Freitag, 13. November 2009

Der Mann aus dem Palast










Foto: Ahmad Zia, 9, mit seinem Koranlehrbuch vor einer Moschee in Tahimani, Kabul.



Der Mann, der mir gegenüber sitzt, kommt gerade „aus dem Palast“, wie er sagt. Anzug und Krawatte hat er gegen Jeans und Lederjacke getauscht. Er ist jung aber von hohem protokollarischen Rang in der Karsai-Administration. Bescheiden und erhaben zugleich nennt er sich ein Mädchen für alles ('jack of all trades').
Wie es mit den Äusserungen des neuen deutschen Verteidigungsministers zu Guttenberg an seinen Chef aussehe, die als 'Bedingungen' in der deutschen Presse die Runde machen ? „Es sieht nicht gut aus“, gibt er zu Antwort, und bezieht sich auf die Forderungen des Westens generell an die neue afghanische Regierung, über deren Bildung zur Zeit hinter den Kulissen heftig verhandelt wird. „Alle internationalen Gäste, die hier vorgesprochen haben zuletzt, verlangen, dass Karsai warlords wie Dostum, Mohaqiq und Fahim aus der Regierungsverantwortung entlässt. Aber das kann er nicht machen“, fährt der Mann, der nicht genannt werden möchte, fort. Karsai habe sein Schicksal in den letzten Jahren in einem Mass an jenes der gewendeten Kriegsfürsten gebunden, das ihm ein tabula rasa nach Wunsch der Geberländer nicht erlaube. Sicher, stimmt er zu, Karsai habe das Spiel mit den einstigen Mujahedin-Führern und Opportunisten der Mache zu weit getrieben, habe Härte und klare Grenzen dabei vermissen lassen. Das räche sich jetzt. Zudem liegen Forderungen derselben nach Posten und Zählbarem aus dem Wahlkampf auf Karsais Schreibtisch.
Fahren da also zwei Züge mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zu? Ein Kompromiss nicht in Sicht ? Karsai müsse Zeichen setzen, sagt er, der sich zum inneren Zirkel der Macht zählt, schon wegen der eigenen Glaubwürdigkeit. „In seiner Entourage gibt es jene, die ihn immer wieder auffordern, eine Exempel auf regionaler Ebene zu statuieren. Mit der Entlassung eines korrupten Behördenchefs oder Gouverneurs fern von Kabul anzufangen, um ein Zeichen zu setzen.“ Bisher aber geschieht wenig, wende ich ein. Offenbar, so gibt er zu bedenken, habe Karsai Angst noch mehr Zustimmung zu verlieren in solch einem Fall, aus Sorge dies könne als pauschales Schuldeingeständnis seiner Arbeit gewertet werden. Er spricht von politischer Willensschwäche und es wird klar, dass er Karsai persönlich meint. Aber er gibt auch zu bedenken, dass der Mann mit der Schafsfell-Mütze vielfach gar nicht Herr im eigenen Palast sei. Die amerikanische Regierung, deutet er die wirklichen Machtverhältnisse an, wolle jene Person im Amt sehen, die Briten kämen mit einem weiteren Wunsch. Andererseits rede der Westen mit so vielen Stimmen, dass Karsai im ein oder anderen Fall die Herren in einem Zimmer zurückliesse mit der Bitte, sich erst einmal einig zu werden, bevor sie sich mit einer neuen Forderung an ihn wendeten.
Seine Regierung wisse nicht einmal, was im heftig umkämpften Süden tatsächlich in jeder Sekunde los sei, gesteht er ein. Amerikaner und NATO-Länder betrieben ihre eigene und eigenwillige Informationspolitik und ihren eigenen Krieg. „Der Westen fordert von Karsai, er soll seine Verbindungen zu den Warlords kappen, aber zugleich ist es ein offenes Geheimnis, dass der Westen in den umkämpften Provinzen mit warlords arbeitet um sich Taliban vom Leib zu halten“. Unlängst gab es in Kabul eine denkwürdige Pressekonferenz, in der Karsai die übermächtigen westlichen Verbündeten beschuldigte, Taliban mit ihren eigenen Flugzeugen vom Norden in den Süden zu fliegen und so das Spiel der Aufständischen zu betreiben satt ihnen das Handwerk zu legen. Ein afghanischer Journalist habe Fotos, die dies belegten. Dieser Zeuge sei aber unlängst zu Tode gekommen und das Material offenbar vernichtet. Es ist wie so häufig: die Darstellung der afghanischen Seite und die internationale Sichtweise könnten konträrer nicht sein. Mehr noch: während die internationale Gemeinschaft glaubt, Karsai noch mehr an die Kandarre nehmen zu können steht auf der anderen Seite ihr versprechen nach mehr afghan ownership, d.h. Nach zunehmender Souveränität der Afghanen im eigenen Land. Eine Spannung zum Zerreissen.
Jede Seite hat ihre Argumente, einen Königsweg gibt es nicht. Die aktuelle Regierungsbildung werde sich dadurch verschieben, prognostiziert mein Gesprächspartner. Man darf weiter warten, bis weisser Rauch aus dem verbunkerten Palast im Herzen Kabuls aufsteigt. Süsslich wird sein Geruch mit Sicherheit nicht sein. Der neue deutsche Verteidigungsminister hat insofern gut gebrüllt, fragt sich jetzt wieviel Realpolitik beide Seiten zusammenbringen können und wollen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die Mißverständnisse in den letzten 8 Jahren eher gewachsen sind, das Desaster um die jüngste Wahl hat zusätzliches Vertrauen gekostet.

Dienstag, 10. November 2009

20 Jahre Mauerfall: die Afghanische Mauer







Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls bin ich in Kabul. Hier wachsen die Mauern. Real wie in den Köpfen. Nicht erst seitdem die UNO den vorrübergehenden Abzug eines Teils seines Personals bekanntgegeben hat verbarrikadieren sich ausländische Organisationen und ihre Mitarbeiter zunehmend hinter meterhohen Mauern mit meterhohen Stacheldrahtzäunen darauf.
Eine gewisse Schadenfreude über die UN-Tragödie ist kein vereinzeltes Phänomen unter Afghanen. Es häufen sich jene Stimmen, die das afghanische Aufbauprojekt als weitgehend gescheitert ansehen. Eine Erwartung von Abzug, nicht nur des MIlitärs, liegt in der Luft. Zugleich drängt unverändert ein Heer junger Entwicklungshelfer ins Land, die sich hier scheinbar komfortabel in auf den ersten Blick wenig kompatiblen gesellschaftlichen Realitäten einrichten. Sie sind ausgestattet mit zum Teil erheblichen Kompetenzen und gleichzeitig irgendwie immer auf dem Absprung. Zweifel (über überdimensionierte Gehälter, neokoloniale dejà-vus o.ä. scheinen die meisten von ihnen nicht zu kennen). Auszug aus einem Gespräch, gerade aufgeschappt in einem der Kabuler Kaffeehäuser, in denen Mann keine Afghanen trifft:
"- Oh hi,... how are you doing...
-...yeah, great man...
- I'm here for three weeks. got a little thing to do.
- ...sounds interesting. if got a meeting right now. got to hurry...
- ...you got to come and see us in Nigeria. I'll be there next month again...
- ...hello? can I have this coffee with a little bit of cream and sugar please...
- ...service here has gotten better but...
- ...my gosh. seems like you're speaking to. I mean...
- ...2.30 already. I got to go. sorry. my (Afghan) driver is waiting outside. we hired a new one.
the old one was not reliable. you know what I mean...

A propos Mauerfall: nicht nur der bekannte Filmemacher und Freund Siddiq Barmak ('Osama', 'Opium War') vertritt die These, dass die Deutschen den Afghanen und ihrem erfolgreichen Kampf gegen die russischen Invasoren die deutsche Einheit mitzuverdanken haben. Das wäre eine lohnende These für eine interessante Podiumsdiskusson im Kabuler Goethe-Institut gewesen.

Sichtbar im öffentlichen Stadtbild sind - ausser immer mehr Bewaffneter von realen wie phantasierten Armeen und privaten Milizen wie Sicherheitdiensten - Erwachsene und Kinder mit Mundschutz (s. Bild). Auch hier geht die Angst vor Schweinepest um. Hinter der oberflächlichen Gesundheitsvorsorge (ausreichen Impfstoff ist nicht vorhanden, angeblich, so erzählt mir ein Arzt von Lepco, einer angesehenen Gesundheitshilfsorganisation, gerade einmal 50.000 Spritzen. Möglicherweise für die oberen 50.000) Es heisst, die Warnungen des afghanischen Gesundheitsministeriums vor dem Virus hätten in Wahrheit einen politischen Hintergrund: seit 1. November sind Schulen und Hochschulen geschlossen, Jahresendprüfungen ausgefallen, angeblich um von möglichen Protesten von Anhängern des unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Abdullah abzulenken und die Wahlfälschungen vergessen zu machen.

Was ichs sonst sehe an einem ganz normalen Tag in Kabul
- ein Mädchen mit wehenden Haaren auf dem Gepäckträger eines Fahrrads, das sich den Weg zwischen den Autos bahnt
- zwei Fußballmannschaften im morgentlichen Staub neben der Schnellstrasse
- Tüten voller Apfel und Weintrauben am Strassenrand
- eine sms, die von einer Explosion in Herat, am anderen Ende des Landes berichtet
- ein afghanischer Angestellter, der mich freudig drückt als ich an der Tür stehe
- die warmen Kichererbsen zum Mittag
- faustgrosse Rosen, die noch duftend langsam vor sich hinwelken
- der Gestank der stehenden Abfälle und Kloake
- Hubschrauber vor meinem Fenster, im Doppelpack, im Tiefflug
- die stimme des BBC-moderators im Radio, die – nicht zum ersten Mal in den vergangenen Jahren - berichtet, dass Al Qaida aus Afghanistan vertrieben sei (da die quelle ein britischer General ist, werden die Afghanen dem mit grösstem Mißtrauen begegenen)
- kleine Mädchen Hand in Hand auf der Strasse, die mir energisch ein 'salam' entgegnen
- die metertiefe Schiessscharte in der Wand des Kulturministeriums
- nochmal junge Mädchen in Plastiklatschen. Unfreiwillige Putzkolonnen. Sie drücken sich an die Aussenscheiben im Schrittempo vorbeifahrenden Autos, erbetteln ein paar Cent
- ein Seitenstrassenkaffee, das bewacht ist von einem privaten Sicherheitsdienst; drinnen ausladende Teller mit grossen Burgern darauf; Asiaten, Afrikaner, Europäer, die mit einer Hand ihre PC-Maus bedienen oder wichtig in Handys sprechen, mit der anderen die Gabel halten und damit in Essen herumstochern
- Kim, eine Anwältin, die von Shirin berichtet, einer afghanischen Massenörderin, die im Gefängnis von Kabul ohne Verteidiger einsitzt.
- Mohsen, einziger afghanischer Autor von Animationsfilmen, der mir seinen neuen Film mit dem Titel 'Hitler' zeigt
- der Öl-Ofen in meinem Zimmer, der mit einer Giesskanne und Benzin gefüllt wird
- ich laufe durch die Butcher-Street, vorbei an der jüdischen Synagoge mit dem einzigen noch lebenden Juden von Afghanistan, Zabulon. Heute klingle ich nicht. Was er wohl macht gerade? Wie lange er noch zu leben hat?
- Matsch an den fußsohlen, wo immer ich heute in ein Auto steige
- eine Stimme im afghanischen Radio berichtet über 20 Jahre Fall der Mauer von Berlin. Hier werden die Mauern immer höher und immer mehr. Die Ausländer kommen immer seltener dahinter hervor. Das Projekt Afghanistan, ein fehlgeschlagenes Joint-Venture aus zivilen und militärischen Komponenten, gehe seinem Ende langsam entgegen, unkt einer. Aufbruchstimmung in düsteren farben.

Montag, 2. November 2009

Wahl ade: Lupenreine Demokraten

Nach Absage der Stichwahl und Reinthronisierung von Karsai als Präsident heute,
erreichen mich aus Afghanistan keine mails von meinen afghanischen Kollegen und Freunden. Keine Entrüstung, kein Aufschrei, keine Schuldzuweisungen.
Das mag man getrost als Anzeichen dafür deuten, dass die 'Rettung des demokratischen Prozesses', die von unseren Politikern und Medien immer wieder beschworen wird, von den Menschen vor Ort von Anfang an mit einer gesunden Distanz und Skepsis verfolgt wurde. In den Augen der Afghanen war das Geschachere um den 2. Wahlgang vor allem eine Angelegenheit des Westens. Das afghanische Volk steht einmal mehr als betrogen da. In seiner Haltung, die auf Erfahrung und nicht auf gelebter Demokratie beruht, ist es realistischer als die Mehrheit der Diplomaten und internationalen Akteure, wie es scheint. Viele internationale Akteure werden sich heute abend die Bettdecke über den Kopf ziehen und sich verkrümeln – denn es gibt gute Gründe, die Kakophonie westlicher Initiativen in diesem Wahl-Fiasko für den tatsächlichen Ausgang (mit)verantwortlich zu machen.
Zunächst verwundert die Chuzpe, mit der die Regierungen im Westen Karsai erneut auf den Schild heben. Derselben afghanischen Wahlkommission hatten sie zuletzt mehrfach das Vetrauen entzogen. Zu spät offenbar, um noch grundlegend die Richtung des auf Grund laufenden Tankers zu ändern, und zu disparat: UNO und US-Diplomatie haben sich in den veragenenen Monaten bekämpft, statt an einem Strang zu ziehen. Karsai hat das ausgenutzt.
Das „besser Regieren“, das Obama Karsai jetzt mit auf den Weg gibt, klingt wie blanker Hohn.
Das Desaster war nur möglich, weil der Westen selbst viel versäumt hat bei, vor und nach dieser Wahl: er hätte intervenieren können, als Monate vor dem Wahltag der Sumpf von Manipulation und tausenden 'Phontomwählern' ruchbar wurde. Er hätte auf einer Interrimsregierung bestehen können im Früjahr, als Karsais Mandat ausgelaufen war, statt ihm einen blanko cheque zur einer eigentlich verfassungswiedrigen Verlängerung des Mandats auszustellen. Er hätte vor allem in den vergangenen acht Jahren die Zivilgesellschaft stärken müssen: z.B. helfen ein Heerschar unabhängiger Wahlbeobachter aufstellen, oder einem Verfassungsgericht Konturen zu geben, das jetzt eigentlich gefragt wäre.
Die mangelnde Legitimität, die Karsai nun besitzt, überträgt sich auf die Geberländer. Real wie propagandistisch. Die PR-Pamphlete der Taliban sind bereits voll davon. Es wird die US-Regierung und und die übrigen Geberländer auf eine merkwürdige Art mit Karsai zusammenschweissen. Man wird abwechselnd auf ihn einprügeln, ihm mißtrauen und andererseits seine Figur weiterhin als Bollwerk gegen mögliche Instabilität ins Feld führen, nach dem Motto das rechtens ist, was die gewohnte (Un)Ordnung gefährdet. Dabei ist der Flächenbrand im Zentrum der afghansichen Macht der äußeren Gefahr mittlerweile ebenbürtig, wie immer mehr eingeweihten Beobachtern auffällt.
Dieser Tag ist auch gut um sich über die Grenzen dessen klar zu werden, was in Afghanistan machbar ist und was nicht. Über das, was halbherzig geschieht (zu wenige Polizei- und Armee-Ausbilder, zu wenig zivile Aufbauhilfe) und das, was – aus Mißtrauen – immer hinausgezögert wird: den Afghanen mehr Verantwortung übertragen. Auch hier hat der Westen sich früh für den Handschlag mit warlords des alten und neuen Kalibers entschieden. Eine Riesenhypothek.
So schreibt denn ein Bekannter, der seit über 30 Jahren Afghanistan als Entwicklungshelfer verbunden ist in eigener Wahrnehmung und Übermittlung einheimischer Befindlichkeiten: „das mit der Stichwahl war vor allem ein Problem fürs Ausland. Die erste Wahl, auf der Karzai gewählt wurde, war auch nicht besser. Aber da wollte das Ausland diesen Herrn. Jetzt wäre man ihn gerne los, hat es aber versäumt, einen Gegenkandidaten aufzubauen. Für die Afghanen waren die Kandidaten allesamt wenig attraktiv. So war dann wohl Karzai für eine Mehrheit noch das kleinste Übel. Es hätte hier niemanden gestört, wenn Karzai und Abdullah sich arrangiert hätten und gemeinsam mit den anderen notorischen Lumpen eine Regierung gebildet hätten. Dann überkamen die ausländischen Politiker ganz unerwartet urdemokratische Empfindungen und sie setzten eine Stichwahl durch. Durch seinen Rückzug unter Protest hat es Abdullah nun geschafft, dass alles beim Alten bleibt.“.

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Schatten auf der Stichwahl








Kann man das Falsche tun, indem man das Gebotene beherzigt? Lässt sich Glaubwürdigkeit wieder herstellen, in dem man der Verfassung genüge tut? Können Akteure, die aktiv oder passiv Wahlfälschung unterstützt haben, die Demokraten von morgen sein?
Es gibt gute Gründe, die Entscheidung für eine Stichwahl in Afghanistan eine demokratische Scheinübung zu nennen. Nicht nur, weil es beim zweiten Wahlgang keinerlei Garantie gegen erneute Fälschungen gibt (es werden sogar deutlich weniger unabhängige Wahlbeobachter zugegen sein als zur ersten Runde im August). Die Stichwahl dient der Gesichtswahrung des Westens, der Karsai aber auch sein eigenen Aufbauziele und -rhetorik sonst kaum mehr halten könnte. Selbst wenn Karsai die Stichwahl gewinnt, bleibt mehr als ein Makel. Im Grunde kann Karsai Demokratie, wie sie den Geberländern vorschwebt, nicht mehr glaubwürdig verkörpern.
Das wird auch Konsequenzen haben für die Debatte um die Verlängerung der militärischen Mandate. Immer mehr sickert zudem durch, dass er mächtig zur Anerkennung der revidierten Auszählung getrieben werden musste. Keine gute Grundlage für das gemeinsame Ausarbeiten künftiger Strategien im Übrigen.

Unter meinen afghanischen Kollegen reagieren viele mit deutlich kritischem Unterton.
Einer von ihnen stellt die Gretchenfrage: “My concern is that no one recognizes Afghanistan as a country. All see this country as a battlefield and board for political games. If fraud is a crime why is Karzai still permitted to go to the second round? If fraud is not a crime so why we go to the secound round?” Diese Fragen richten sich ebenso an eine werdende Nation, die über keine unabhängige Justiz verfügt, wie an die Adresse jener internationalen Akteure, die seit geraumer Zeit mit doppelten Standards in Afghanistan operieren. Die Diskrepanz lässt sich nun immer seltener verbergen.
Eine Bekannte, die vor zwei Monaten noch in leitender Funktion für FEFA, der einzigen grösseren unabhängigen afghanischen Wahlbeobachterorganisation, tätig war, schreibt unmißverständlich:
„I am not too excited about this whole run-off thing. Too much money, too much risk. I don't think most people will participate either... and what are the guarantees that there won't be fraud again?”
Triumphgefühle, die westliche Diplomatie hätte der afghanischen Bevölkerung einen Dienst erwiesen, sind damit unangebracht. Aussagen, Karsai sei rechtzeitig eine Lektion erteilt worden, enthalten das Fünkchen Missionierungsgeist zuviel, und sollten am Besten nicht zu der Annahme veranlassen, das Pendel könne nicht auch hier zurückschlagen.
Wieder einmal lohnt es sich, genau auf das afghanische Echo zu hören, das uns viel lehrt, darüber, wie Demokratie konjugiert wird von den Menschen. Der Blog des Afghan Analysts Networks ist ganz aufschlussreich in dieser Hinsicht. Ich zitiere draus eine Frau aus Kabul: "We’re going to have another election but we still have no candidate we would want to vote for.”

Das tatsächliche Ergebnis dieser Wahl werden wir, ähnlich wie im Iran, vermutlich nie erfahren. Anders als in Persien verfügt der Westen aber am Hindukusch über ungleich mehr Einfluss. Man kann auch hier von Versäumnissen reden. Etwa bei der Frage, warum in den vergangenen Jahren und angesichts einer weitverbreiteten Skepsis über die afghanischen Politiker, kaum Anstrengungen unternommen worden sind, afghanische Wahlbeobachter und ihre Organisationen in grossem Stil zu stärken. Ähnlich wie bei der Ausbildung des Militärs wäre hier Klotzen statt Kleckern angesagt gewesen. Man hätte z.B. ein Heer unabhängiger Wahlbeobachter ausbilden müssen, mit staatlich verbriefter Autorität. Stattdessen trieben Tausende Parteigänger der Kandidaten am und um den Wahltag ihr Unwesen. Manipulation und Einschüchterung waren damit Tür und Tor geöffnet.
Es rächt sich jetzt auch das Präsidialsystem, wie es sich Karsai mithilfe der US-Regierung maßschneidern liess: keine Parteien, die ihm in die Suppe spucken. Stattdessen Absprachen mit Technokraten und ehemaligen warlords samt ihres bewaffneten Anhangs. Diese Sünden der neuen afghanischen Demokratie werden bis heute sanktioniert durch die Geberländer. All das ist, man ahnt es, ein gefundenes Fressen für jegliche Opposition, sei sie demokratisch oder fundamentalistisch.

Mittwoch, 23. September 2009

Blick in die Chrystal-Kugel











Die (Selbst)Kritik von US-General McChrystal, dem obersten US-Kommandeur in Afghanistan, in seinem 66-Seiten-Papier (download des dokuments)an die US-Regierung klingt schonungslos. Tatsächlich nimmt der Bericht viel von dem auf, worauf Experten, Hilfsorganisationen und eine Anzahl von Diplomaten bereits seit Längerem verweisen. Der Bericht ist voller Hinweise auf die komplexen gesellschaftlichen Zusammenhänge, die die NATO in Afghanistan vorfinde. Das ist richtig beobachtet. Es beinhaltet zugleich das Eingeständnis, dass sich die führenden Militärs lange nicht auf den Kern erfolgreicher Aufklärung konzentriert haben, dh. eine realistische Analyse der Verhältnisse, unter denen der Konflikt stattfindet. Ob die Entsendung mehrerer Hundert zusätzlicher CIA-Beamter, über die wenige Tage zuvor befunden wurde, des Rätsels Lösung sind, sei einmal dahingestellt.
Eine der wesentlichen Passagen, in denen auf die Motivation des Aufstandes Bezug genommen wird, bleibt jedenfalls merkwürdig vage. So als fehle dem Autor der letzte Erkenntnisgewinn. Der Bericht verharrt in Allgemeinheiten (zumindest in dem Teil, der der Öffentlichkiet vorliegt).

“The conflict in Afghanistan is often decribed as a war of ideas and perceptions; this is true and demands important consideration. However, perceptions are generally derived from actions and real conditions, for example by the provision or a lack of security, governance, and economic opportunity. Thus the key to changing perceptions is to change the fundamental underlying truths. To be effective, the counterinsurgent cannot risk credibility by substituting the situation they desire for reality.”

Der Leser wird der Zeilen wird das Gefühl nicht los, dass man nach acht Jahren Militärpräsenz noch tief in der Ursachenforschung steckt. Vor dem Hintergrund erscheint es folgerichtig, dass bisherige ‚Strategien’ nicht erfolgreich waren.
Das Wort ‚Strategie’ wird ein ums andere Mal strapaziert, oft zu Unrecht. Was McChrystal an seine Regierung in Washington geschickt hat ist keine neue Strategie (soweit ich sehe wird die Behauptung in dem Papier nicht erhoben) sondern vielmehr die Suche danach.

Ein paar Zitate in dem Bercht treffen sich mit meinen Beobachtungen vor Ort und deuten, man darf das hoffen, eine Umkehr in der bisherigen Politik an. Ansonsten gilt vermutlich, was afghanische Leser zuletzt anlässlich Obamas Rede in der Universität von Kairo geäußert haben: es hört sich gut an, jetzt wollen wir Taten sehen.
„Die ISAF-Schutztruppe“, heisst es in dem Bericht, „ist eine konventionelle Truppe die ungenügend zusammengesetzt ist für eine allumfassende Bekämpfung der Aufständischen, unerfahren in den afghanischen Landessprachen und mit der Kultur des Landes.“ An anderer Stelle ist von wachsender Entfremdung die Rede: „Wir haben in einer Art und Weise operiert, die uns - physisch und psychologisch - von den Menschen entfernt hat, die wir beschützen wollen."

Für einen Strategiewechsel gibt McChrystal sich 12 Monate Zeit. In dieser Zeitspanne soll unter anderem der Aufbau afghanischer Sicherheitskräfte beschleunigt werden. Das bestehende Ziel - eine Erhörung des afghanischen Militärs von 92.000 auf 134.000 Soldaten bis Dezember 2011 - will die US-Regierung um ein Jahr beschleunigen. Wie dieser Crash-Kurs in Militärausbildung erreicht weren soll wird in dem Bericht im Detail nicht erläutert. Skepsis ist angebracht. Bisherige Zeitvorgaben, auch bei der Polizeiausbildung, haben sich nicht wie erhofft einhalten lassen. In Kürze kommt für vier Monate der Winter, in dem sich erfahrungsgemäß wenig bewegt.
Das westliche Militär, so McChrystal, könne sich, sofern aus den Fehlern nicht gelernt werde, nur selbst besiegen. „Sollte es nicht gelingen, innerhalb kurzer Frist die Initiative zu übernehmen und die Stoßkraft der Aufständischen abzuwenden, während gleichzeitig die Sicherheitskompetenz Afghanistans zunimmt, droht ein Zustand, in dem eine Niederschlagung des Aufstands nicht länger möglich ist".
Der Bericht kritisiert den hohen Grad an Korruption in Afghanistan auf allen Ebenen. Interessanterweise rät er auch der internationalen Gemeinschaft ihre „eigenen korrupten oder kontraproduktiven Praktiken“ anzugehen. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit, nicht zuletzt von unseren eigenen Medien zu leisten. Zugleich verspricht McChrystal eine engere militärische Kooperation zwischen NATO- und afghanischem Militär. Offiziellen Bekundungen zum Trotz besteht unverändert eine Mauer des Mißtrauens zwischen beiden Seiten.
Die neue Strategie, so heisst es weiter, werde den eigenen Truppen grössere Risiken abverlangen. Die NATO könne „nicht gewinnen wenn sie nicht bereit ist ein Risiko zu teilen, das mindestens ebenso gross ist, wie das der Bevölkerung.“ Kurzfristig, so Mc Chrystal, sei es „realistisch zu erwarten, dass die Zahl afghanischer und ISAF-Opfer zunehmen wird.“

Einen Gefahrenherd für die künftige Entwicklung sieht McChrystal in den afghanischen Gefängnissen. Dort rekrutierten Taliban und Al Qaida erfolgreich Nachwuchs. Strategisch müsse dem mit einem Programm entgegengewirkt werden, das umkehrwilligen Aufständischen Anzreize gebe, in den Alltag zurückzukehren und Arbeit zu finden.
Der Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Radikalisierung ist von Experten längst erkannt. Auch ein Programm zur Reintegration ehemaliger Taliban gibt es seit mehreren Jahren. Nennenswerte Erfolge konnte die afghanische Regierung dabei bisher nicht verzeichnen.
Grundsätzlich verweisen mehrere Punkte in McChrystals Bericht auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge, die mehr zivile Helfer und Koordination erforderlich machen. Das Militär kann z.B: nicht nach Belieben in afghanischen Gefängnissen intervenieren.
Hier wie an anderen Punkten fragt sich der Leser, ob mehr Soldaten (wie von McChrystal und den für die Region hauptverantwortlichen US-Militärs gefordert) wirklich die Lösung sind, oder ob nicht vielmehr zivile Experten gebraucht werden angesichts der kulturellen Hürden, die der US-General beschreibt.
„Die Afghanen müssen ISAF Soldaten als Gäste wahrnehmen, nicht als besetzende Armee“, schreibt der US-General. Und: ISAF-Verantwortliche in Schlüsselpositionen müssten Unterricht in den Lokalsprachen erhalten. So komisch es klingt: erst acht Jahren nach dem Sturz der Taliban wächst offenbar die Erkenntnis, dass militärischer Erfolg auch zwischenmenschlicher Kommunikation mit den Einheimischen bedarf. Eine Rolle mag hierbei spielen, dass es Teilen der ISAF offenbar immer schwerer fällt Dolmetscher und Übersetzer zu rekrutieren. Zur Entlastung der Soldaten sei gesagt: Das Lernen der Landessprache ist Problem der Militärs allein. Die Masse der zivilen Hilfsorganisationen hat nach eigener Aussage hier erheblichen Nachholbedarf.
Aus all dem folgt auch: es braucht in Afghanistan eine Kultur des Respekts. Die Menschen in Afghanistan erwarten, dass ihr konkretes Anliegen nach Sicherheit und Aufabu auf allen ebenen ernster genommen wird. Das Versprechen darauf findet sich übrigens in der Definition des ISAF-Auftrages, wie er im McChrystal-Bericht formuliert ist. Im Bereich Beschäftigung z.B. denke ich ist dieser Anspruch vermutlich zu anmaßend formuliert. Das ausländische Militär wird nicht auf Dauer der grosse Arbeitgeber für die Bevölkerung sein können, und wenn, dann nur auf Kosten schon jetzt erkennbarer Sicherheitsprobleme. Die Menschen erwarten auch, das der Begriff Sicherheit nicht ausschliesslich nach westlichen Maßstäben und geo-strategischen Interessen definiert wird.

Freitag, 11. September 2009

Helden unserer Zeit












Kundus kommt nicht zur Ruhe. Die Nachbeben des fatalen Luftangriffs, der von deutscher Seite in Auftrag gegeben wurde, dauern an. Diesmal ist es der ungeklärte Tod eines afghanischen Reporters, der für Wellen sorgt. Einmal mehr stehen Ansehen und Aufrichtigkeit des Auslands in Afghanistan in dem Fall auf dem Spiel.
Denn seit zwei Tagen richten sich Kritik und Unmut auch gegen die englischen Truppen. Insbesondere gegen das militärische Kommando, das den britisch-irischen Reporter der New York Times befreite. Stephen Farrell und sein afghanischer Kollege Sultan Mohammad Munadi waren am vergangenen Samstag von Taliban bei Kundus entführt worden, als sie über die Folgen des Luftangriffs recherchierten.
Farrell ging als glücklicher Held aus der Befreiungsaktion hervor. Sultan Munadi bezahlte den Einsatz mit seinem Leben. „Er war bis zuletzt an meiner Seite, versuchte mich zu schützen“, schreibt Farrell. Ob sein afghanischer Begleiter durch Taliban-Feuer oder durch Schüsse des Befreieungskommandos starb könne er nicht sagen.
Stimmen in der britischen Regierung, die der Rettungsaktion zustimmte, fanden für das Kommando die Worte „heldenhaft“. Möglicherweise wollte sie durch die Freilassung eines Landsmanns in Afghanistan punkten. Offenbar aber verlief ein Teil der Aktion im Fiasko,
Vier Menschen kamen ums Leben. Neben Sultan Munadi auch ein britischer Soldat sowie eine afghanische Frau und ein Kind. Der britische Geheimdienst hatte zudem offenbar ohne Kenntnis der Lage vor Ort eingegriffen. So gab es bereits Verhandlungen über eine Freilassung der beiden Reporter. Diese schienen sogar auf einem gutem Weg zu sein.
All das ruft nun den Zorn vieler Medienschaffender in Afghanistan hervor und der dazugehörigen Verbände. Kollegen des Verstorbenen stellen sogar grundsätzlich in Frage, dass die Rettungsaktion auch ihrem afghanischen Kollegen gegolten habe.
„Es gibt mehrere Hinweise, dass es den Befreiern nicht um das Leben von Sultan Munadi ging“, glaubt Barry Salam, ein Freund und Medienunternehmer. „In vielen Berichten wir seine Rolle auf die eines Dolmetschers reduziert, was ganz und gar nicht der Wirklichkeit entspricht. Ausserdem gibt es Augenzeugenberichte.“
Downing Street, der Amtssitz von Gordon Brown, dementiert dagegen, die Rettungsaktion habe sich an beide gerichtet und sei die beste Möglickeit gewesen, das Leben beider zu retten.
Der neu gegründete Media Club of Afghanistan, ein Verband afghanischer Journalisten die mit internationalen Medien zusammenarbeiten, verurteilt zwar einerseits die Taliban für die Entführung. Andererseits nennt er das Eingreifen der britischen NATO-Militärs unverhältnismäßig.
So seien die Verhandlungen zur möglichen Freilassung der beiden auf gutem Weg gewesen.
„Das internationale Rote Kreuz war eingeschaltet, auch lokale Würdenträger vor Ort bemühten sich um eine rasche Einigung. Es hat klare Anzeichen für eine friedliche Lösung der Entführung gegeben“, so Barry Salam.
Was davon wussten die Briten ? Und warum griffen sie trotzdem militärisch ein ? Mittlerweile ist eine Untersuchungskommission gebildet worden, die mit Billigung der afghanischen Regierung in Kunduz Erkundungen einholt. Für morgen haben afghanische Journalistenverbände eine grosse Pressekonferenz angekündigt. Unterstützt werden sie von Organisationen der afghanischen Zivilgesellschaft.
Was viele afghanische Medienvertreter umtreibt ist vor allem eine Frage: warum erneut wir? Nicht zum ersten Mal kommt ein ausländischer Reporter aus den Fängen der Taliban frei, während sein afghanischer Begleiter stirbt. So hatte im März 2007 der Fall des entführten Italieners Daniele Mastrogiacomo international für Aufsehen gesorgt. Der Reporter der Tageszeitung 'La Repubblica' war in Begleitung seines afghanischen Kollegen Ahmad Naqshbandi auf Recherche im Süden Afghanistans. Mastrogiacomo kam nach zwei Wochen frei. Im Tausch gegen mehrere Taliban. Naqhsbandi wurde dagegen durch seine Entführer enthauptet. Er war nicht der Faustpfand in den Händen der Aufständischen, den ein Ausländer darstellt. Der Italiener wurde bei seiner Rückkehr in Rom als Held gefeiert. In Afghanistan herrschte dagegen Verbitterung. Wieder einmal stellte ein ausländischer Reporter das lukrativere Faustpfand in den Händen von Entführern da.
Munadis Leiche liessen die britischen Militärs zunächst in Kundus zurück, erst später wurde der Körper überführt. Nicht nur seine Journalisten-Kollegen sehen darin mangelnde Pietät „Für viele ist das ein Zeichen grösster Respektlosigkeit. Sie werten es als unmenschlich. Einige, die seinen Körper mit völlig verblutetem Leichentuch gesehen haben, meinten so herzlos würden nicht einmal die Taliban sein“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter der Karsai-Regierung.
Letztendlich beschleicht viele afghanishe Journalisten das Gefühl, sie seien in der Schlacht um Schlagzeilen, Geschichten und die Suche nach der Wahrheit nur Menschen zweiter Klasse.
Ein anderer einflussreicher afghanischer Medienverband meldet sogar ausdrücklich Bedenken an: jeder afghanische Journalist, so ihr Vorsitzender, solle sich in Zukunft genau überlegen, mit wem er in Zukunft zusammen arbeite und recherchiere. Damit wird, so interpretieren es Beobachter, auch die Version von Farrell und seine Aufrichtigkeit grundsätzlich in Frage gestellt. Ein Reporter der New York Times steht entblösst da. Zugleich kondolieren ehemalige Kollegen der Zeitung, „ohne Sultan Munadi wäre das Kabuler Büro der New York Times heute nicht das, was es ist.“
Ob und was all dies für deutsche und ausländische Journalisten bedeutet, wenn sie künftig in Afghanistan arbeiten, ist unklar. Sicher tun sie gut daran, ihren Übersetzern und Dolmetschern den Respekt zukommen zu lassen, den diese verdienen.
In vielen Fällen sind die sogenannten 'Stringer' für die ausländischen Reporter wie eine Lebensversicherung. Sie treiben die Gesprächspartner auf, schätzen die Seriosität von Informationen ein und organisieren Fahrer, auf die Verlass ist. „Die afghanischen Kollegen begleiten Reporter aus dem Westen mit ins Feld. Sie leiten dabei genauso an wie sie ihnen folgen. Sie sind wie ein mobiles 'Who is Who' für uns. Sie fungieren als Historiker und Führer, als Lügendetektor und Versorgungshilfe sowie als logistische Planer “, so Barry Bearak, ex-Kollege und Chef des Südasien-Büro der New York Times, „sie nehmen das gleiche Risiko auf sich wie ihre ausländischen Kollegen, bekommen dafür weniger Gehalt und auch nicht den Ruhm“, so Bearak.
Sultan Munadi hat darüberhinaus in Kabul mit Erfolg das populäre Radioprogram 'Good Morning Afghanistan' mitaufgebaut und am Entstehen eines multimedialen Medien-Büros mitgewirkt.
Ende letzten Jahres ging er zum Studium nach Deutschland. Ein Materstudiengang über „Good Governance“. „Sultan Munadi war sehr beliebt, nicht nur unter den Afghanen“, erinnert sich sein deutscher Professor, Dietmar Herz von der Erfurt School of Public Policy. „Er hatte ein Führungsrolle inne unter den afghanischen Studenten. Und er war ein sehr reifer junger Mann.“
Anders als viele seiner afghansichen Kollegen, die im Gegensatz zu ausländischen Reportern in der Regel nicht versichert sind, könnte Munadis Familie Glück im Unglück haben. Die Universität Erfurt bemüht sich zur Zeit, dass sein Fall versicherungsrechtlich anerkannt wird beim federführenden Deutschen Akademischen Austauschdienst. Seine Reise würde dann nicht als Einsatz im Krieg eingestuft, sondern als Student auf Heimaturlaub in Afghanistan. Tatsächlich galt seine Reise nach Kabul dem Besuch von Eltern und Familie. Anfang Oktober hatten seine Kommilitonen ihn für den Beginn des Wintersemesters zurückerwartet. Die Universtität Erfurt hat auch ein Konto eingerichtet, das den Angehörigen von Sultan Munadi zugute kommen soll.
Der 34-jährige hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.
Die Debatte in Afghanistan um die tragisch zuende gegangene Befreiungsaktion dürfte derweil noch nicht am Ende sein. „Dieser Fall, zusammen mit dem Luftangriff in Kundus, ist ein bedeutender Rückschlag für die Anstrengungen der Regierung und ihre Verbündeten, die öffentliche Meinung in Afghanistan zu gewinnen“, meint Fayeq, ein bekannter Moderator im afghanischen Fernsehen. In einem der Fälle habe ein Sprecher der Taliban eine Untersuchung der Vereinten Nationen gefordert. In der Propaganda-Schlacht zwischen Aufständischen, afghanishen Behörden und NATO setzt dies die Regierung Karsai und den Westen einmal mehr unter Druck.
Die ge- und zugleich missglückte Befreiungsaktion wird auch äußerst kritisch gesehen in Afghanistan, weil es sich bei den Briten um die ehemalige Kolonialmacht handelt, der viele bis heute negative Absichten und Täuschung gegenüber Afghanistan und seinen Menschen unterstellen. Jedenfalls ist das Verhältnis emotional alles andere als unbelastet, wie viele militärische und diplomatische Zwischenfälle der vergangenen Jahre gezeigt haben.

Auch Tagesspiegel 12.9.

Mittwoch, 9. September 2009

Reporter-Tod: ein Journalisten-Leben zweiter Klasse ?












In Afghanistan ist ein einheimischer Reporter ums Leben gekommen. Bislang hat das in Deutschland und im Westen wenige interessiert. Das könnte diesmal anders sein. Sultan Mohammad Munadi (auf dem Foto links) hat nicht nur für die New York Times zu den zahlreichen Opfern des von einem deutschen Kommandeur befehligten Luftangriffs in Kundus recherchiert. Er hat auch bis zuletzt in Deutschland studiert.
Die Umstände seines Todes sind noch unklar. Möglicherweise könnten sie eine eigene Untersuchung nach sich ziehen. Das fordern jedenfalls einige seiner afghanischen Journalisten-Kollegen. Ihr Unmut scheint verständlich. Einmal mehr ist ein westlicher Journalist frei gekommen aus Taliban-Haft. Sein afghanischer Kollege dagegen bezahlt den Reporter-Einsatz mit dem Leben.
Gordon Brown spricht von einer ‚heldenhaften’ Befreiungsmission englischer Militärs, die aber offensichtlich in einem halben Fiasko endete. Afghanische Medienvertreter stellen die Frage, ob auch in diesem Fall mangelnde Verhältnismäßigkeit vorlag. „It makes it seem as if the Afghans are not worth as much as the foreigners are worth”. Auch wenn diese Äußerung eines engen Freundes des Verstorbenen von spontanen Emotionen geprägt ist, ganz von der Hand zu weisen lässt es sich nicht: afghanische Journalisten geniessen in der Regel einen schlechteren Schutz. Das gilt für ihre Ausrüstung genauso wie für ihre Lebensversicherung. Selbst die grossen Agentur-Büros in Kabul behandeln ihre jahrelangen afghanischen Mitarbeiter, denen sie viele Recherchen und preisgekrönte Bild-Aufnahmen zu verdanken haben in diesem Punkt als Reporter (Menschen?) zweiter Klasse.
Dies war und ist deutschen und internationalen Medien bislang kein nachhaltiges Ausrufungszeichen wert gewesen. Und diesmal? Im Mittelpunkt zahlreicher Artikel in deutschen Medien über die Befreiungsaktion stehen Glanz und Glück des britischen New York Times-Reporters, nicht sein tragisch ums Leben gekommener afghanischer Kollege. Munadis Tod mutiert, zumindest in einigen Berichten, zu einer Randgeschichte. Dies hat, ob beabsichtigt oder nicht, durchaus Symbol-Charakter. Es entspricht den immer bohrenden Fragen eines nicht geringen Teils der afghanischen Bevölkerung, spiegelbildlich zu dem offensichtlich unverhältnismäßigen Luftangriff vom vergangenen Freitag.

Der getötete afghanische New York Times Reporter studierte in Deutschland
Tagesspiegel-Artikel