Freitag, 27. August 2010

Schleier über Kunduz







Hier ist ein Hinweis auf mein Hörfunk-Feature über Kunduz ein Jahr nach dem deutschen Luftangriff, das im Deutschlandfunk, RBB und beim Bayerischen Rundfunk zu hören ist am 27.8, 28.8. und 9.3.
Der Jahrestag kommt weitgehend unbemerkt von Reaktionen in den deutschen Medien. Die heftigen Reaktionen seinerzeit, die Einberufung des Untersuchungsauschusses und der vermeintliche Einschnitt, den der Vorfall nach Ansicht vieler bedeutet hat ('Verlust der Unschuld') stehen in einem merkwürdigen Kontrast hierzu. Einige aktuelle Reaktionen habe ich versucht in folgendem Artikel zusammengetragen. Auffällig ist, dass mittlerweile mit der Verstärkung des US-Militärs im Norden und in der Provinz Kunduz auch das Aufkommen der Berichterstattung angelsächsischer Medien deutlich zunimmt und diese oft deutlich mehr zu bieten haben als deutsche Berichterstattung aus der Region.

Freitag, 11. Juni 2010

Operation Gold: Endlich unter Gleichen ?








Das sogenannte 'baktrische Gold', die grosse Schau der archäologischen Schätze aus dem Nationalmuseum in Kabul macht seit heute Station in Bonn. 'Nicht weil die Bundesregierung die Ausstellung zum jetzigen Zeitpunkt in Deutschland haben will', beugen die Ausstellungsmacher möglichen Mutmaßungen vor.

Es stimmt: die Exponate haben das Zeug die aktuelle Debatte zu beeinflussen. Allen voran an jenem Bild zu rütteln, das Afghanistan und seine Menschen auf ein hilfsabhängiges Volk von Empfänger moderner Zivilisation reduziert. Die historische Perspektive in jenes eines klassischen Afghanistan als Teil der modernen, der (damaligen) globalen Welt. Die sinnliche Flußgöttin aus der indischen Mythologie (Bild) mit ihren üppigen Kurven hat allemal das Zeug ausgemachte Topoi zu konterkarieren, lächerlich zu machen. Die Elfenbein-Figur stammt aus Begram und ist vom Ort her identisch mit dem heutigen Bagram, dem Haupt-Militärstützpunkt der USA in Afghanistan, die dort unverändert Hunderte mutmaßlicher Terror-Verdächtiger ohne ordentliches juristisches Verfahren festhalten. Ein Kontrast nicht nur in Zeit und Raum sondern auch in Interpretationsmustern von Zivilisation.

Baktrien (Balkh), sein Gold und Afghanistan als Teil der klassischen Welt, das Alexander und andere Eroberer beeinflusst haben, ebenso wie die dortigen Kulturen unsere europäischen Vorfahren. Diese kleine aber wichtige Andeutung fehlte unlängst noch in den Texttafeln der Ausstellung über das Khushan-Reich, das ebenfalls die Bonner Ausstellungshalle vor jahresfrist präsentierte.

„Wir sind nach 30 Jahren Krieg jetzt in der Normalität angekommen“, sagt ein stolzer afghanischer Vize-Kulturminister. Afghanistan bestehe nicht nur aus Krieg, Raketen und Frauen, die Burka tragen. Relative Normalität, trotz allem: der Kunstraub bleibt eine Disziplin der Korruption und ist besonders im mittel-asiatischen Raum virulent. Insofern ist auch die illegalen Grabungen und der andauernde Raub von Kunstschätzen in Afghanistan Teil der aktuellen Problematik von Sicherheit, fehlendem Rechtsstaat und der viel zitierten good governance.
Natürlich ist damit ebenso fraglich wie wünschenswert, ob und wann die geretteten Schätze und das baktrische Gold eimal in Kabul selbst zu sehen sein werden. Kein Volk kommt im Medienzeitalter auf Dauer ohne die visuelle Vergewisserung über die eigene Kultur und Wurzeln aus. Angesichts dessen hat der Direktor Direktor des Kabuler Nationalmuseums erstaunlich deutlich ausgesprochen, dass mit Priorität erst einmal alle Ausstellugnswünsche im Ausland bedient werden. Das kann Jahre dauern.
"Zur Zeit bräuchte man 1.000 Sicherheitkräfte um den Ort zu beschützen der diese Ausstellung in Kabul beherbergen würde", meint ein Afghane aus dem Kultur-Millieu.
Möglich auch, dass der Altruismus begrenzt ist. Es geht um Versicherungssummen in Millionen-Höhe, um einige Privilegien auch. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass die afghanischen Repräsentanten bei ihren Auftritten im Westen einerseits der Rückbesinnung auf die eigene Kultur das Wort reden. Andererseits geben sie sich merklich bedeckt was den Drang angeht den Gold-Schatz wieder nach Hause zu holen.
Staatliche und private Interessen dürften auch mit Blick auf die 'neuen Goldreserven' Afghanistans in einen Wettstreit treten: angesichts der vermuteten Rohstoffreserven wird in einer neuen Schätzung von einer Schätzung von einem Wert unter der Erde lagernder Mineralia im Gegenwert von mehreren Milliarden Dollar ausgegangen. Kaum überrraschend haben US-Offizielle diesen Lockruf nach den Vorräten abgegeben. Man darf gespannt sein, welche der global players auf diesem Feld sich den Markt Begehrlichkeiten entwickeln werden. Das 'great game' findet, die Prognose fällt nicht schwer, auch hier eine Fortsetzung.

Bemerkenswert ist ein weisser Fleck in der Berichterstattung des hiesigen Feuilletons:
so werden Zerstörung und Raub der historischen Artefakte überwiegend wenn nicht ausschliesslich den Taliban zugeschrieben. Allerdings, so betonen die afghanischen
Schutzpatrone der Ausstellung, die die Exponate Ende der 80er Jahre mit grossem Mut und Einsatz gerettet haben, seien 70 Prozent der Preziosen aus dem Kabuler Nationalmuseum in den Jahren 1992-94 verschwunden. Wer sich nicht die Mühe macht, die Jahre des Bürgerkrieges von denen der mordenden Koran-Schüler zu unterscheiden, der blendet einen wesentlichen Zugang zum Verständnis des heutigen Afghanistans und damit seiner Geschichte aus.

Sonntag, 6. Juni 2010

Give peace a chance ?












Die Legitimität von Präsident Karsai ist ein Stück weit gefestigt nach der dreitägigen peace jirga, wobei auch nach Verabschiedung der 16-Punkte-Erklärung unklar ist, wann und wie jene Taliban, mit denen irgendwann ernsthaft verhandelt werden soll, wirklich mit am Tisch sitzen und in Bedingungen einstimmen, die ihr tatsächliches Kommen ermöglichen könnten. Zumal Karsai einem Abzug internationaler Truppen als Vorbedingung für Verhandlungen eine Absage erteilt hat, was auch sein aktuelles Verhältnis zur Obama/McChrystal-Administration kennzeichnet.

Es wurde bemerkenswert viel (mit Nachrichtenwert) getwittert aus dem grossen Bierzelt der Jirga, offenbar eine Reaktion auf Versuche der Organisatoren den (inter)nationalen Medien Hindernisse in den Weg zu legen. Bekannte Polit-Grössen und warlords, die hier z.T. aus Proporz-Gründen die Führung der Veranstaltung übertragen bekamen, sehen in unabhängigen Medien unverändert eine Bedrohung, fast so als hielten sie die ihnen seit der letzten Wahl verbriefte Immunität für mutmaßliche Kriegsverbrechen für umkehrbar.

Die Urteile kritischer (afghanischer) Beobachter im und ausserhalb des Jirga-Zeltes sagen eine weitere Entfremdung der Karsai-Regierung sowie der regierenden politischen Klasse zur Bevölkerung voraus. Kein gutes Zeichen für kommende Gesprächsrunden, auch wenn es gelungen ist mit dem tadschikischen Jamiat-Führer Rabbani als Vorsitzendem der jirga den ethnischen Bruch weiter zu vertiefen. Keine Frau unter den 1.600 Delegierten hatte Gelegenheit in den 3 Tagen auf der Haupttribüne das Wort zu ergreifen, erfahren wir. Aus den 28 Gesprächs-Foren wird dagegen von z.T. Lebendigen Debatten berichtet. Wie so häufig ein wiedersprüchliches Panorama von Eindrücken, die auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen scheinen.

Im Schatten einer militärisch-politischen Doppel-Taktik gegen Taliban und andere Gruppen von Aufständischen wird in den Medien wenig Aufhebens von der zur Zeit wohl strategisch wichtigesten Waffe des US-Militärs wie seiner Geheimdienste gemacht. Tatsächlich scheint sich 2010 zum Jahr der Drohne zu entwickeln.

Weniger im afghanischen Herzland als vor allem in Grenzstreifen zu Pakistan und den paschtunischen Stammesgebieten auf pakistanischer Seite setzt die Obama-Regierung Drohnen in immer grösserer Zahl ein, wobei die menschlichen Ziele nicht immer eindeutig bekannt sind sondern der Angriff bestimmten 'Mustern' (patterns of life) folgt. Der Anteil ziviler Opfer ist erheblich. Peter Bergen und Katherine Tiedeman haben mit Hilfe der New America Foundation und einschlägiger Medien eine aktuelle Daten-Basis der US-Dronen-Einsätze versucht zu rekonstruieren.

Experten zufolge ist damit zu rechnen, dass Drohnen auch in Afghanistan vermehrt zur Anwendung kommen. Vor dem Hintergrund aktueller Abzugs-Debatten wie sie in mehreren Ländern geführt werden, bergeb die in der Regel aus den USA oder Europa ferngesteuerten Geschosse eine strategische Verheissung für führende Militärs und Politiker.

Die juristische Rechtfertigung der US-Administration folgt, wie der Bericht zeigt, einer politischen Argumentationslinie, bei der deutlich wird, dass die Politik von US-Präsident (und Friedensnobelpreisträger) Obama in der Kontinuität seines Vorgängers liegt und weniger in einem Paradigmen-Wechsel.
Amerikanischen Medienberichten zufolge sind die Einsätze von US-Spezialkräften gegen Al Qaida und andere Gruppen unter Präsident Obama wesentlich ausgeweitet worden.

Neben der hohen Rate an zivilen Opfern stehen auch juritische Fragezeichen des Einsatzes von Drohnen zunehmend im Fokus der Debatte. Der aktuelle Bericht des UN-Rapporteurs Philip Alston fordert vor allem eine Ende illegaler Praktiken durch die CIA auf diesem Feld. Stichworte, die auch das Nobelpreis-Kommittee mit Interesse registrieren wird.

Lesenswert auch die Artikel in Lettre International und Le Monde.

Sonntag, 2. Mai 2010

Tag der Pressefreiheit

Freie Berichterstattung ist ein Gut, das asymmetrisch verteilt zu sein scheint auf dem Erdball. Dort wo Journalisten auf die grössten Herausforderungen stossen, treffen sie oft auch auf die schwierigsten Bedingungen. Dies zumal westliche Politik und Medien oft mehr ihre 'eigenen' Vertreter im Blick haben.
Im jüngsten Media Watch Report aus Kabul kann man nachlesen, warum die afghanische Regierung
vieles unternimmt, um freie Berichterstattung über terroristische Anschläge zu verhindern; ein Phänomen, das bereits seit 2006 wiederholt zu beobachten ist. Afghanische Medien sehen darin einen Verfassungsbruch und den Versuch der Zensur.
Zugleich belegen sie mit ihren Protesten, dass es - bei weitgehend ausbleibender internationaler Hilfe für unabhängige afghanische Medien - so etwas wie den (zugegeben zarten) Nukleus einer Zivilgesellschaft gibt.
Offenbar steht der vergleichsweise liberale Kultur- und Informationsminister im aktuellen Kabinett Karsai, Raheen, der im Westen seine akademische Ausbildung absolviert hat, in dem Konflikt auf Seiten der Medien. Sein Vorgänger Khurram, ein Mann der der Hezb-i-Islami zugerechnet wird, hatte noch vor wenigen Monaten die afghanischen Medien als einen schädlichen Import des Westens apostrophiert.
Raheen, so hebt Reporter ohne Grenzen hervor, habe Vetreter der eigenen Regierung und der Medien an einen Tisch bekommen, und auf einen schriftlichen Kompromiss gedrungen. Die Berichterstattung über terroristische Anschläge steht demnach nun unter folgendem Vorbehalt:

"...all media should avoid broadcasting pictures of terrorist incidents and victims of such incidents; Broadcasting footage showing security forces in action against terrorists, that discloses the method used in the operation, should be avoided; and,
ultimate professional precision should be used while broadcasting news about terrorist incidents.”

Das Problem ist damit nicht wirklich vom Tisch. U.a. weil keine Restriktionen gegen den afghanischen Geheimdienst ausgesprochen, der spätestens seit 2006 wiederholt afghanische Medienschaffende einschüchtert, drangsaliert oder vorübergehend in Haft genommen hat.
Man muss keine hellseherischen Fähgikeiten haben, um zu verstehen, dass dies auch Tendenzen der Selbstzensur nach sich zieht unter afghanischen Medienschaffenden. Reaktionen des Westens zum o.g. (Holbrooke, H.Clinton) hierauf hat es punktuell gegeben; hier wie in anderen Fällen scheint es allerdings an der Konsequenz zu fehlen, den Druck hoch zu halten.
Schien sich der schwierige Alltag afghanischer Journalisten und Journalistinnen seit geraumer Zeit in einem sich ständig verändernden Dreieck aus afghanischer Regierung, Taliban und NATO-Militär abzuspielen, so zeichnet sich mittlerweile eine Quadratur ab: "The media is in the hands of warlords", schreibt ein Herausgeber aus Kunduz besorgt, der zur Gründergeneration unabhängiger Medien seit 2001 gehört.
Im Norden, darauf verweist die Gesellschaft für bedrohte Völker, festigt das NATO-Militär ausserdem die bekannten Warlords u.a. durch eine Politik weitläufiger Kompromisse und des geringen Widerstandes.
Die Taliban schließlich gelten den einschlägigen Pressefreiheit-watchdogs als "predators of press freedom who have the power to censor, imprison, kidnap, torture and, in the worst cases, murder journalists."

Die Forderungsliste nicht nur von RSF bleibt somit aktuell:
1. That the Taliban leaders put a stop to the kidnappings, threats and attacks against journalists.
2.That the (Afghan, Anm.d.A.) authorities pay more attention to the fate of journalists in the provinces, especially in the south and east.
3. That the international forces allow the press easier access to the areas that are being contested with the Taliban.
4. That Afghan and international journalists’ organisations seek ways to protect threatened journalists that are an alternative to self-exile.

Montag, 26. April 2010

Die andere Asymmetrie

Zweimal binnen weniger Tage bei zwei Trauerfeiern für in Afghanistan getötete Bundeswehrsoldaten. Eine merkwürdige Asymmetrie: Hier eine Fernseh-Übertragung, an der scheinbar die ganze Nation sich über den Särgen der Soldaten zusammenfindend. Dort Umfragewerte und eine Öffentlichkeit, die immer vehementer und misstrauischer nach Sinn und Zweck des Einsatzes fragt.
Die soldatische Mission ist gefährlich. Kein Zivilist wollte spontan die Rollen tauschen. Fraglos gross ist auch die psychische Belastung, aus der manche mit posttraumatischen Störungen hervorgehen. Der Mut des Einzelnen steht ausser Frage. Zu Fragen ist vielmehr nach politischer Führung und woran diese Kriterien und Auswirkungen militärischen Engagements vor Ort festmacht.
Man tut gut daran, sich an eine eine real existierende Doppelbödigkeit zu gewöhnen, an deren Ende einmal mehr keine einfache Lösung steht. Sie besagt: praktisch ist die Präsenz des NATO-Militärs ebenso stabilisierend wie sie zugleich eine Kausalkette mitauslöst, an deren Ende häufig genug Instabilität steht. Stabilisierend ist sie mit Blick auf Milizenchefs und warlords, die mehr oder weniger eingebunden sind in ein z.T. fragwürdiges Machtgefüge. Destabilisierend – dies fällt in der Debatte weitgehend unter den Tisch – ist sie angesichts der Folgen militärischer Präsenz.
Aktuell warnt z.B. eine Reihe renommierter Hilfsorganisationen mit Verankerung in der EU-Politik und mit bis zu 50-jähriger Erfahrung in Afghanistan in einem aktuellen Schreiben:
„Aid provided by or through the military is often much more costly than services and programs provided through civilian channels. The quick-impact approach adopted by military aid projects also diverts benefits to selected groups and can create unrealistic expectations and may cause more harm than good.“
Britische und kanadische Hilfsorganisationen gehören zu den Initiatoren. Ihre Mitarbeiter erfahren als zivile Helfer seit geraumer Zeit u.a. im Süden und Osten Folgen und Begleiterscheinungen von Kämpfen „Military forces“, heisst es in dem Schreiben, „cannot and should not be expected by politicians to take on responsibilities for which they are ill-equipped due to their lack of development expertise and local knowledge.“
Ulrich Ladurner, Kollege der ZEIT und einer jener, die sich regelmäßig ausserhalb von Militärlagern bewegen, schreibt angesichts der Trauerfeiern: " Wenn schon Pathos, dann sollte Angela Merkel oder einer ihrer Minister sich auch vor dem Grab eines zivilen Aufbauhelfers verneigen. (...) Die Regierung sagt immer wieder, in Afghanistan handele es sich um einen zivilmilitärischen Einsatz mit dem Schwerpunkt auf »zivil« “.
Auch die Bundeswehr, so ist jetzt zu lesen, bemüht sich mehr denn je um zivile Experten für Afghanistan. Seit Jahren hat man massive Probleme, geeignetes Personal mit landeskundlichen Kenntnissen zu finden. Nun treten die Streitkräfte werbend nach Aussen auf.
Die interkulturellen Berater, die die Bundeswehr jetzt vermehrt sucht, so heisst es, könnten „beispielsweise Ingenieure, Entwicklungshelfer oder Journalisten sein, die schon einige Jahre am Hindukusch gelebt haben“. Es geht darum, kulturelle Konflikte zu verhindern und Missverständnisse auszuräumen. Ein Soldat könne fahren, funken und schießen. Die Afghanen erreiche man damit aber nicht.
Deutlicher könnte ein Eingeständnis des Scheiterns kaum ausfallen. Wie steht es also tatsächlich um die guten Kontakte zu einheimischen Machthabern und Ältesten, derer sich die Bundeswehr und ihre NATO-Partner rühmen? Wieso gelingt es nicht, Fachleute mit interkulturellen Kenntnissen vor Ort zu gewinnen? Welche Gründe gibt es für Anwerbe-Schwierigkeiten? Was bedeutet es für den Führungsanspruch des Militärs, wenn Zivilisten in ihren Reihen die eigentliche Feinmechanik (im übertragenen Sinn) leisten sollen?
Problematisch erscheint – entgegen offizieller Beteuerungen – auch der Strategie-Mix aus 'Herzen und Köpfe' gewinnen bei gleichzeitiger Aufstandsbekämmpfung bzw. Anti-Terrorbekämpfung, mit dem die militärische Führung den Zeitnöten der politischen Führung im Westen versucht zu entsprechen. Hoher Zeitdruck gepaart mit hohen Erwartungen, in einem Land in dem die Aufständischen über die Zeit verfügen, beinhaltet die bekannten Risiken sowie neue unbekannte.

Dienstag, 20. April 2010

Vorboten aus Kandahar ?









Kunduz, so lesen wir, bereitet sich auf eine militärische Aktion im Sommer oder Herbst vor. Die Offensive gegen Taliban in den kritischen Teilen des Nordens, so heisst es in verschiedenen Meldungen und Äusserungen, werde vom Ausmass geringfügiger ausfallen als zur Zeit im Süden; in Geist und Zielrichtung, so wird uns vermittelt, allerdings ähnlich. Nach Marjah (Provinz Helmand), wo die militärische wie aufbaupolitische Bilanz des Eingreifens von mutmaßlich bis zu 15.000 Soldaten noch weitgehend unklar ist, bereiten sich NATO- wie afghanische Streitkräfte in den kommenden Monaten nun auf den Kampf mit Taliban in der Provinz Kandahar vor. Erste Aktionen haben bereits stattgefunden, von beiden Seiten.
Ist all das ein Lackmustest für Kunduz? Welche Anzeichen und Begleiterscheinungen bringt er mit sich? Alex Strick ist einer von wenigen Ausländern, der seit Längerem in Kandahar wohnen und der dort als unabhängiger Forscher arbeitet.
Nachdem er mit seiner jüngsten Buch-Veröffentlichung zwei Moante durch England und die USA getourt ist, findet er eine deutlich veränderte Stadt vor, wie er schreibt:

„Security conditions in the city have worsened considerably. The threat comes not just from the Taliban — who are able to carry out occasional prominent operations and move around the city — but also criminal groups. Kidnappings, robberies, intimidation — these seem to be par for the course for residents inside the city.
‘The surge’ is coming, too, and everyone knows it. Some families are sending women and children away, either to Quetta or to Kabul; those who could afford to do so had mostly done this already. Young people who manage to find work or study opportunities outside Kandahar are staying away.“

Heute wurde der stellvertretende Bürgermeister von Kandahar erschossen. Effektiv und bewundert bei der Zivilbevölkerung sei er gewesen, heisst es in Medienberichten. Mittlerweile aber ist eine Eskalation der Gewalt zu beobachten, die Düsteres für die Wochen vor uns erahnen lässt. Taliban zeichnen verantwortlich für die jüngste Welle von Anschlägen, die neben Repräsentanten des religiösen Lebens auf Politiker und ausländisches Personal wie Berater zielt, sogenannte contractors.
Alex zitiert einen Händler:
„The storm is coming. Believe you me. The storm is coming. I try telling people, but it seems they’re all just making themselves busy with fixing the leaky roof or the squeaky door. The storm will destroy their entire house and city, though. The storm is coming. You have two options: get out now, or climb down into your bunker and hope that the storm will pass and that you’re still alive six months from now.“

Kann oder darf man diesen Eindruck projezieren auf die zu erwartenden Auseinandersetzungen um Kunduz? Oder soll man es unterlassen? Erscheint es konsequent sich die Frage zu stellen, angesichts der aktuellen Kriegsrethorik in unseren Medien oder nicht ?

Die innenpolitische Debatte in Deutschland über Kunduz verdeckt und vernachlässigt zugleich Nachrichten und Befindlichkeiten in Afghanistan, die wichtig sind, um das grosse Ganze zu verstehen, nicht zuletzt die Stimmung in der Bevölkerung richtig einzuschätzen, deren 'Herzen und Köpfe' erobert werden sollen.
Unverändert gibt es offenbar Unmut in Kunduz bei Hinterbliebenen der Opfer des Luftangriffs vom 4.September. Eine konkrete Entschädigung ist immer noch nicht in Sicht. Eine Gruppe von Angehörigen demonstrierte dieser Tage erstmals vor der Menschenrechtskommission in Kunduz. In deutschen Medien fand dies nicht oder kaum Erwähnung. Überhaupt ist eine bemerkenswerte Stille eingetreten zu dem Thema. 'Der Schmerz über die Opfer dauert an', erzählt mir ein Bekannter aus Kunduz. 'Die Menschen aus Char Dara hatten gehofft wenigstens Präsident Karsai ihre Gefühle und Hoffnungen zu sagen, als dieser vergangene Woche in Kunduz zu Besuch war. Aber es kam zu keinem Treffen, und auch von ihm sind die Menschen jetzt sehr enttäuscht und frustriert.'

Dieser Tage startet eine sehenswerte Fotoausstellung über den Luftangriff von Kunduz und die Opfer. 'Kunduz 4.September 2009' ist eine Zusammenarbeit von Christoph Reuter, dem Journalisten-Kollegen und Stern-Korrespondent in Kabul und dem freien Fotografen Marcel Mettelsiefen. Im Vorwort zur Ausstellung heisst es:

„Am Anfang war die Zahl. Genau genommen war es das Gegenteil jener Genauigkeit, die man mit Zahlen assoziiert: Zwischen „17 und 142 Menschen“ seien in der Nacht zum 4. September 2009 ums Leben gekommen bei dem Luftangriff auf vermeintliche Aufständische im Bezirk Chardara südlich von Kunduz. So der Nato-Untersuchungsbericht Monate später. (...) Doch eines hat weder die Verfasser des Berichtes, noch andere Stellen so recht interessiert: Wen ließ Deutschland da eigentlich umbringen? Wie viele Menschen starben, als die Bomben bei den Tanklastzügen einschlugen, die von Taliban entführt und von der Dorfbevölkerung geplündert worden waren? 17 bis 142. Diese Gleichgültigkeit war für uns der Grund für dieses Ermittlungsarbeit. Über Monate haben wir zusammengetragen, was genau in jener Nacht an der Furt geschah. Wer starb dort? Was trieb jeden Einzelnen zu den Tankwagen, die sich festgefahren hatten? Was fanden seine Angehörigen am nächsten Morgen von ihm? Es stellte ein kompliziertes Unterfangen dar, in einem Bürgerkriegsgebiet ohne funktionierendes Meldewesen zu eruieren, wer an einem bestimmten Tag ums Leben gekommen ist, ja wer von den mutmaßlichen Opfern überhaupt je existiert hat. In zwei Dutzend mehrstündigen Interviews mit den verschiedenen Gruppen aus den betroffenen Dörfern haben wir versucht, alle Details zusammenzutragen, haben Ausweise, Fotos, Wahlregistrierungen aufgenommen und immer wieder die Menschen aus einem Dorf über die Toten in den anderen Dörfern befragt, um eventuellen Versuchen der Manipulation vorzubeugen. Die Frage, wer starb, ließ sich klären: 91 Menschen, männlich, vom Kind bis zum Greis. Fast alle waren zur Furt gekommen, um Treibstoff in ihre mitgebrachten Behältnisse abzufüllen und nach Hause zu tragen. Unmöglich zu klären hingegen bleibt, wer von den Toten Talib oder Zivilist war. Dies schon deshalb, weil die Unterscheidbarkeit eine Fiktion ist. Chardara wird von den Taliban kontrolliert, es gibt Sympathisanten, Opportunisten, Menschen, die aus Angst zu Mitläufern wurden, zig Wesen aus der Zwischenwelt der Grautöne, die in der deutschen Debatte kaum jemand wahrnimmt. (...) Uns geht es nicht darum, alle Opfer post mortem zu guten Menschen zu erklären. Aber Menschen, das waren sie."

Samstag, 3. April 2010

Im Dienst der Wissenschaft

Dieser Tage besuchte ich in Bad Godesberg eine Tagung von wissenschaftlichen Experten zum Thema Afghanistan, mehr oder weniger einschlägige Namen. Vom Tagungsort konnte man übrigens über die andere Rhein-Seite auf den Petersberg blicken. Diese Koinzidenz war interessanterweise keinem der Referenten eine Wert. Im Rückblick gilt die gleichnamige Konferenz nicht als das diplomatische Ruhmesblatt, als das einige Zeit durchging.
Drei Dinge sprangen mir auf der Tagung ins Auge.
1. Die Wissenschaftler legten nicht oder kaum irgendwelche Quellen dar. Eine Journalisten-Tagung zum Thema hätte vermutlich mehr darüber zutage gefördert, wo und wie Jemand im Kontext Afghanistan an seine Informationen kommt. Einige Referate beschäftigten sich u.a. mit Unterschied und Gemeinsamkeiten zwischen afghanischen und pakistanischen Taliban. Ein klares Bild entstand dabei wie auch bei anderen Debattenbeiträgen nicht. Vielen Referenten fehlte es offenbar an Landeskenntnis.
2. Auch bei dieser Veranstaltung war so gut wie kein afghanischer Referent geladen. Ähnliches lässt sich bei zahlreichen Podien und Tagungen beobachten. Geschieht dies, weil man afghanische Kollegen für nicht 'wissenschaftlich' genug hält? Die Frage mag provokativ klingen. Bei Näherem Hinsehen drängt sie sich auf. Afghanische Referenten (und nur sie) halten uns einen Spiegel vor, der ebenso irritierend wie der Sache förderlich ist. Gut möglich, dass der ein oder andere von ihnen gelegentlich abschweift in innenpolitisch-ethnische Abrechnungen. Wichtiger erscheint mir, sich auf die Menschen einzulassen, über deren Land man vorgibt zu forschen. Im Vergleich dazu: Ich kann mir schwer vorstellen, dass unsere Nachbarn die Polen oder Franzosen jahrein jahraus über die Folgen der deutschen Teilung und Wiedervereinigung reden ohne dazu an prominenter Stelle Zeitzeugen aus Deutschland zu laden.
3. Ein neuer Typus von Afghanistan- bzw. Islamwissenschaftler zeichnet sich mit dem Afghanistan-Einsatz ab. Ich nenne ihn einmal den 'Reserve-Orientalisten'. Gerade beim jungen akademischen Nachwuchs finden sich jüngere Akademiker, die ihre Magister- oder Doktorarbeiten an deutschen Universitäten schreiben und zugleich als Offiziere der Reserve für die Bundeswehr in Afghanistan dienen. Sie geben sich selbstbewußt, so als wäre nichts Besonderes dabei, als ausgebildeter Islamwissenschaftler mit dem gepanzerten Fahrzeug einen Teil seines Forschungsgebietes zu durchqueren. Zugleich, und hier wird die Ambivalenz spürbar, dürfte es von Vorteil sein, Soldaten mit Kenntnis der Sprache und Kultur vor Ort zu wissen. Aber doppelte Loyalitäten sind auch in diesem Fall problematisch. Als Beispiel liegen gedruckte Versuche z.B. von Journalisten vor, die als Reserve-Offiziere in Afghanistan einen Blick auf ihre Tätigkeit werfen. Dabei bleibt allerdings mehr im Verborgenen, als zur Aufklärung beigetragen wird. Man darf gespannt sein, wie sich die Promotionen der Islamwissenschaftler im Hindukusch-Einsatz lesen.