Donnerstag, 28. Mai 2009

Weisse Flecken: Deutsche Medien und Afghanistan




(erschienen in Der Freitag,)

Auslandsjournalismus hat es schwer in diesen Tagen. Das rasende Tempo technischer Neuerungen, die kommerzielle Ausrichtung an Auflage und Quote und eine verbreitete Agenturgläubigkeit führen zu einer Verengung in der Berichterstattung über Kriegs- und Krisengebiete. Trotz einer Globalisierung der Zusammenhänge ist eine Nationalisierung der Themenauswahl zu beobachten. So lassen sich Portraits über Deutsche im Ausland immer gut verkaufen. Tiefer gehende Erkenntnisse über Lage und Stimmung der dort einheimischen Bevölkerung erhält man dadurch aber nicht unbedingt.

Am Beispiel Afghanistan zeigt sich, dass der Journalismus unsere Medien sich auf die veränderte Rolle Deutschlands in der internationalen Gemeinschaft und insbesondere am Hindukusch noch nicht eingestellt haben. Das aber wäre notwendig, wenn die so genannte „vierte Gewalt“ auch in dieser Sache hierzulande weiterhin Korrektiv von Politik und Militär sein möchte.

Mehr als eine halbe Milliarde Euro deutscher Steuergelder fließt jährlich in Sicherheits- und Aufbaupläne für Afghanistan. Eine verunsicherte Öffentlichkeit fragt immer öfter nach Aufklärung und Deutungsmustern: warum mehr Militär in Afghanistan nicht zugleich mehr Sicherheit bedeutet, wo ein großer Teil der Hilfsgelder verbleibt oder wie es mit der Zusammenarbeit von zivilen Helfern und militärischen Kräften in Wirklichkeit aussieht. Das Gefühl Leser, Zuschauer und Hörer trügt nicht, die offizielle Erfolgsbilanz in Afghanistan ist in vielen Punkten geschönt. Aufklärung tut Not.

In Afghanistan agieren einheimische wie internationale Akteure, die durch ineffektives Handeln und zum Teil auch durch Korruption auffallen. Projekte der Vereinten Nationen und des Militärs sind regelmäßig überteuert. Staatliche wie nicht-staatliche Hiflsorganisationen, darunter auch deutsche, investieren zum Teil in unrentable Projekte. Alle sind Teil einer Strategie, deren mangelnde Koordination und teilweises Scheitern längst allgemein eingestanden wird.
Den Medien ist qua Berufung zu eigen, den Fokus auf solche Fälle zu rücken. Die wenigsten machen sich allerdings die Mühe, investigative Recherche findet fast nicht statt. Stattdessen orientiert man sich in Deutschland an Enthüllungen der New York Times und der angelsächsischen Presse.

Ein Blick auf die Berichterstattung deutscher Medien über Afghanistan ergibt: allzu häufig ist sie ist wenig kompetent, schlecht informiert und voller Vorurteile. Statt Klischees zu hinterfragen werden neue produziert, was vor allem für den Islam gilt, als dessen dunkler Vorposten Afghanistan erscheint. Ein Beispiel ist das jüngste Ehe-Gesetz, das in der Wahrnehmung deutscher Medien die männliche afghanische Bevölkerung einmal mehr pauschal als frauenfeindlich darstellte. Dabei tat man vor allem der schiitischen Minderheit Unrecht. Tatsächlich bildet sie den fortschrittlichsten Teil der Bevölkerung, was Fragen der Moral angeht. Für die Idee einer gesellschaftlichen Modernisierung verdienten also gerade die Schiiten Unterstützung. Eine Differenzierung zwischen dem Ayatollah Mosheni, den ein Grossteil in seinem Führungsanspruch faktisch ablehnt, und der Masse der Bevölkerung fand nicht statt.

Zugegeben: Afghanistan ist komplex. Um so mehr empfiehlt es sich, als Journalist gründlich vorbereitet zu sein. Das heißt nicht, sich in die Hände von PR-Experten der Bundeswehr zu begeben, die Journalisten verständlicherweise nur ihre eigene Sicht der Dinge präsentieren.
Es ist der Kontakt mit Ehemaligen und sämtlichen Graden, der Vergleich mit Aussenstehenden und anderen NATO-Kontingenten, der ein realistisches Bild ermöglicht.
So war früh erkennbar, dass die Bundeswehr in Afghanistan ein Problem mit traumatisierten Soldaten hat. Auch die Fehler Deutschlands als 'lead nation' beim Polizei-Aufbau – zu wenig, zu zaghaft und nicht angepasst an die Gefahrenlage - zeigte sich nicht von einem Tag auf den anderen. In den hiesigen Medien fand beides erst spät seinen Platz.
Aktuell beklagen deutsche Hilfsorganisationen, dass Soldaten die Entwicklungshelfer öfter in Lebensgefahr bringen, weil Truppenteile selber als Helfer auftreten und die Grenzen zur Entwicklungshilfe damit verwischten. Viele Medien dagegen stimmen wie die Politik in das alte Lied vom „zivil-militärischen Modell“ der Deutschen ein.

Tatsächlich können Berichte aus dem Umfeld des Militärs nicht ausreichen, um ein genaues Bild der Lage im Land zu bekommen. Journalisten und Redaktionen werden hier zum Opfer ihres eigenen Herdentriebs: Indem sie bestimmte Themen und Aussagen reproduzieren, verhindern sie, dass über den Tellerrand hinaus geschaut wird. Was nicht dem Kanon der Agenturen entspricht, hat es schwer veröffentlicht zu werden. Für abweichende Meinungen ist wenig Platz. Einer breiteren medialen Öffentlichkeit sind diese Umsände vor einem Jahr ins Bewusstsein gerufen worden, als der langjährige ZDF-Auslandskorrespondent Ulrich Tilgner mit einer Kritik des verdächtigen Gleichklangs der deutschen Afghanistan-Berichterstattung den Sender verließ. Schon vor Ulrich Tilgner gab es Rufer in der Wüste, die mangels Prominenz nicht gehört wurden.

Für die deutsche Medien ist es noch immer eine Ausnahme, einen permanenten Korrespondent in Afghanistan zu haben. Amerikaner, Briten, Franzosen, Inder und Chinesen machen vor, dass es die Regel sein kann. Der so genannte ‚Stringer’ vor Ort, auf den deutsche Redaktionen und Sender zurückgreifen, also ein Einheimischer, der sich informiert und übersetzt so gut er kann, ersetzt nicht den professionellen Journalisten. Nur wer regelmäßig vor Ort ist, vermag ein differenzierteres Bild zu zeichnen, Stimmungen einzuschätzen, den Menschen eine authentische Stimme zu verleihen. Viele der Statements von Afghanen, die über unsere Bildschirme gehen, erscheinen in meinen Augen nicht oder wenig repräsentativ. Der ARD-Hörfunk hat unlängst sein Regionalstudio in Neu Delhi personell verstärkt. Für das Krisengebiet Afghanistan/Pakistan wäre Kabul oder Peshawar vermutlich die geeignete Wahl gewesen.

Auffällig ist das Kurzzeitgedächtnis der Berichterstatter. Die Taliban werden in der gleichförmigen medialen Wahrnehmung für Dinge verantwortlich gemacht, für die sie nicht verantwortlich sind, etwa die weitgehende Zerstörung von Kabul vor 2001. Wenig ist bekannt von der Zeit- oder gar der Kulturgeschichte Afghanistans. Kaum einer unterzieht sich der Mühe zu differenzieren, dass der Sammelbegriff „Taliban“ für eine Reihe verschiedener, längst nicht immer ideologisch-fundamentalistisch motivierter Gruppierungen steht – bis hin zum einzelnen Koranschüler, der kein ‚Taliban’, sondern ein ‚Taleb’ ist.

Freie wie feste Autoren kritisieren immer wieder die kurze Zeit, die ihnen in Afghanistan zur Verfügung steht. Selbst große Medienhäuser setzen eine Reisedauer an, die oft schon aus geographischen wie kulturellen Gründen unpraktikabel ist. Sprache, die Weite des Landes, der geringe Verschriftungsgrad und die schwierige Nachprüfbarkeit von Gerüchten sind Hürden für die Arbeit im Land, ebenso der Imperativ der Schnelligkeit, der sich hier allein schon technisch nicht wie anderswo gewohnt umsetzen lässt.

Hinzu kommt die schwierigere Quellenlage. Bei aktuellen Zwischenfällen gilt es die Propaganda von Taliban, Nato- und US-Militär sowie afghanischen Behörden zu entlarven, die Zahl ziviler Opfer vorsichtig abzuwägen. Es braucht Parameter und Informanten, um einen Sachverhalt einordnen zu können. Von der afghanischen Regierung heisst es, dass sie Opfer von Anschlägen regelmäßig zu niedrig ansetze. Netzwerke wiederum, zumal wenn sie die afghanische Sicht der Dinge einbeziehen sollen, sind Ergebnis regelmäßiger Kontaktpflege. Außerhalb der Städte bestimmen längst die Kampfparteien die Inhalte. Dabei geraten Verlautbarungen ungeprüft als vermeintliche Information in unsere Medien. Auch so entsteht ein schiefes Bild.

Journalisten, die mit dem Land wenig vertraut sind, reisen aus nachvollziehbaren Gründen ‚embedded’ oder in Konvois, die offiziell organisiert sind mit hohen, wenn nicht überzogenen Sicherheitsstandards. Begegnungen mit dem afghanischen Alltag bleiben dabei aus. Mithin entsteht der Eindruck, deutsche Medienvertreter träten als Dienstleister der Politik auf. Absichtlich wie unbeabsichtigt. Als Außenminister Frank-Walter Steinmeier unlängst Station in Kabul machte, begleitete ihn ein Tross aus einem guten Dutzend Hauptstadtjournalisten. Kritische Fragen an deutschen wie afghanische Experten vor Ort konnten sie nicht formulieren während des rund 30-stündigen Aufenthalts. Entsprechend oberflächlich fällt die Berichterstattung dann aus. Hilfreicher wäre es wohl gewesen, Auslandsexperten aus den Redaktionen zu entsenden.

Sinnvoll im Kontext Afghanistan und Pakistan, aber auch allgemein, wären überdies journalistische Seminar-Angebote zur interkulturellen Kompetenz. Viele Journalisten, auch solche, die zum Thema schreiben, vermögen acht Jahre nach ‚9/11’ nicht genügend zu differenzieren zwischen Islam und Tradition, Urteil und Vorurteil. Der Koran und seine fünf Säulen sind wenig bekannt. Deutsche Medien fangen gerade erst an, Afghanistan zu entdecken. Es wäre an der Zeit, dass auch sie ihre Strategie überprüfen.

Sonntag, 10. Mai 2009

Fragen aus Farah









Die Ereignisse in Farah/Westafghanistan, mit einer vom Tathergang immer noch umstrittenen Zahl von vermutlich über 100 Opfern, darunter vielen Zivilisten, hat US-Präsident Obama zu der Aussage veranlasst, er werde alles tun, damit zivile Opfer in Zukunft vermieden werden. Die afghanische Bevölkerung verlangt seit geraumer Zeit Rechenschaft insbesondere was die Folgen von Luftangriffen angeht. Erwartungsgemäss unterscheiden sich die Darstellungen und Opferzahlen in den bisherigen Untersuchugnen zwischen afghanicher und offizieller us-amerikanischer Seite.
Human Rights Watch hat folgenden aktuellen Bericht herausgegeben, in dem das US-Militär nicht allein- aber im Wesentlichen verantwortlich für viele der Opfer gemacht wird. Ähnlich liest sich der Bericht der New York Times vom 15. Mai.

Auf Gesprächen, die ich kurz vor den Ereignissen mit afghanischen wie internationalen Helfern aus der Provinz Farah geführt habe, beruht dieser Artikel.
Ein afghanischer Helfer, der zwischen Einheimischen und Internationalen in zentraler Stellung vermittelt bei der Umsetzung von Hilfsprojekten in Farah schreibt als Reaktion auf die Ereignisse:

“All military, specially air forces which depend on any country, need to consider and adopt the following before they attack any place:
1. Any operation (specially air) which they plan to do, must be fully coordinated with Afghan authorities and army to make sure that it is right and no civilian is affected by this.
2. The pilots and commanders of operation must be completely aware of this issue that not to attack insurgents while they are hidden into village where women, children and old people are living too despite they are shooted from that area. otherwise if they respond to it, all residents will be killed in the village including some insurgents.
3. The air attacks have to be ON TIME not few hours later than the fighting when all people are sleeping in the night and militants already left the area. Also the pilot need to know that whom he bombard on, has he recognized them in the monitor that they are armed people or he just see some people are there and sitting/walking without confirming who they are, target them.
4. We heard that modern planes and helicopters of US can shoot to a mouse in the night, and it is easy to recognize the armour vehicles and armed people, it means they are very systematic and modern which even small things are very clearly visible into its monitor, but how it comes that they couldn't recognize the civilians who were without any gun and targeted them? it is a question that people are suspicious about and they think such operations and bombards are done intentionally to kill the Innocent people, it can stimulate and motivate the naive and simple people easily to start fighting against all national and international forces and call them "occupiers"
5. People think, that policies of international society has two sides in Afghanistan and its not clear why. Some people visited in south and southwestern provinces that US, NATO and other coalition forces drop food and ammunition for the insurgents (Taleban) in the districts once or twice a month in order to support them, but from other hand, they say we are killing the insurgents wherever we find them. So such policies need to be controlled to not see any such tragedies and war in Afg.
6. Finally fighting is not way of obtaining peace in Afghanistan except seeing such dissatisfactory and pain between people.

Der gleiche afghanische Entwicklungshelfer betont auch:
- Menschen kooperieren mit den Taliban oder schliessen sich ihnen an nicht aus überzeugung sondern weil sie angst hätten und unter druck gesetzt würden. es seien oft einfache ungebildete leute, die missbraucht würden, u.a. mit dem religiös-politisch motivierten argument einen 'jihad' zu führen gegen die 'kafir'
- Arbeitslosigkeit spielt eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Er bestätigt zu einem gewissen Teil den Artikel des Institute for War and Peace Reporting (IWPR) zur Lage in Farah. In 'The Occasional Taliban' ist von Teilzeit-Aufständischen die Rede als Reaktion auf die wirtschaftlichen Probleme in der Provinz. Der o.g. Entwicklungshelfer relativiert den Artikel an einer Stelle: für 4 Us-Dollar würde auch in Farah keiner einen anderen Menschen töten.
- Manchmal kämpften die Menschen auch, weil Anführer eines bestimmten Stamms sich mit Taliban eingelassen hätten bzw. der Druck stammes-intern weitergegeben werde.


Das militärische Vorgehen verschlingt unverändert unverhältnismäßig viele Gelder der Geberländer. Paddy Ashdown rechnet jetzt mit dem Westen ab. Ob die Analyse des ehemaligen EU-Sonderbeauftragten für Bosnien mag auch von der Enttäuschung geleitet sein einen ähnlichen Posten in Afghanistan letztes Jahr nicht erhalten zu haben. Mehr Koordination auf Seiten der Geberländer wie auf dem Balkan würden das strategische Chaos in Afghanistan eingrenzen, argumentiert er.

p.s. Nachtrag zu Kunduz/Tagesspiegel.

Freitag, 8. Mai 2009

Exit Iran





Auf einmal ist alles anders. Fast alles. Die Sprache ist gleich. Fast gleich, zwischen Iran und Afghanistan. Nur einige Worte sind anders. ‚Darya’ heisst Fluss auf Dari, See auf Persisch. Vor meinen Augen gleitet beides entlang. Rinnsaale, die zu Seen geworden sind. Flüsse, die über die Ufer treten. Seit über 24 Stunden regnet es Bindfäden. Deutsches Wetter. Der Grenzübergang Islamghale geht in Matsch unter. Noch bestimmt der pirhan tamban das Bild, die unerwechselbar weiten, im Wind flatternden Hosen mit langem Oberhemd. Vorbei an freundlichen, bisweilen verspielten afghanischen Grenzposten. Iranische Grenzbeamte tragen ernstere Minen.
Ein kleiner Junge schiebt im Schlamm meinen und anderer Leute aufgestapelte Koffer auf einem Karren vor sich her, die Füsse versinken im Dreck. Der Junge mag zehn sein. Die rostig klammen Räder seines Arbeitsvehikels, aus ein paar Planken Holz notdürftig zusammengezimmert, erinnern mich an Bilder von KZ-Häftlingen. Afghanische Kinder kennen keine Kindheit.

Dann bin ich auf der anderen Seite. Auf einmal ist alles anders. Fast alles.
Die pirhan tambans sind aus dem Stadtbild verschwunden. Auf dieser Seite tragen die Hirtenjungen Jeans und festeres Schuhwerk. Die Strassenbefestigungen sind befestigt. Die Autos mit Windschutzscheiben ohne Bruch.
Mit vier anderen Beifahrern besteige ich ein Taxi. Der Polizist am Ausgang des Grenzpostens wühlt in meiner Tasche. Ein Dutzend DVD sind da, gekauft in Afghanistan. Er nimmt sie an sich. Lässt mich mit wichtiger Mine zurück. Winkt mich zu sich. Schickt mich wieder zurück. Das alles erinnert mich irgendwie an den Grenzübertritt als es noch ein geteiltes Deutschland gab. Hilflos den Autoritäten aus einem totalitären Staat ausgeliefert.
Nach ein paar Minuten bekomme ich meine DVDs zurück, mit einem Lächeln. Eine kleine Demonstration der Macht. Es folgen weitere Polizei-Posten. Kein Persisch sprechen, bekomme ich von meinen Mitfahrern eingetrichtert. Was in Afghanistan von Vorteil sein kann, könnte die iranischen Behörden misstrauisch machen. Noch dazu sitzt eine Iranerin neben mir im Taxi.

Der Taxi-Fahrer ist ein Gegner des Regimes. Er schimpft mit sanfter Stimme aber entschieden. “Die Wahlen im nächsten Monat sind eine Farce. In Städten mit 3 Millionen Einwohnern werden 4 Millionen Stimmen für Ahmadinejad gezählt werden. So machen sie es seit Langem.“ Chatami, der potentielle Hoffnungsträger, habe resigniert zurückgezogen weil Chamenei und die Anderen an den Hebeln der Macht sich für ein „weiter so“ entschieden hätten.
Mit Obamas ausgetreckter Hand verbinden sie relativ wenig Hoffnung auf Besserung. Oder fehlt es am Glauben zur Veränderung? Sein Name fällt erst auf Nachfrage. Einer meint, die Geistlichen würden auch diesen Herausforderer aussitzen.
Der Taxifahrer guckt mich durch den Rückspiegel an. Zwinkert mir zu, ein Lächeln mit Weltschmerz, Leiden an seiner Heimat. Er freut sich, dass er seinen Frust loswerden kann, unbehelligt.

Die Autobahn ist jetzt vierspurig. In Mashhad steige ich in den Flieger nach Tehran. Iranerinnen tragen den schwarzen tshador namaz, dicke Schminke darunter. Sie bewegen sich selbstbewusster als dort, wo ich gerade herkomme. Eine stemmt ihren Ellenbogen in der Warteschlange gleich neben mir in die Hüfte, schaut mich kess und zugleich gelangweilt an, scheut die Nähe nicht und dreht sich langsam wieder weg. Undenkbar, dort.
Teheran ist ein Lichtermeer von oben. Ganz Afghanistan könnte vermutlich damit erleuchtet werden. Hier gibt es Hochhäuser, volle Kühlschränke, Bankautomaten, dicke Tageszeitungen.
Ich bin wieder im Westen.

Iran bleibt ein verletzter Riese Asiens. Provozierend nach Westen, ausgleichend nach Osten, meint Tom Koenigs in einem Interview als Erfahrung seiner Afghanistan-Zeit. Iran ist viertgrösster Erdöl-Produzent und doch zunehmend Importeur von Öl. Aus dem Radio in meinem Hotel-Zimmer kommen politische Aufbau- und Durchhalte-Parolen, die mich an die DDR erinnern.
Die Absurdität des Feindbilds Iran wird mir einmal mehr deutlich, als ich im Studienzimmer eines schiitischen Schülers der Sader-Madrassa in Isfahan sitze. Ich bin umgeben von aufgeklärten Gläubigen, wie an einem ausgewiesenen deutschen Priester-Seminar, nicht von Fundamentalisten.
Iran hat seine Türken. Es sind die Afghanen, vermutlich rund drei Millionen. Die meisten illegal arbeitende Bevölkerung. „Sie machen die Jobs, die die Iraner nicht machen wollen“, meint ein Taxifahrer in einer Mischung aus Anerkennung vor ihnen und Scham über seine eigenen Landsleute. Kein Meer an Neubauten und Hochhäusern in Tehran ohne die Afghanen. Das Bild zeigt einen jungen Afghanen in Isfahan, der Wolle bei 45 Grad in einem Trockenraum bewegt.

An Afghan Dream




Sonntag, 26. April 2009

Ehegesetz: Schiiten siegen über Schiiten




Im Westen nichts Neues: In der Berichterstattung um das umstrittene afghanische Ehegesetz zementieren deutsche Medien ihre Vorurteile gegenüber Afghanistan und seinen Gläubigen. Der Tagesspiegel hat mir dieses Stück abgenommen.

Immer mehr Anzeichen sprechen dafür, dass Präsident Karsai das umstrittene Gesetz entschärfen wird, wie von der internationalen Gemeinschaft in den wichtigsten Punkten gefordert. Karsai hat heute selbt zugegeben, er habe nicht gewusst, was genau er da unterzeichne. Er habe seine Berater für solche Dinge.

Hier ist ein Versuch von Scott Bohlinger, einem Bekannten, der ebenfalls journalistisch in Afghanistan aktiv ist, Licht in das Verhältnis von islamischem Recht und schiitischem Rechtsverständnis zu bringen, denn nur darauf bezieht sich das umstrittene Gesetz.

Interessant ist auch eine Entdeckung, die ich in der Bibliothek einer Kabuler Hochschule mache:
“Dieser Text beschreibt die Bedingungen einer Ehe, in der der Mann seine Verpflichtungen gegenüber der Frau erfüllt und diese ehrt. Als Teil des Ehevertrags willigt der Mann ein, dass seine Frau sich weiterbildet. Er hilft ihr im Haushalt. (…) Im Fall einer Scheidung werden die Güter zwischen Mann und Frau anteilig aufgeteilt. (…) In diesem Buch werden die Bedingungen einer gedeihlichen Ehe aufgezählt. Sie sind vereinbar im Rahmen der Shari’a und der afghansichen Gesetze. In einigen Fällen werden vergleichbare Fälle aus anderen Ländern herangezogen“.
So heisst es in einem kleinen Band, der in der Bücherei der Ketab-Instituts in Kabul steht. (Bild)
Das Ketab-Institut ist eine schiitisch geprägte Privat-Universität in der Hauptstadt. Fast alles in dem kleinen Heftchen steht in deutlichem Widerspruch zu den Negativ-Schlagzeilen über Afghanistans Schiiten und über das umstrittene Ehegesetz in den vergangenen Wochen.
Der Westen macht es sich leicht: eine kleine Gruppe radikaler Geistlicher wird mit einem Land und seiner vermutlich fortschrittlichsten Bevölkerungs-gruppe gleichgesetzt.
Tatsächlich vertreten Afghanistans Schiiten, von denen der grösste Teil der Ethnie der Hazara angehört, vergleichsweise offen Positionen in Fragen der gesellschaftlichen Moral.
Das Ketab-Institut, gerade einmal ein Jahr alt, ist so etwas wie die Speerspitze der säkulären Schiiten in Afghanistan.
In der Bücherei stehen neben Schriften zum Zivilrecht auch Werke von Nietzsche. 700 Studenten erhalten hier Unterricht in den Geisteswissenschaften Soziologie, Politologie, Philosophie sowie Islamstudien und Jura. Die Sharia und ihre Auslegung werden hier wohlgemerkt nicht gelehrt.
“Die Schiiten in Afghanistan sind eine dynamische Gruppe und wir lassen nicht zu, dass dieses Bild durch das neue Ehegesetz verfälscht wird“, entgegnet Mohammad Ahmadi zuvorkommend. Der Präsident nennt das Ketab-Institut einen wichtigen Akteur im aktuellen Streit um das Ehegesetz.
Schon vor Monaten hätten er und seine Kollegen versucht, die umstrittenen Passagen zu entschärfen. Parlament, Justizministerium und der Präsidentenpalast seien in die Gespräche mit einbezogen gewesen. Eine leicht entschärfte Version des Gesetzes-Textes, die der Frau ausdrücklich das Recht bescheinigt, das Haus eigenständig zu verlassen, sei aber bis heute nicht im offiziellen Amtsblatt erschienen.
“Karsai scheut den Konflikt mit den Konservativen“, erklärt Ahmadi, „er hat ausserdem schwache Berater. Und er hat die Dimension der Sache ganz offenbar unterschätzt“, so Ahmadi. Karsais Kompromiss-Kurs gegenüber konservativen Mullahs auf sunnitischer wie schiitischer Seite sei es auch, der die Taliban wieder stark gemacht habe.

Das Gegenstück zur säkularen Kateb-Universität ist das wenige hundert Meter entfernt liegende Khatam Al Nabi’in-Seminar. Der imposante Bau mit der blauen Kachel-Kuppel, die das gesamte Parlamentsviertel überragt, ist ausschliesslich mit iranischen Geldern finanziert, heisst es. Der Ayatollah Mosheni, der sich den Führer der Schiiten in Afghanistan nennt, gibt hier den Ton an. Wirklich Rückhalt in der Bevölkerung geniesst er nicht, wenn ich meinen Gesprächspartnern Glauben schenke.
“Die Mehrheit der afghanischen Schiiten lehnen seinen Führungsanspruch ab. Er hat eine Vergangenheit als Mujahed-Kämpfer und er ist ein Paschtune. Wie Präsident Karsai stammt er aus Kandahar. Die meisten Schiiten sind Hazara und trauen ihm nicht“, meint Ali Karimi, Dozent an der Universität Kabul.
“Mosheni steht für eine politisch-ideologische Auslegung des Islam wie sie im Iran praktiziert wird. Er hat zwanzig Jahre dort im Exil gelebt“, sagt Ali Amiri, von der Kateb-Hochschule.
Er und seine Kollegen sind zuversichtlich, dass das Gesetz bis kommenden Monat entschärft wird. „Wie es aussieht wird es zu einer Reform kommen. Wir sind uns da sicher.“ Erste Gespräche mit einflussreichen Politikern, der Schlichtungskommission sowie dem Justizminister deuteten darauf hin. Demnach sollen 10 Artikel aus dem Gesetzestext herausfallen, darunter die umstrittenen Passagen, sowie 20 Artikel überarbeitet werden.
Neben den Punkten, die international für Aufsehen sorgen, macht sich die Ketab-Universität u.a. für das Recht der Frau stark, sich ihren Ehepartner unabhängig vom Willen des Vaters auszusuchen. Auch das unveränderte Recht auf Grund- und Boden für Eigentümer, die als drogenabhängig gelten steht auf der Streichliste.
“Wir brauchen eine moderne, rationale Auslegung des Islam“, argumentieren die Dozenten an der Kateb-Hochshule. „Die jungen Menschen haben viele Fragen an den Islam und ihre eigene Religion. Wir müssen sie argumentativ überzeugen, nicht mit Traditionen und Ritualen“, so Amiri.
“Der heilige Koran sagt: sei gut zu deiner Frau“, zitiert Insituts-Leiter Mohammad Ahmadi das heilige Buch, auf das sich auch seine internen Rivalen berufen. Es scheint, als stehe die Auseinandersetzung um ein neues Schiitentum in Afghanistan erst am Anfang.

Freitag, 24. April 2009

Kunduz, abseits der Raketen





“Willkommen im PRT Kunduz“ steht über dem Eingangtor des deutschen Militär-Lagers im Nordosten, 7 Autostunden von Kabul entfernt. Tatsächlich schaudert es mich. Hier stehe ich, umgeben von Stacheldrahtzaun, meterhohen Abwehrmauern gefüllt mit Kies und engmaschig verdrahtet. Vor mir ein Weg aus Kiessteinen, der auf eine schwere Metalltür zuführt. 30 Meter Weg, die mir vorkommen wie in Orwells ‚1984’. Kein Mensch zu sehen, aber die Gewissheit, dass jeder meiner Schritte genau überwacht wird von Kameras, die ich spontan nicht ausmachen kann. Es heisst, die deutschen Soldaten fürchteten sich vor dem Afghanistan ‚da draussen’. Der Aufwand für äußere wie innere Sicherheit im Lager von Kunduz kostet den deutschen Steuerzahler einen Teil der über 600 Millionen Euro, mit denen das Afghanistan-Engagement mittlerweile zu Buche schlägt.
Ich werde freundlich und mit sächsischem Akzent begrüstst und abgetastet. Von einem Soldaten in wüstenfarbener Uniform und mit hellblauen Plastikhandschuhen. Er freut sich über mittlerweile 12 Tage ohne Raketeneinschlag im und um das Lager. Geschossen werde meist aus 6-10 Kilometer Entfernung, heisst es. Die Geschosse der ‚Insurgenten’, wie ein Gesprächspartner Taliban und andere Gegner nennt, hätten eine geringe Zielgenauigkeit. Es bleibt eine gefährliche Lotterie, vor allem für die ungeschützt wohnende afghanische Bevölkerung auf dem Plateau der Neustadt von Kunduz.
Im PRT ist man der Ansicht, die Präsenz von deutschem und internationalem Militär sei unabdingbar, sonst würde die Taliban in neuem Gewand wieder zurückkommen. 9/11 wird als Drohkulisse bemüht. Die zivil-militärische Zusammenarbeit will hier, anders als viele Hilfsorganisationen, keiner grundsätzlich in Frage stellen. Die meisten haben vermutlich nur eine schwache Ahnung davon, dass sie nicht als die Geleitführer der zivilen Helfer geschätzt werden.
Ich habe vor dem Besuch im PRT meinen pirhan tambon abgelegt. Die afghanische Kleidung, die mich in der Stadt unauffälliger machen soll, würde mir hier, milde gesagt, zum Nachteil gereichen.

In deutschen Medien erfahren wir über Kunduz kaum mehr als ein paar Schlagzeilen. Granateinschläge in Nähe des Militärcamps. Gefährlicher Norden. Stimmt das Bild? Was ist mit dem Alltag?
In Kunduz tickt die Zeit anders als in Kabul, wo Geschäftigkeit und Zeitdruck herrscht. Zeit und Pünktlichkeit spielen hier eine untergeordnete Rolle. Das ganze Zentrum ist ein einziger pulsierender Bazaar. Motorisierte Rikschas nehmen Passanten mit statt Taxen. Der Ausländer, der sich zu Fuss bewegt, ist eine seltene Sepzies.
Mich interessiert, wie meine afghanischen Gesprächspartner die deutsche und ausländische Präsenz hier im Norden wahrnehmen. Die Meinungen gehen auseinander. Die einen bescheiningen der Bundeswehr ordentliche Kontakte mit Behörden, Schuras und afghanischen Journalisten. Andere verweisen auf die Parallelwelt, in die das Militär sich zurückgezogen habe, mit Patrouillen aber ohne wahre Begegnung mit der Bevölkerung. Tatsächlich traf Frau Merkel bei ihrem Besuch neulich in Kunduz mit keinerlei Einheimischen zusammen.
Auch die in NATO-Kommuniqués regelmäßig behauptet gute Zusammenarbeit zwischen afghanischer Armee und ausländischem Militär könnte nicht mehr als eine blosse Behauptung zu sein. Meine Gesprächspartner, die beide für internationale Medien arbeiten, verweisen auf viele anderslautende Beispiele und auf die Tatsache, dass im Süden unverändert zum Teil rabiate Hausdurchsuchungen stattfinden. Das allein sei ihnen Beweis für das Gegenteil: „Afghanische Soldaten würden bei so etwas nicht mitmachen, weil es gegen die Traditionen unseres Landes verstösst“.
Über die Provinz Wardak, südlich von Kabul, höre ich heute Abend von berufener Seite zum ersten Mal, dass US-Einheiten bei ihren Versuchen, die 'Herzen und Köpfe' der Menschen zurückzugewinnen mittlerweile z.T. auch umsichtiger auftreten und sich Ratschläge anhören. Unter anderem sind zivil-militärische Experten in Krankenhäusern unterwegs, um sich die Nöte und Wunschlisten der Bevölkerung sagen zu lassen.

Zurück zum Norden: In Faizabad treffe ich auf eine Patrouille mit 7 deutschen Militärwagen, die im Schritt-Tempo den Berg herunterkommen und in diesem Fall mäßig bewaffnet sind. Weiter südlich von Kunduz, bei Pul-e-Khumri, sind es schwere Panzerfahrzeuge mit Maschinengewehr im Anschlag, die auf uns zu- und vorüberfahren. Wenn die ISAF oder Amerikaner auf der Strasse sind, gilt ein eigenes Strassengesetz: auf keinen Fall überholen. Sonst droht Lebensgefahr. Das führt regelmäßig dazu, dass sich hinter den Militärkonvois zum Teil kilometerlange Staus bilden, die für erheblichen Unmut sorgen. Diese Woche war unter anderem am Salang-Tunnel, einem wichtigen Nadelöhr für den Verkehr von Nord nach Süd, kein Durchkommen wegen eines Militär-Konvois, der im Schnee verrutscht war. Die Spannung ist zum greifen, wenn – wie neulich auf dem Hinweg nach Kunduz – eine NATO-Konvoi halt macht in einem Dorf und alle Afghanen in Sicherheitsabstand parken und abwarten müssen (Foto).
“So kann man die Bevölkerung nicht gewinnen“, sagt einer meiner Begleiter, „es wird höchste Zeit, dass unsere eigenen Streitkräfte das hier in die Hand nehmen können.“

Möglicherweise könnte sich die Lage in der Provinz Kunduz für das deutsche Militär verschlechtern. Grund sind die Ereignisse vom vergangenen Monat: eine Sondereinheit des US-Militärs – eine Spezialtruppe unter den ‚special forces’ – war ohne Vorankündigung und zur Empörung der Deutschen auf dem Militärflughafen in Kundus gelandet und dann weiter nach Imam Saheb geflogen, wenige Kilometer entfernt. Dort soll angeblich eine kleine Anzahl verdächtiger Terroristen Unterschlupf gefunden haben. Was dann passiert ist hört sich grundsätzlich verschieden an, je nachdem mit welcher Seite man spricht: offizielle deutsche und us-amerikanische Vertreter reden von einem berechtigten Eingriff aufgrund einer konkret vorhandenen Gefahr. Afghanische Behörden und Medienvertreter, die sich vor Ort ein Bild gemacht und auf beiden Seiten recherchiert haben, sprechen von fünf Unschuldigen, die dabei ums Leben gekommen seien und einem falschen Alarm. Die Wahrheit übt sich in Geduld.
Deutsche Gesprächsparnter, die ich in Kundus treffe, meinen zuversichtlich, das Vorgehen der US-Einheiten im unmittelbaren Einsatzgebiet der Deutschen würde sich nicht negativ auswirken. Meine afghanischen Gesprächspartners sind wiederum gänzlich anderer Ansicht. „Die meisten meiner Landsleute unterscheiden nicht zwischen den einzelnen NATO-Staaten. Ausländer bleiben Ausländer.“
So füllt sich der Tag mit Ansichten, die sich wiedersprechen. Klar ist nur: Diejenigen, die diese widerstreitenden Ansichten am Besten miteinander austauschen sollten (siehe die NATO-Strategie, die ‚Hearts and Minds’ der Bevölkerung zu gewinnen) kommen gar nicht in Kontakt miteinander.

“Wenn ich eine Geschichte anzubieten hätte, dann über die Tschetschenen, die hier im Umfeld von Kunduz auftauchen“,sagt ein afghanischer Journalist, der auch für internationale Medien in Kundus arbeitet. 20 Tschetschenen oder mehr seien mittlerweile im unsicheren Bezirk Chahar Dara gezählt worden, auch Usbeken in ähnlicher Anzahl. Gouverneurs-Amt und lokale Sicherheitsbehörden hätten diese bestätigt.
Ob sich dahinter Selbstmordattentäter verbergen oder Extremisten mit politisch-taktischer Mission ist unklar. Anwohner im Bezirk Chahar Dara berichten von sogenannten ‚Nightletters’ die im Dunkeln verteilt werden. Darin werden u.a. Frauen in einer der Kliniken von Chahar Dara gewarnt, ihren Beruf weiter auszuüben. Vor zwei Monaten ist afghanisches Militär angerückt. Der Konflikt dauert an. Nicht sämtliche aber viele Entwicklungsprojekte in diesem Bezirk von Kundus liegen auf Eis. Zwei weitere Bezirke gelten als unsicher mit ‚Taliban’-Aktivitäten.
Junge Menschen werden geworben für ein paar Hundert Dollar im Monat sich dem Aufstand anzuschliessen.
Auf den ersten Blick sehe alles von Aussen normal aus, auch das Leben in Kunduz, sagt ein afghanischer Journalist, aber hinter der trügerischen Ruhe sorgten sich viele Menschen um ihre Sicherheit. Eine Situation, die eine freie Wahl im August im Grunde unmöglich mache.
„Ich bin skeptisch geworden“, sagt eine Afghanin, die bei einer Frauen-NGO Kleinkredite vergibt, darunter auch an junge Frauen im Beruf. Der Fortschritt insbesondere für Frauen in Kunduz in den letzten Jahren sei deutlich, aber jetzt möglicherweise gefährdet. Sie berichtet als Freelancerin für ein Monatsmagazin. In Läden und auf offener Strasse Interviews zu führen empfindet sie mittlerweile als Belastung.
Optimistischer ist Fatima, die jede freie Minute nutzt um entweder beim Radio mit einem männlichen Kollegen eine Live-Talkshow zu moderieren oder in einer Theatergruppe probt. Radio Rozha ist ein Frauen-Radio, das vor fünf Jahren gegründet wurde und in dem mir offene Redakteurinnen begegnen. Das Programm ist überwiegend von Programmen für weibliche Hörer konzipiert. Mittlerweile kann sich der Sender selbst tragen, aus Werbe-Einnahmen, erklärt die stellvertretende Chefredakteurin zuversichtlich.
Kunduz wie auch Faizabad und Badakhshan sind Provinzen, in denen die Menschen nach zivilen Projekten dursten. Das kann die Eröffnung einer Bibliothek sein oder eine Kulturorganisation, bei der endlich der Traum von einer Theatergruppe Wirklichkeit wird.

Falsches Blut





Dieses Bild stammt von einem Film-Dreh in Kunduz. Ein Team aus jungen Männern und einer Frau versucht, trotz aller materiellen und technischen Schwierigkeiten, ihren Traum von einem Spielfilm umzusetzen. Die weibliche Hauptdarstellerin im Film konnte nicht in Kunduz gefunden werden - das soziale Stigma gegen KünstlerInnen in der Öffentlichkeit ist zu gross - und musste in Kabul ‚angemietet’ werden. Beim Dreh ist eine Polizei-Streife dabei. Kostenlos. Die Polizisten drängen sich immer ins Bild, sehr zum Unmut des jungen Regisseurs. Jeder will im Bild sein. Das Drehbuch geht so: ein Vater verwettet seine Tochter (keine Fiktion). Der Gewinner der Wette hat einen weiteren Konkurrenten am Hals, der ihm die junge Frau streitig machen will. Es kommt zum Bandenkrieg, einer Tragödie. Am Drehort sind mehrere Kalaschnikows im Einsatz. Es herrscht ein Auflauf. Man tut gut daran sich zu vergegenwärtigen, welche der Geräte scharf schiessen und welche nicht.
Aziz, der Regisseur, dirigiert mit Verve die Schaar seiner Laiendarsteller. Alles ist learning by doing.
Das einzige Kino in Kunduz steht noch aber es laufen keine Filme mehr. Halbstarke spielen dort Billiard in den frühen Abendstunden. Die Mediothek, eine afghanische Initiative für unabhängige Medien die aus deutschen Mitteln mitfinanziert wird, bestärkt junge Leute wie diese in ihren künstlerischen Vorhaben. Die Szene in Kunduz bleibt, im Vergleich zu Kabul, aber extrem begrenzt.
Ein Filmausbildung gibt es in keiner der Provinzstädte. Die einzigen Kurse werden in Kabul angeboten. Gerade startet eine französische Doku-Film-Initiative ihren neuen drei-monatigen Kurs. Leider sind nur Nachwuchs-Filmemacher aus Kabul am Start. Auch hier wird einmal mehr die Provinz Afghanistans vernachlässigt, mit Folgen. Für Aziz und seinesgleichen bietet die Filminitative in Kabul ganze 20 US-Dollar pro Monat, kein Geld für Reise und Unterkunft. Das ist zu wenig zum Leben, zuviel zum Sterben.