Sonntag, 26. April 2009

Ehegesetz: Schiiten siegen über Schiiten




Im Westen nichts Neues: In der Berichterstattung um das umstrittene afghanische Ehegesetz zementieren deutsche Medien ihre Vorurteile gegenüber Afghanistan und seinen Gläubigen. Der Tagesspiegel hat mir dieses Stück abgenommen.

Immer mehr Anzeichen sprechen dafür, dass Präsident Karsai das umstrittene Gesetz entschärfen wird, wie von der internationalen Gemeinschaft in den wichtigsten Punkten gefordert. Karsai hat heute selbt zugegeben, er habe nicht gewusst, was genau er da unterzeichne. Er habe seine Berater für solche Dinge.

Hier ist ein Versuch von Scott Bohlinger, einem Bekannten, der ebenfalls journalistisch in Afghanistan aktiv ist, Licht in das Verhältnis von islamischem Recht und schiitischem Rechtsverständnis zu bringen, denn nur darauf bezieht sich das umstrittene Gesetz.

Interessant ist auch eine Entdeckung, die ich in der Bibliothek einer Kabuler Hochschule mache:
“Dieser Text beschreibt die Bedingungen einer Ehe, in der der Mann seine Verpflichtungen gegenüber der Frau erfüllt und diese ehrt. Als Teil des Ehevertrags willigt der Mann ein, dass seine Frau sich weiterbildet. Er hilft ihr im Haushalt. (…) Im Fall einer Scheidung werden die Güter zwischen Mann und Frau anteilig aufgeteilt. (…) In diesem Buch werden die Bedingungen einer gedeihlichen Ehe aufgezählt. Sie sind vereinbar im Rahmen der Shari’a und der afghansichen Gesetze. In einigen Fällen werden vergleichbare Fälle aus anderen Ländern herangezogen“.
So heisst es in einem kleinen Band, der in der Bücherei der Ketab-Instituts in Kabul steht. (Bild)
Das Ketab-Institut ist eine schiitisch geprägte Privat-Universität in der Hauptstadt. Fast alles in dem kleinen Heftchen steht in deutlichem Widerspruch zu den Negativ-Schlagzeilen über Afghanistans Schiiten und über das umstrittene Ehegesetz in den vergangenen Wochen.
Der Westen macht es sich leicht: eine kleine Gruppe radikaler Geistlicher wird mit einem Land und seiner vermutlich fortschrittlichsten Bevölkerungs-gruppe gleichgesetzt.
Tatsächlich vertreten Afghanistans Schiiten, von denen der grösste Teil der Ethnie der Hazara angehört, vergleichsweise offen Positionen in Fragen der gesellschaftlichen Moral.
Das Ketab-Institut, gerade einmal ein Jahr alt, ist so etwas wie die Speerspitze der säkulären Schiiten in Afghanistan.
In der Bücherei stehen neben Schriften zum Zivilrecht auch Werke von Nietzsche. 700 Studenten erhalten hier Unterricht in den Geisteswissenschaften Soziologie, Politologie, Philosophie sowie Islamstudien und Jura. Die Sharia und ihre Auslegung werden hier wohlgemerkt nicht gelehrt.
“Die Schiiten in Afghanistan sind eine dynamische Gruppe und wir lassen nicht zu, dass dieses Bild durch das neue Ehegesetz verfälscht wird“, entgegnet Mohammad Ahmadi zuvorkommend. Der Präsident nennt das Ketab-Institut einen wichtigen Akteur im aktuellen Streit um das Ehegesetz.
Schon vor Monaten hätten er und seine Kollegen versucht, die umstrittenen Passagen zu entschärfen. Parlament, Justizministerium und der Präsidentenpalast seien in die Gespräche mit einbezogen gewesen. Eine leicht entschärfte Version des Gesetzes-Textes, die der Frau ausdrücklich das Recht bescheinigt, das Haus eigenständig zu verlassen, sei aber bis heute nicht im offiziellen Amtsblatt erschienen.
“Karsai scheut den Konflikt mit den Konservativen“, erklärt Ahmadi, „er hat ausserdem schwache Berater. Und er hat die Dimension der Sache ganz offenbar unterschätzt“, so Ahmadi. Karsais Kompromiss-Kurs gegenüber konservativen Mullahs auf sunnitischer wie schiitischer Seite sei es auch, der die Taliban wieder stark gemacht habe.

Das Gegenstück zur säkularen Kateb-Universität ist das wenige hundert Meter entfernt liegende Khatam Al Nabi’in-Seminar. Der imposante Bau mit der blauen Kachel-Kuppel, die das gesamte Parlamentsviertel überragt, ist ausschliesslich mit iranischen Geldern finanziert, heisst es. Der Ayatollah Mosheni, der sich den Führer der Schiiten in Afghanistan nennt, gibt hier den Ton an. Wirklich Rückhalt in der Bevölkerung geniesst er nicht, wenn ich meinen Gesprächspartnern Glauben schenke.
“Die Mehrheit der afghanischen Schiiten lehnen seinen Führungsanspruch ab. Er hat eine Vergangenheit als Mujahed-Kämpfer und er ist ein Paschtune. Wie Präsident Karsai stammt er aus Kandahar. Die meisten Schiiten sind Hazara und trauen ihm nicht“, meint Ali Karimi, Dozent an der Universität Kabul.
“Mosheni steht für eine politisch-ideologische Auslegung des Islam wie sie im Iran praktiziert wird. Er hat zwanzig Jahre dort im Exil gelebt“, sagt Ali Amiri, von der Kateb-Hochschule.
Er und seine Kollegen sind zuversichtlich, dass das Gesetz bis kommenden Monat entschärft wird. „Wie es aussieht wird es zu einer Reform kommen. Wir sind uns da sicher.“ Erste Gespräche mit einflussreichen Politikern, der Schlichtungskommission sowie dem Justizminister deuteten darauf hin. Demnach sollen 10 Artikel aus dem Gesetzestext herausfallen, darunter die umstrittenen Passagen, sowie 20 Artikel überarbeitet werden.
Neben den Punkten, die international für Aufsehen sorgen, macht sich die Ketab-Universität u.a. für das Recht der Frau stark, sich ihren Ehepartner unabhängig vom Willen des Vaters auszusuchen. Auch das unveränderte Recht auf Grund- und Boden für Eigentümer, die als drogenabhängig gelten steht auf der Streichliste.
“Wir brauchen eine moderne, rationale Auslegung des Islam“, argumentieren die Dozenten an der Kateb-Hochshule. „Die jungen Menschen haben viele Fragen an den Islam und ihre eigene Religion. Wir müssen sie argumentativ überzeugen, nicht mit Traditionen und Ritualen“, so Amiri.
“Der heilige Koran sagt: sei gut zu deiner Frau“, zitiert Insituts-Leiter Mohammad Ahmadi das heilige Buch, auf das sich auch seine internen Rivalen berufen. Es scheint, als stehe die Auseinandersetzung um ein neues Schiitentum in Afghanistan erst am Anfang.

Freitag, 24. April 2009

Kunduz, abseits der Raketen





“Willkommen im PRT Kunduz“ steht über dem Eingangtor des deutschen Militär-Lagers im Nordosten, 7 Autostunden von Kabul entfernt. Tatsächlich schaudert es mich. Hier stehe ich, umgeben von Stacheldrahtzaun, meterhohen Abwehrmauern gefüllt mit Kies und engmaschig verdrahtet. Vor mir ein Weg aus Kiessteinen, der auf eine schwere Metalltür zuführt. 30 Meter Weg, die mir vorkommen wie in Orwells ‚1984’. Kein Mensch zu sehen, aber die Gewissheit, dass jeder meiner Schritte genau überwacht wird von Kameras, die ich spontan nicht ausmachen kann. Es heisst, die deutschen Soldaten fürchteten sich vor dem Afghanistan ‚da draussen’. Der Aufwand für äußere wie innere Sicherheit im Lager von Kunduz kostet den deutschen Steuerzahler einen Teil der über 600 Millionen Euro, mit denen das Afghanistan-Engagement mittlerweile zu Buche schlägt.
Ich werde freundlich und mit sächsischem Akzent begrüstst und abgetastet. Von einem Soldaten in wüstenfarbener Uniform und mit hellblauen Plastikhandschuhen. Er freut sich über mittlerweile 12 Tage ohne Raketeneinschlag im und um das Lager. Geschossen werde meist aus 6-10 Kilometer Entfernung, heisst es. Die Geschosse der ‚Insurgenten’, wie ein Gesprächspartner Taliban und andere Gegner nennt, hätten eine geringe Zielgenauigkeit. Es bleibt eine gefährliche Lotterie, vor allem für die ungeschützt wohnende afghanische Bevölkerung auf dem Plateau der Neustadt von Kunduz.
Im PRT ist man der Ansicht, die Präsenz von deutschem und internationalem Militär sei unabdingbar, sonst würde die Taliban in neuem Gewand wieder zurückkommen. 9/11 wird als Drohkulisse bemüht. Die zivil-militärische Zusammenarbeit will hier, anders als viele Hilfsorganisationen, keiner grundsätzlich in Frage stellen. Die meisten haben vermutlich nur eine schwache Ahnung davon, dass sie nicht als die Geleitführer der zivilen Helfer geschätzt werden.
Ich habe vor dem Besuch im PRT meinen pirhan tambon abgelegt. Die afghanische Kleidung, die mich in der Stadt unauffälliger machen soll, würde mir hier, milde gesagt, zum Nachteil gereichen.

In deutschen Medien erfahren wir über Kunduz kaum mehr als ein paar Schlagzeilen. Granateinschläge in Nähe des Militärcamps. Gefährlicher Norden. Stimmt das Bild? Was ist mit dem Alltag?
In Kunduz tickt die Zeit anders als in Kabul, wo Geschäftigkeit und Zeitdruck herrscht. Zeit und Pünktlichkeit spielen hier eine untergeordnete Rolle. Das ganze Zentrum ist ein einziger pulsierender Bazaar. Motorisierte Rikschas nehmen Passanten mit statt Taxen. Der Ausländer, der sich zu Fuss bewegt, ist eine seltene Sepzies.
Mich interessiert, wie meine afghanischen Gesprächspartner die deutsche und ausländische Präsenz hier im Norden wahrnehmen. Die Meinungen gehen auseinander. Die einen bescheiningen der Bundeswehr ordentliche Kontakte mit Behörden, Schuras und afghanischen Journalisten. Andere verweisen auf die Parallelwelt, in die das Militär sich zurückgezogen habe, mit Patrouillen aber ohne wahre Begegnung mit der Bevölkerung. Tatsächlich traf Frau Merkel bei ihrem Besuch neulich in Kunduz mit keinerlei Einheimischen zusammen.
Auch die in NATO-Kommuniqués regelmäßig behauptet gute Zusammenarbeit zwischen afghanischer Armee und ausländischem Militär könnte nicht mehr als eine blosse Behauptung zu sein. Meine Gesprächspartner, die beide für internationale Medien arbeiten, verweisen auf viele anderslautende Beispiele und auf die Tatsache, dass im Süden unverändert zum Teil rabiate Hausdurchsuchungen stattfinden. Das allein sei ihnen Beweis für das Gegenteil: „Afghanische Soldaten würden bei so etwas nicht mitmachen, weil es gegen die Traditionen unseres Landes verstösst“.
Über die Provinz Wardak, südlich von Kabul, höre ich heute Abend von berufener Seite zum ersten Mal, dass US-Einheiten bei ihren Versuchen, die 'Herzen und Köpfe' der Menschen zurückzugewinnen mittlerweile z.T. auch umsichtiger auftreten und sich Ratschläge anhören. Unter anderem sind zivil-militärische Experten in Krankenhäusern unterwegs, um sich die Nöte und Wunschlisten der Bevölkerung sagen zu lassen.

Zurück zum Norden: In Faizabad treffe ich auf eine Patrouille mit 7 deutschen Militärwagen, die im Schritt-Tempo den Berg herunterkommen und in diesem Fall mäßig bewaffnet sind. Weiter südlich von Kunduz, bei Pul-e-Khumri, sind es schwere Panzerfahrzeuge mit Maschinengewehr im Anschlag, die auf uns zu- und vorüberfahren. Wenn die ISAF oder Amerikaner auf der Strasse sind, gilt ein eigenes Strassengesetz: auf keinen Fall überholen. Sonst droht Lebensgefahr. Das führt regelmäßig dazu, dass sich hinter den Militärkonvois zum Teil kilometerlange Staus bilden, die für erheblichen Unmut sorgen. Diese Woche war unter anderem am Salang-Tunnel, einem wichtigen Nadelöhr für den Verkehr von Nord nach Süd, kein Durchkommen wegen eines Militär-Konvois, der im Schnee verrutscht war. Die Spannung ist zum greifen, wenn – wie neulich auf dem Hinweg nach Kunduz – eine NATO-Konvoi halt macht in einem Dorf und alle Afghanen in Sicherheitsabstand parken und abwarten müssen (Foto).
“So kann man die Bevölkerung nicht gewinnen“, sagt einer meiner Begleiter, „es wird höchste Zeit, dass unsere eigenen Streitkräfte das hier in die Hand nehmen können.“

Möglicherweise könnte sich die Lage in der Provinz Kunduz für das deutsche Militär verschlechtern. Grund sind die Ereignisse vom vergangenen Monat: eine Sondereinheit des US-Militärs – eine Spezialtruppe unter den ‚special forces’ – war ohne Vorankündigung und zur Empörung der Deutschen auf dem Militärflughafen in Kundus gelandet und dann weiter nach Imam Saheb geflogen, wenige Kilometer entfernt. Dort soll angeblich eine kleine Anzahl verdächtiger Terroristen Unterschlupf gefunden haben. Was dann passiert ist hört sich grundsätzlich verschieden an, je nachdem mit welcher Seite man spricht: offizielle deutsche und us-amerikanische Vertreter reden von einem berechtigten Eingriff aufgrund einer konkret vorhandenen Gefahr. Afghanische Behörden und Medienvertreter, die sich vor Ort ein Bild gemacht und auf beiden Seiten recherchiert haben, sprechen von fünf Unschuldigen, die dabei ums Leben gekommen seien und einem falschen Alarm. Die Wahrheit übt sich in Geduld.
Deutsche Gesprächsparnter, die ich in Kundus treffe, meinen zuversichtlich, das Vorgehen der US-Einheiten im unmittelbaren Einsatzgebiet der Deutschen würde sich nicht negativ auswirken. Meine afghanischen Gesprächspartners sind wiederum gänzlich anderer Ansicht. „Die meisten meiner Landsleute unterscheiden nicht zwischen den einzelnen NATO-Staaten. Ausländer bleiben Ausländer.“
So füllt sich der Tag mit Ansichten, die sich wiedersprechen. Klar ist nur: Diejenigen, die diese widerstreitenden Ansichten am Besten miteinander austauschen sollten (siehe die NATO-Strategie, die ‚Hearts and Minds’ der Bevölkerung zu gewinnen) kommen gar nicht in Kontakt miteinander.

“Wenn ich eine Geschichte anzubieten hätte, dann über die Tschetschenen, die hier im Umfeld von Kunduz auftauchen“,sagt ein afghanischer Journalist, der auch für internationale Medien in Kundus arbeitet. 20 Tschetschenen oder mehr seien mittlerweile im unsicheren Bezirk Chahar Dara gezählt worden, auch Usbeken in ähnlicher Anzahl. Gouverneurs-Amt und lokale Sicherheitsbehörden hätten diese bestätigt.
Ob sich dahinter Selbstmordattentäter verbergen oder Extremisten mit politisch-taktischer Mission ist unklar. Anwohner im Bezirk Chahar Dara berichten von sogenannten ‚Nightletters’ die im Dunkeln verteilt werden. Darin werden u.a. Frauen in einer der Kliniken von Chahar Dara gewarnt, ihren Beruf weiter auszuüben. Vor zwei Monaten ist afghanisches Militär angerückt. Der Konflikt dauert an. Nicht sämtliche aber viele Entwicklungsprojekte in diesem Bezirk von Kundus liegen auf Eis. Zwei weitere Bezirke gelten als unsicher mit ‚Taliban’-Aktivitäten.
Junge Menschen werden geworben für ein paar Hundert Dollar im Monat sich dem Aufstand anzuschliessen.
Auf den ersten Blick sehe alles von Aussen normal aus, auch das Leben in Kunduz, sagt ein afghanischer Journalist, aber hinter der trügerischen Ruhe sorgten sich viele Menschen um ihre Sicherheit. Eine Situation, die eine freie Wahl im August im Grunde unmöglich mache.
„Ich bin skeptisch geworden“, sagt eine Afghanin, die bei einer Frauen-NGO Kleinkredite vergibt, darunter auch an junge Frauen im Beruf. Der Fortschritt insbesondere für Frauen in Kunduz in den letzten Jahren sei deutlich, aber jetzt möglicherweise gefährdet. Sie berichtet als Freelancerin für ein Monatsmagazin. In Läden und auf offener Strasse Interviews zu führen empfindet sie mittlerweile als Belastung.
Optimistischer ist Fatima, die jede freie Minute nutzt um entweder beim Radio mit einem männlichen Kollegen eine Live-Talkshow zu moderieren oder in einer Theatergruppe probt. Radio Rozha ist ein Frauen-Radio, das vor fünf Jahren gegründet wurde und in dem mir offene Redakteurinnen begegnen. Das Programm ist überwiegend von Programmen für weibliche Hörer konzipiert. Mittlerweile kann sich der Sender selbst tragen, aus Werbe-Einnahmen, erklärt die stellvertretende Chefredakteurin zuversichtlich.
Kunduz wie auch Faizabad und Badakhshan sind Provinzen, in denen die Menschen nach zivilen Projekten dursten. Das kann die Eröffnung einer Bibliothek sein oder eine Kulturorganisation, bei der endlich der Traum von einer Theatergruppe Wirklichkeit wird.

Falsches Blut





Dieses Bild stammt von einem Film-Dreh in Kunduz. Ein Team aus jungen Männern und einer Frau versucht, trotz aller materiellen und technischen Schwierigkeiten, ihren Traum von einem Spielfilm umzusetzen. Die weibliche Hauptdarstellerin im Film konnte nicht in Kunduz gefunden werden - das soziale Stigma gegen KünstlerInnen in der Öffentlichkeit ist zu gross - und musste in Kabul ‚angemietet’ werden. Beim Dreh ist eine Polizei-Streife dabei. Kostenlos. Die Polizisten drängen sich immer ins Bild, sehr zum Unmut des jungen Regisseurs. Jeder will im Bild sein. Das Drehbuch geht so: ein Vater verwettet seine Tochter (keine Fiktion). Der Gewinner der Wette hat einen weiteren Konkurrenten am Hals, der ihm die junge Frau streitig machen will. Es kommt zum Bandenkrieg, einer Tragödie. Am Drehort sind mehrere Kalaschnikows im Einsatz. Es herrscht ein Auflauf. Man tut gut daran sich zu vergegenwärtigen, welche der Geräte scharf schiessen und welche nicht.
Aziz, der Regisseur, dirigiert mit Verve die Schaar seiner Laiendarsteller. Alles ist learning by doing.
Das einzige Kino in Kunduz steht noch aber es laufen keine Filme mehr. Halbstarke spielen dort Billiard in den frühen Abendstunden. Die Mediothek, eine afghanische Initiative für unabhängige Medien die aus deutschen Mitteln mitfinanziert wird, bestärkt junge Leute wie diese in ihren künstlerischen Vorhaben. Die Szene in Kunduz bleibt, im Vergleich zu Kabul, aber extrem begrenzt.
Ein Filmausbildung gibt es in keiner der Provinzstädte. Die einzigen Kurse werden in Kabul angeboten. Gerade startet eine französische Doku-Film-Initiative ihren neuen drei-monatigen Kurs. Leider sind nur Nachwuchs-Filmemacher aus Kabul am Start. Auch hier wird einmal mehr die Provinz Afghanistans vernachlässigt, mit Folgen. Für Aziz und seinesgleichen bietet die Filminitative in Kabul ganze 20 US-Dollar pro Monat, kein Geld für Reise und Unterkunft. Das ist zu wenig zum Leben, zuviel zum Sterben.

The man who would be king





Weitgehend unbeachtet vom Ausland hat der Wahlkampf in Afghanistan offiziell begonnen. 39 Kandidaten, darunter ein paar Frauen, sind bisher im Rennen. 21 Bewerber mehr als bei der Präsidentschaftswahl vor fünf Jahren. Ein gutes Zeichen?, will ich von meinen Begleitern – einem Berater des Kulturministeriums und dem Leiter einer deutsch-afghanischen Hilfsorganisation - wissen, die mit auf dem Weg nach Kunduz und Faizabad sind.
Sie schütteln den Kopf. Die meisten Kandidaten würden Familien- und Stammes-Interessen verfolgen anstatt das Land als Ganzes im Auge zu haben. Sie beklagen die niedrigen Hürden, die das Wahlgesetz festlegt. Mit 10.000 Unterschriften und einem Startgeld von umgerechnet rund 2.000 US-Dollar sei man Kandidat. Das öffne Tür und Tor für wenig erfahrene Bewerber.
Über Handy empfangen wir alle eine sms in der es heisst: „Registrieren sich Sich jetzt für die Wahl, wenn Sie noch keine Gelegenheit dazu hatten.“ Es sind private Telefon-Gesellschaften, die die sms verbreiten. Sie arbeiten für den Staat, wenn es sich irgendwie rentiert.
Von einer Euphorie unter den Wählern kann keine Rede sein. Die wenigsten haben den Eindruck, dass irgendein Politiker sie angemessen vertritt. Das gilt für den Präsidenten ebenso wie für das Parlament.
Trotzdem scheint es, als halte Karsai mehr Trümpfe in der Hand, als es noch vor wenigen Wochen schien. Der Kabul-Besuch von US-Vizepräsident Biden hatte in den Medien den Eindruck erweckt, als hätte das Obama-Team den Count-Down des Mannes mit Pakul und Chapan eingeleitet und arbeite seither an seiner Demontage.
Die USA sind mehr als nur das Zünglein an der Waage: der aussichtsreiche Kandidat und voraussichtlich kommende Präsident wird von der US-Regierung auserkoren, bevor er ‚frei’ gewählt wird. Schon seit Wochen hält sich die gesamte politische Klasse in Afghanistan bedeckt und schaut nach Washington. Er wenn feststeht, wen die Obama-Regierung favorisiert, kommen alle aus der Deckung.
Trotz erheblicher Schwächen, Fehler, einer korrupten Regierung und fehlender Sicherheit im Land geniesst Karsai den Vorteil des Amtsinhabers: er ist landesweit bekannt (die meisten seiner Konkurrenten sind das nicht), verfügt über Hubschrauber, die ihn jederzeit schnell an irgendeinen Ort bringt; er kann den Medienapparat der Regierung wie der ‚privaten’ Sender nutzen, manipulieren oder zensieren (was faktisch stattfindet; trotzdem wäre es falsch, gerade im Vergleich zu den Nachbarstaaten Afghanistans von einer überwiegend unfreien Presse zu reden). Karsai hat – last but not least – indirekt Zugriff auf Gelder der Geberländer. Das jüngste Mammut-Projekt, den Bau der Strasse zwischen Kunduz und Faizabad (Foto) kann sich Karsai auf die Fahnen schreiben. Über 100 Kilometer fahren wir vorbei an neu eingerichteten Zementfabriken, Dutzenden von Baggern, Walzfahrzeugen und afghanischen Tagelöhnern, die in sengender Sonne Zentnerlasten ohne Behilfsmitteln schleppen.
Kanidaten mit Chancen, die sonst noch genannt werden sind Ashraf Ghani (ehemaliger Finanzminister in einem vorherigen Kabinett Karsais und selbst ein Paschtune) und Ali Ahmad Jalali, wie Ghani ein ehemaliger Weggefährte Karsais. Als Innenminister hat er seinerzeit die grassierende Korruption im Staatsapparat scharf gerügt und sich dann zurückgezogen. Auch er ist ein Afghane mit us-amerikanischem Pass.
Jetzt stehe ich vor dem Mann, der Jalalis Wahlkampagne in der Provinz Badakhshan leitet.
“Bis zu 70 Prozent in den Dörfern und Orten, wo ich bin, sind bereit für Jalali zu wählen“, ist er zuversichtlich. Jalali habe gute Aussichten, denn er sei in den USA Dozent von Obama gewesen. Zugleich schwingt eine Grundskepsis mit. „Ich fahre die Kampagne für Jalali, weil er sich gegen die Korruption einsetzt und für einen effektiveren Staatsapparat. Sollte es aber so sein, dass er sein Wort selbst nicht halten kann, dann werden wir wieder Abstand von ihm nehmen.“

Donnerstag, 16. April 2009

Woman power? Ein Ehegesetz






Die Demonstration zum umstrittenen Ehegesetz ist auch heute das Tagesthema in Kabul. Frauen, die für und gegen das Gesetz ihre Fäuste in die Luft strecken und lautstark Slogans skandieren, hier für Frauenrechte, dort für Allah, hier in Jeans, dort mit weiten Roben, die die Körperkonturen verschwinden lassen. Frauen gegen Frauen auf der Strasse, getrennt durch ein cordon an Sicherheitsbeamten. Das Bild in den Abendnachrichten. Ich kann mich nicht erinnern, dass es in den letzten Jahren eine derartige Protestveranstaltung in Kabul gegeben hat. Ein kleines positives Zeichen für ein aufkeimende Zivilgesellschaft. Mag sein, dass die Bilder im Fernsehen einige Frauen ermutigen.
Sicher, es sind auch Männer da. Bestellte Demonstranten, die später gewalttätig sind und nach der Festnahme durch die Polizei aussagen werden, sie seien von Ayatollah Mosheni, einem der Anstifter des umstrittenen Ehegesetzes, dazu veranlasst worden.
Noch immer ist nicht eindeutig klar, ob es bei den Schiessereien gestern auch ein Opfer gab.

Aufgerufen zur Demonstration hatte unter anderem die afghanische Menschenrechtskommission. An der Spitze des kleinen Protestzugs auch einige ausländische Frauen. (Bilder Zainab Mohaqeq) Ein wichtiges Zeichen der Solidarität, einerseits. Ein leicht gefundenes Fressen für die Befürworter des Gesetzes, andererseits. Ayatollah Mosheni und seine Anhänger verstehen es, den Einfluss internationaler Akteure als Keule des Anti-Islam zu instrumentalisieren.
Der schiitische Geistliche, der lange in Mashhad im Iran im Exil gelebt hat, hat mit seinen und Geldern aus dem Iran das riesige Khatam Al Nabi’in-Seminar im Zentrum von Kabul erbauen lassen, eine Lehranstalt für islamisches Recht. Hier entstand auch das umstrittene Werk, das über 125 Seiten haben soll.

Ayatollah Mosheni leitet die Ulama der Schiiten, den Rat der konservativen Geistlichen. Und hier fangen auch schon die Missverständnisse an. Die Debatte, wie sich sich in deutschen Medien spiegelt, kommt selbstgerecht daher, wenig informiert.
Vergangene Woche hat Mosheni das Gesetz nochmal verteidigt, erklärt es werde kein Zurück geben. In Berichten wird er als ‚Führer der Schiiten’ beschrieben. Sind Aafghanistans Schiiten deshalb bereit ihm zu folgen? „Das Gegenteil ist richtig“, sagt Ali Karimi, ein afghanischer Intellektueller, „viele Schiiten hassen Mosheni. Er ist ein ehemaliger Mujahed-Kämpfer aus der Zeit des Bürgerkriegs. Er kämpft für einen politischen Islam iranischer Prägung und er ist ein Paschtune, keine Hazara, wie die meisten Schiiten. Er kommt aus Kandahar, wie Hamid Karsai, und er ihm werden gute Beziehungen zu konservativ-radikalen sunnitischen wie Sayyaf nachgesagt.“ Die Masse der Hazaras, die in Fragen der Moral eher offen seien, würden ihn ablehnen.
Mosheni ist auch nicht der Führer der einzigen schiitischen Ulama in Afghanistan. Unter den Hazaras gibt es eine Anzahl weiterer, gemäßigter Räte von Geistlichen und Intellektuellen.
Das alles fällt bei der Bewertung in der Auslandspresse unter den Tisch. Sollte es aber nicht.
Der Westen macht es sich leicht: eine kleine Gruppe radikaler Geistlicher wird mit einem Land gleichgesetzt. Wieder sind wir beim Bild des ewig-rückständigen Afghanistan, das nicht der Wirklichkeit entspricht. Dabei wird auch die Gruppe der Hazara, die rund 12 % der afghanischen Bevölkerung ausmacht und als vergleichsweise offen in gesellschaftlichen Fragen gilt, pauschal mit diffamiert. So kommt man Afghanistan nicht näher. Auch war die Stimmung bei der gestrigen Demo zivilisierter als es einige Artikel in der internationalen Presse vermuten lassen.

Unklar ist, ob und inwiefern die Übersetzungen des Gesetzes, die auf Englisch kursieren, interessengeleitet sind. Die Gefahr liegt angesichts der internationalen Presse-Echos und den Zielen, die internationale Akteure und diplomatische Vertretungen verfolgen, auf der Hand.
‚Zadan’, das persische Wort für schlagen, kann zum Beispiel sowohl einen freundlich gemeinten Klapps bedeuten oder auch die Anwendung grober Gewalt. Die Übersetzungen, die bis gestern auf Englisch kursierten sind zum Teil unverständlich und verwirrend. Selbst unter afghanischen Journalisten herrscht keine Klarheit über manche arabische Begriffe des Gesetzestextes.
Wie und warum Präsident Karsai das Werk unterschreiben konnte, darüber wird in Kabul unter In- und Ausländern noch immer angestrengt gerätselt. Pluspunkte für den beginnenden Wahlkampf verschafft es ihm vermutlich nicht, auch wenn diese Spekulationen in der Presse immer wieder genannt weden.

Zum nuancierten Blick auf das umstrittene Regelwerk gehört auch die Rolle des Iran.
Ayatollah Mosheni wird wie gesagt von dort unterstützt. Nicht auszuschliessen, dass Iran Öl ins Feuer giessen und Afghanistan latent instabil halten will. Es wäre nicht das erste Mal in den vergangenen Monaten.

Ich hatte gestern Gelegenheit Gast bei einem der bekannten und quotenstärksten afghanischen Radio-Sender zu sein, wo das Thema in der Redaktions-Konferenz heiss diskutiert wurde. Auch ein schiitischer Mullah gehört zu den Redakteuren. Er behandle seine Frau so wie man das normalerweise von einem rechtschaffenden Mann erwarte, sagt er angesprochen auf Sex in der Ehe. Vermutlich ist es bei den meisten (schiitischen) Paaren in Afghanistan so. Aber das Extrem veranlasst uns, eine ohnehin komplexe Gesellschaft vom anderen Ende aus zu denken, zu be- und verurteilen.
Eine Frau in der Redaktions-Konferenz weist darauf hin, der Text enthalte eine Stelle in der es heisst, Frauen könnten vor der Eheschliessung Bedingungen an den künftigen Ehemann stellen. Etwa die Bedingung, nicht zum Sex gezwungen zu werden? Damit wäre das Gesetz faktisch ausgehebelt.
Ich mache mir freilich keine Illusionen: dies ist die Stadt, Kabul, und die Demonstration gestern ist Ausdruck urbaner Verhältnisse und findet statt im Licht einer starken internationalen Präsenz, die es so an keinem anderen Fleck in Afghanistan gibt. Auf dem Land, wo Männer, Mullahs und die Tradition das Sagen haben, ist kaum denkbar, dass Frauen von heute auf morgen eine Umkehr der Verhältnisse einklagen, leben können. Auch alle Gender-Programme können daran wenig ändern.

Mittwoch, 15. April 2009

Buchhändler von Kabul, revisited





“Der Buchhändler von Kabul“. Als ich vor 5 Jahren zum ersten Mal nach Afghanistan kam las ich dieses Buch angeregt, wie viele Tausende andere. Und hielt es für die Wahrheit. Längst hat die norwegische Autorin T.Seyerstadt, die sich zur Recherche mehrere Monate bei der Familie des Buchhändlers in Kabul eingenistet hatte, ein schlechtes Gewissen. Seit Jahren läuft in Norwegen ein Prozess. Der Buchhändler und seine Familie bezichtigt die Autorin der Fälschung und der Verletzung der Familienehre, was in Afghanistan schwer wiegt. Gestern sprach ich mit einem der Söhne des Buchhändlers. Drei Jahre hat er selbst in Norwegen gelebt. Und ist desillusioniert wieder zurückgekommen, auch weil er die immer selben Fragen zu dem Buch nicht mehr hören konnte.
Er nennt eine Episode im Buch, in der eine Verwandte geschildert wird, wie sie eine voreheliche Beziehung pflegt, was – wie es im Buch steht – Gefahr für Leib und Leben bedeuten kann. „Seyerstadt hat so das Leben von mir und einiger anderer Leute gefährdet“, sagt er mit unterschwelligem Gram, „und sie hat unsere Familie zerstört“. Seit Erscheinen des Buchs lebe die Mutter im Ausland, sei alles nicht mehr wie vorher.
Die Autorin habe der Familie zur Entschädigung 1 Million Kronen als gütliche Einigung angeboten. Sine Familie könne das nicht akzeptieren, sagt Miraj. Sie kämpfe weiterhin für drei Ziele: den Stopp des Buchdrucks weltweit, eine öffentliche Entschuldigung der Autorin sowie die (rückwirkende) hälftige Beteiligung an allen Einnahmen, die das Buch weltweit erzielt hat.
Das ist hoch gezielt, zu hoch vermutlich. Wo also hin mit dem Schmerz?

Im Laden (Bild), der auch die Wohnung beherbergt und der bis zur Decke mit Büchern gedrängt vollsteht, liegt längst ein anderer kleiner Einband aus, den Mirajs Vater, der Buchändler von Kabul, selbst geschrieben hat. Ohne Wut im Bauch versucht er darin, Fragen an sich und über die Fremde, die in das Leben der Familie eindrang, von der Seele zu schreiben. Auch das Büchlein ist mittleweile in ein paar Sprachen übersetzt.
Ich sitze mit Miraj und trinke Tee. Er regt sich über die Rückständigkeit seiner Landsleute auf. Über die Kontroll- und Zensurbehörde beim Ministerium für Information und Kultur vor allem, die jedes Buch prüfe und viele der wissenschaftlichen Werke in Englisch über Anatomie, Medizin und Biologie, die der Buchhändler von Kabul aus dem Ausland bestellt, beanstandet. Er zückt einen kiloschweren Band, eine Enzyklopädie aus England über Pediatrie und Körperflüssigkeiten. Es dauere oft Monate, bis die Kontrollbehörde das Buch zum Verkauf freigebe. Das mache ihn rasend. „Wir leben im Zeitalter des Internets“, sagt er, „wo jeder in Kabul surfen und einsehen kann, welche pro- und anti-islamischen es gibt.“

Herat, last minute





I.
Seit zwei Wochen viel Regen in Herat, Mazar, Kabul und weiten Teilen Afghanistans. Deutsches Wetter statt der gewohnten Sonne. Ein Segen für die Landwirtschaft, es verspricht eine gute Ernte zu werden. Nachteil: reihenweise kollabieren Lehmbauten. Der Lehm weicht unweigerlich auf.
6 Tote durch ein einstürzendes Lehmdach gestern in einem Vorort von Herat.

II.
Ich bin zu Gast auf einem Workshop junger Afghanen, Männer wie Frauen, im Alter von 20-30. Young Leaders Forum heisst die Gruppe. Ein Debattierzirkel den das Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Afghanistan seit 2003 initiiert. Wir reden über kulturelle Missverständnisse, die auch nach sieben Jahren nicht weniger werden. “Unser Hauptproblem im Umgang mit Ausländern“, sagt einer von ihnen, „ist, dass alle von Draussen unsere Kultur nicht anerkennen und meinen, sie wären bessere Menschen.“ Zaki wird in Kürze zum ersten Mal zu einer Fortbildung nach Deutschland reisen: „Ich werde an der Uni und in Bibliotheken ein paar Monate recherchieren. Aber vorher will ich recherchieren, wie die Menschen in Deutschland sind, wie man dort geht und arbeitet („how they walk and how they work“). Mein Rat an die jungen Afghanen im Gespräch: selbstbewusster auftreten gegenüber den Geberländern und ihren Organisationen. Nicht Angst haben vor konstruktiver Kritik. Tatsächlich ist die Unterwürfigkeit der meisten afghanischen Angestellten in Büros internationaler Hilfsorganisationen erschreckend. Verständlich. Der weitaus kleinere Teil der täglichen Arbeitsbeziehungen ist gekennzeichnet von einem ausgewogenen Verhältnis, das nicht von ‚wir-da-oben-und-ihr-da-unten“ bestimmt ist.

III.
Petrus begegnete mir zum ersten Mal vor zwei Monaten. Was für ein Name in diesen Breitengraden. Er sagte er suche Arbeit bei einer Hilfsorganisation, sei relativ neu vor Ort.
Woche um Woche wurde das Bild über ihn klarer. Neu ist er nicht wirklich und Arbeit hatte er bereits in Herat. Auch in der einheimischen Sprache kennt er sich relativ gut aus. Man erstes Gefühl bestätigt sich: er ist hier, um zu missionieren. Ein absolutes Tabu-Thema der internationalen Medien mit Blick auf Afghanistan. (Zeit auch hierüber einmal zu berichten)
Hilfsorganisationen ist Missionieren offiziell untersagt, aber in Herat wie in Kabul passiert es am laufenden Band. Das Führungspersonal ganzer internationaler Einrichtungen ist darauf eingestellt. Zum Beispiel an der amerikanischen Schule von Kabul.
Petrus gibt Management-Kurse über persönliche Integrität und Aufrichtigkeit. Unter Ausländern aber traut er sich nicht, die Wahrheit zu sagen. Er lädt Afghanen zu sich nach Hause ein. Zeigt ihnen Filme in denen Jesus Christus und Gott gepriesen werden. Er fährt nach Dubai und schickt von dort Internet-Links über die Bibel und ihre Botschaft. Er kommt zurück aus Dubai mit der Bibel im Gepäck und will sie afghanischen Bekannten vermachen. Einige lehnen ab, andere zögern, wieder andere lassen sich ‚überzeugen’.

IV.
Kahlschlag: eines der zwei grossen US-Programme für urbane und ländliche Entwicklung schliesst seine Büros im gesamten Norden und Westen Afghanistans. Vorankündigung: 4 Wochen. Hunderte von Angestellten stehen auf der Strasse, die meisten haben eine 8-12-köpfige Familie ernähren.
Ähnlich wie bei der deutschen Entwicklungshilfe scheinen die USA ihre Hilfe jetzt vor allem auf jene Regionen zu konzentrieren, in denen sie am Stärksten engagiert sind bzw. die umkämpft sind. Bei den Amerikanern sind das der Süden und Südosten.
Shoanne ist frustriert über ihre eigene Regierung. „Die Mitarbeiter, die in Kabul die Dinge planen, sitzen hinter dicken Schreibtischen. Ich muss vier Abwehrringe aus Betonmauern und Stacheldraht überwinden, um zu ihnen vorzudringen. Wie kann ich erwarten, dass sie einen realistischen Eindruck der afghanischen Verhältnisse haben.“
Sie spricht von gekauften Schafen und geschorener Wolle, die jetzt ohne Webstühle bleiben. Von eingerichteten Büros, deren Ausrüstung jetzt verscherbelt wird. Von Strategien, die ohne Hand und Fuss.

V.
Viele loben die neue US-Strategie für Afghanistan. Sie enthält mehr militärische Anstregungen, Programme zur Demokratisierung des Landes werden zurückgefahren, hatten die neue Obama-Administration schon vor monatsfrist angeküdigt. Verleugnet der Westen damit die Ziele, die er sich sechs Jahre lang selbst gesetzt hat? Oder ist es Einsicht in die begrenzten Möglichkeiten, ein Land jenseits unseres Horizontes zu demokratisieren? Die Inkonsequenz und der falsche Ansatz der vergangenen Jahre sind unübersehbar.
“Ich möchte, dass Demokratie und Zivilgesellschaft hier eine Chance bekommen“, sagt Yama, 26, der aussieht wie 36, ernst, gebildet, und der gerade eine neue Organisation gegründet hat. „Wir vertreten säkulare Werte. Wir erwarten auch, dass der Westen junge Leute wie uns unterstützt und nicht fundamentalistische Gruppen und Interessenvertreter. Schauen sie z.B. General Jurat, ein ehemaliger warlord in Diensten der Nordallianz. Es heisst er habe 5.000 Milizionäre, die als Sicherheitskräfte in Herat hier und in Kabul für ausländische Organisationen arbeiten stellen die Sicherheit für Teile der afghanischen Behörden, der ISAF sowie für Hilfsorganisationen. Derselbe General Jurat tritt Recht und Gesetz mit Füssen. Unlängst hat er den Generalstaatsanwalt auf offener Strasse geschlagen und bedroht. Zu diesen Leuten geht das Geld der internationalen Gemeinschaft! Das muss geändert werden.“

VI.
Im Flugzeug nach Kabul. Mumtaza stammt aus Usbekistan. Sie fällt äußerlich von Teint und Kleidung nicht auf unter den Afghanen. Ihre Stimme aber verändert die Situation gewaltig. Frauen die laut und bestimmt sind ziehen mächtig Aufmerksamkeit auf sich, interessierte wie mißtrauische Blicke, nicht wirklich geneigte, anfangs. Mumtaza leitet ein Programm der Asia-Foudation für Frauenrechte.
Zuhause in Uzbekistan hat sie sich ebenfalls für die Bildung zivil-gesellschaftlicher Strukturen eingesetzt. Seit wenigen Monaten sei sie jetzt in Afghanistan. „Ich fühle mich so viel besser hier“, sagt sie, „das Land ist so frei in vieler Hinsicht im Vergleich zu meiner Heimat.“
Im selben Flugzeug sitzt Deeva, eine junge Iranerin. Sie arbeitet für eine internationale Hilfsorganisation in Herat. Trägt Jeans, ein modernes Top. „Tehran hat viele Möglichkeiten, aber nicht wirklich gewisse Möglichkeiten, die es hier gibt“.