah. Er ist 19 und darf zum ersten Mal wählen. Sein Favorit heißt Abdullah Abdullah, der gelernte Augenarzt und vormalige Außenminister unter Präsident Karsai. „Er kann die Jüngeren begeistern“, findet Aliullah. Karsais Mannschaft sei zu alt und verbraucht. Ja, Gespräche mit den Taliban müsse es geben, auch unter einem nichtpaschtunischen Präsidenten. Allerdings hat es nur für wenige Jahre einen nichtpaschtunischen Staatsführer gegeben in der Geschichte Afghanistans. Das Gesetz der Regel spricht gegen Abdullah.

Mahbooba, die vom Alter her Aliullahs Mutter sein könnte, möchte von all dem nichts wissen. Sie wird nicht wählen gehen. Als ich anfange, nach Politik und Wahlkampf zu fragen, schaltet sie auf Abwehr. „Jeder sucht doch nur seinen persönlichen Vorteil. Die im Namen von Politik und von Parteien agieren, haben das Land in den vergangenen Jahrzehnten dahin gebracht, wo es jetzt steht.“

Mahbooba leitet die größte Textilfabrik von Kundus. Hier arbeiten rund hundert Frauen an Pfaff- Nähmaschinen. Die Hälfte der Belegschaft ist heute zu Hause geblieben. Aus Sorge um die Sicherheit. Nachrichten von Schießereien und Anschlägen auf der Hauptstraße zwischen Baghlan und Kundus in den Vortagen haben die Runde gemacht. Die beiden Tage vor der Wahl gibt Mahbooba der Belegschaft frei. Niemand will ein unnötiges Risiko eingehen.

Die afghanische Wahlkommission hat eine Liste herausgegeben, auf der sämtliche Wahllokale in Kundus aufgeführt sind. Im Büro der unabhängigen Wahlkommission Fefa hält man solche Papiere für Augenwischerei. „Viele der Lokale können in Wahrheit gar nicht aufmachen“, sagt Fefa-Mitarbeiter Habib. „Wir kennen die Lage in den Orten. Es sind Wahllokale aufgelistet in Dörfern, wo sich nicht einmal die Polizei aufhält.“

Das Telefon klingelt. Habib legt enttäuscht auf. Neun Mitarbeiter haben sich abgemeldet für den Wahltag. Offenbar ist es ihnen zu gefährlich. Ob das Nato-Militär die Wahlen sicherer gemacht habe? Nein, sagt Habib, das glaube er nicht. Für Aliullah ist Wählen Pflicht. Auch in seiner Familie wird diskutiert, wann der beste Zeitpunkt ist, sich auf den Weg zum Wahllokal zu machen. Vermutlich nachmittags, meint Alliulah, „bis dahin können wir uns hoffentlich ein Bild von der Sicherheitslage machen.“

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 19.08.2009)

Kunduz Portraits: Polizeichefin ohne Waffe


Hier ist eine Reihe von Kurzportraits und Eindrücken der letzten Wochen aus Kunduz.
Die Beiträge sind auch im Tagesspiegel abrufbar.

Afghanische Polizistin im Einsatz für die Frauen
Wie die 29-jährige Polizeibeamtin Marzia in Afghanistan gegen die häusliche Gewalt kämpft - ohne Waffe und ohne Schießausbildung. Ein Porträt.

Marzia kommt eine Stunde zu spät zu unserem Treffen. Am Morgen habe es in der Stadt einen Selbstmordanschlag gegeben. Sie habe sich erst vergewissern müssen, ob der Tatort auf dem Weg zu ihrer Arbeit liege und was passiert sei. Die Entwarnung erreicht sie etwas später, per Telefon. Eine wirkliche Erleichterung ist es nicht: Ein Selbstmordattentäter hatte sich kurz vor der Stadt vor einem Nato-Militärfahrzeug in die Luft gesprengt. Keine Opfer, heißt es. Dafür noch mehr Anspannung.

Marzias Schreibtisch steht in der Polizeikommandantur. Mit 29 ist sie die jüngste Beamtin in der Stadt, aber mit bereits zehn Jahren Berufserfahrung – daher ist sie auch Chefin von einem Dutzend Kolleginnen. Marzia trägt keine Waffe. Eine Schießausbildung hat sie nie erhalten. Ihr Gegner ist für sie schwer greifbar und doch allgegenwärtig: Es ist die häusliche Gewalt, die Frauen durch ihre eigenen Männer oder Angehörige erleiden. Marzias Waffe ist ihr psychologisches Feingefühl. Sich anbahnende Scheidungen zu verhindern, die Frau zu ihrem Recht kommen zu lassen, dafür sei sie zuständig. Sie sei für die Gepeinigten eine Anlaufstelle. Aber wie viele kommen wirklich? Ein bis zwei Fälle pro Monat, sagt Marzia und gibt zu, dass es in Afghanistan schon Mutes bedarf, um sich als Frau alleine auf den Weg zur Polizei zu machen. Und was kann sie den Frauen anbieten? Es werde ein Protokoll des Tathergangs erstellt, der Ehemann müsse sich per Unterschrift verpflichten, keine Gewalt mehr auszuüben. Aber, gibt Marzia zu, die Chancen dies tatsächlich zu überprüfen, seien gering. Kontrollbesuche der Polizei in Familien seien nicht üblich. Alle zwei Wochen kommt die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation und tauscht mit ihr Informationen zur Sicherheitslage und zur Situation der Frauen aus.

Und insgesamt gibt es für die nach Marzias Ansicht in Kundus viel Fortschritt. Ihnen stünden neue Berufe offen, aber allein schon, dass viele wieder arbeiten könnten, sei wichtig. Ihr Gehalt beträgt umgerechnet 180 US-Dollar. Mit ihrem Mann, der Taxi fährt, hat sie drei Töchtern. Miete, Autoreparaturen und Einkäufe, die Familie käme gerade so über die Runden, sagt sie. Schon Marzias Mutter war Polizistin, sie schaffte es bis in den Offiziersrang. Jetzt ist sie im Ruhestand – und so stolz auf ihre Tochter wie die auf sie. Und dass Marzia auch bei den Kollegen Respekt und Ansehen genießt, ist deutlich zu sehen. Auch daran, dass eine Begegnung mit zwei jungen Beamten von einem älteren Kollegen beaufsichtigt wurde, das Gespräch mit ihr aber völlig ungestört bleibt.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 13.08.2009)

Kunduz Portraits: forever young


Hier ist eine Reihe von Kurzportraits und Eindrücken der letzten Wochen aus Kunduz.
Die Beiträge sind auch im Tagesspiegel abrufbar.


Versprechen beim Tee
Wer in Afghanistan gewählt werden will, muss Gäste bewirten und konkrete Hilfe zusagen. Besuch in einem Wahlbüro.

Noch neun Tage bis zur Wahl. In alle Richtungen schwärmen Polizeifahrzeuge aus. Auf der Ladefläche sitzen ein halbes Dutzend Polizisten, einige mit Kalaschnikow, andere mit Helm und kleinen Granatwerfern. Angekündigt ist Besuch aus Masar. Die Chefs von Polizei und Armee für die nördliche Region sind gekommen, um sich über die Sicherung der Wahlen zu beraten. Zwischen den beiden schreitet ein deutscher General zur Begegnung mit dem Gouverneur. Ausnahmsweise helfen ausländische Soldaten, die Zufahrt zur Polizeikommandantur zu bewachen. Ihr afghanischer Übersetzer vergräbt sein Gesicht hinter einem Tuch und schwarzer Brille, um nicht erkannt zu werden. Fußgänger und Autos müssen Umwege in Kauf nehmen.

Die jungen Polizisten an den Checkpoints reagieren nervös. Zwischen ausladenden Helmen und Kinnriemen stecken kindliche Gesichter, die unruhig mit der Kalaschnikow vor unserem Auto gestikulieren. „Die jungen Männer in Uniform sind nicht wirklich qualifiziert für diese Art von Situation“, merkt mein afghanischer Begleiter an, „vorerst müssen wir mit dem leben, was wir haben“. Es herrscht eine merkwürdige Stimmung in der Stadt. Einerseits ist jeder Kontakt im Basar nach wie vor herzlich. Zugleich will niemand mit Ausländern auf der Straße gesehen werden.

Wir gehen in ein unscheinbares Lehmhaus, eine wackelige Holztreppe hoch. Ich treffe Shafiqullah. Mit 24 ist er der jüngste Bewerber, der bei den gleichzeitig mit der Präsidentschaftswahl stattfindenden Provinzratwahlen kandidiert. Er begrüßt mich mit festem Händedruck und einem angedeuteten Kuss auf die Wangen. Jeden Tag empfängt er bis zu 60 Gäste. Der Jugendverband, der ihn vor Jahresfrist mit einer Unterstützung von 2000 US-Dollar zur Kandidatur bewegt hat, macht sich rar. „Ich habe noch keinen Pfennig von ihnen gesehen“, klagt er. Jeden Tag hat Shafiqullah hohe Ausgaben – seine Gäste wollen bewirtet werden. „Sie erwarten auch ein Versprechen“, merkt er an. Den Bau einer neuen Schule, die Schlichtung eines Landdisputs oder eine stabile Stromversorgung. Was kann er ihnen zusagen? Er mache seine Aufwartung beim Bürgermeister und dem Gouverneur, begleitet von Älteren, sogenannten „Weißbärten“, auf deren Urteil gehört wird. Garantieren könne er nichts. Shafiqullahs Währung heißt Hoffnung.

Ein Mann mit Turban und Bart ist schon am frühen Morgen bei ihm im Büro. Sein rechter Arm ist amputiert. „15 Jahre Kampf“, merkt er mit einem Lächeln an. Erst gegen die Russen, dann im Bürgerkrieg. Gegen die Russen seien damals auch Kinder gefangen genommen worden. Einen dieser Jungen hätten er und seine Kämpfer in Kundus behalten. Er habe ihn aufgezogen, überzeugt davon, das Richtige zu tun. Heute sei der Junge, der einst ein russisches Kind war, erwachsen, konvertiert und habe zwei Kinder. Sie alle lebten friedlich unter einem Dach. Der Mann handelt heute mit Prothesen für Kriegsversehrte. Zu Shafiqullah ist er gekommen, um ihm seine Unterstützung zuzusagen. Er werde seiner gesamten Belegschaft und ihren Angehörigen empfehlen, für ihn zu stimmen. Denn Shafiqullah sei jung und nicht durch den Krieg verdorben.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 11.08.2009)

Kunduz Portraits: Offensive als Show ?


Hier ist eine Reihe von Kurzportraits und Eindrücken der letzten Wochen aus Kunduz.
Die Beiträge sind auch im Tagesspiegel abrufbar.


"Die gemeinsame Militäroperation von Deutschen und Afghanen vor Wochenfrist hat zu keinem positiven Ergebnis geführt", erklärt Fefa-Leiter Sayed Rahim Mosavy. Eine große Show sei das gewesen.

Fefa, die einzige unabhängige Organisation afghanischer Wahlbeobachter, ist bekannt für eigenständiges Denken – und das ist keine Selbstverständlichkeit in der zunehmend hierarchisierten afghanischen Wirklichkeit. „Die gemeinsame Militäroperation von Deutschen und Afghanen vor Wochenfrist hat zu keinem positiven Ergebnis geführt“, erklärt Fefa-Leiter Sayed Rahim Mosavy. Eine große Show sei das gewesen, findet er. Es sei nur logisch, dass Polizei, Armee und Nato-Militär so kurz vor den Wahlen um eine gute Presse bemüht seien.

Im Fernsehen zeigte Kundus-TV vier festgenommene Taliban, die mit den Köpfen zur Wand stehen, die Arme mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt. Stalinistische Bilder. Einer der Männer ist durch einen Streifschuss am Fuß verletzt. Daneben zeigt die Kamera auf einem Tisch einen Zünder, Kabel und eine Tellermine. Eine Gruppe afghanischer Journalisten ist auch da und rätselt über die Identität der mutmaßlichen Täter. „Fragen stellen war nicht erlaubt“, sagt einer von ihnen später. Demonstrative Festnahmen dieser Art häuften sich, je näher der Wahltermin rücke.

General Abdul Resaq Yaqubi, der Polizeichef von Kundus, täuscht eine große Ruhe vor. Dabei geht sein Atem schwer. Die Verantwortung drückt sichtlich auf seine Schultern. Der General empfängt uns im hintersten Winkel seines Arbeitszimmers, wo ihn dicke Plüschsessel einrahmen.

„Von meinen eigenen Leuten suchen viele nur einen geldwerten Vorteil. Mit allerlei Mitteln“, sagt er leise und atmet tief aus. Sein Gesicht drückt Skepsis aus, aber wenn er spricht, hört man über die Deutschen und das US-Militär in Kundus nur Lob von ihm. Brücken, Straßen, Bildungseinrichtungen seien entstanden. Es klingt alles ein wenig aufgesagt. An der Wand hängt eine Karte der Provinz Kundus mit kleinen Pappfiguren und Schablonen. Wie in einem Strategiespiel. „Der Sicherheitsplan für die Endphase des Wahlkampfs“, erklärt er mit einem Zeigestab aus Metall. 400 Polizisten mehr erwarte er aus Kabul. Wie wahrscheinlich das sei? 90 Prozent, sagt er. Seine Mimik spricht eine andere Sprache.

Die Stadt sei ruhig, meint der Polizeichef, bevor unser Tee zur Neige geht. Zwei Stunden später wird ein französischer Journalist Zeuge einer wilden Schießerei, einen Steinwurf vom Polizeikommissariat entfernt. Mehrere Wagen mit aufgepflanztem Maschinengewehr auf dem Kühler verfolgen ein verdächtiges Auto. Mitten im Basar wird scharf geschossen, ein halbes Dutzend Mal. In Panik rennen Menschen in Geschäftseingänge. Nicht jeder findet Schutz. Weinende Stimmen von Frauen sind zu vernehmen. Andere straucheln in der Menge, gehen zu Boden.

Prognosen, selbst des amtlichen Polizeichefs, haben kurze Halbwertzeiten.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.08.2009)