Sonntag, 2. Mai 2010

Tag der Pressefreiheit

Freie Berichterstattung ist ein Gut, das asymmetrisch verteilt zu sein scheint auf dem Erdball. Dort wo Journalisten auf die grössten Herausforderungen stossen, treffen sie oft auch auf die schwierigsten Bedingungen. Dies zumal westliche Politik und Medien oft mehr ihre 'eigenen' Vertreter im Blick haben.
Im jüngsten Media Watch Report aus Kabul kann man nachlesen, warum die afghanische Regierung
vieles unternimmt, um freie Berichterstattung über terroristische Anschläge zu verhindern; ein Phänomen, das bereits seit 2006 wiederholt zu beobachten ist. Afghanische Medien sehen darin einen Verfassungsbruch und den Versuch der Zensur.
Zugleich belegen sie mit ihren Protesten, dass es - bei weitgehend ausbleibender internationaler Hilfe für unabhängige afghanische Medien - so etwas wie den (zugegeben zarten) Nukleus einer Zivilgesellschaft gibt.
Offenbar steht der vergleichsweise liberale Kultur- und Informationsminister im aktuellen Kabinett Karsai, Raheen, der im Westen seine akademische Ausbildung absolviert hat, in dem Konflikt auf Seiten der Medien. Sein Vorgänger Khurram, ein Mann der der Hezb-i-Islami zugerechnet wird, hatte noch vor wenigen Monaten die afghanischen Medien als einen schädlichen Import des Westens apostrophiert.
Raheen, so hebt Reporter ohne Grenzen hervor, habe Vetreter der eigenen Regierung und der Medien an einen Tisch bekommen, und auf einen schriftlichen Kompromiss gedrungen. Die Berichterstattung über terroristische Anschläge steht demnach nun unter folgendem Vorbehalt:

"...all media should avoid broadcasting pictures of terrorist incidents and victims of such incidents; Broadcasting footage showing security forces in action against terrorists, that discloses the method used in the operation, should be avoided; and,
ultimate professional precision should be used while broadcasting news about terrorist incidents.”

Das Problem ist damit nicht wirklich vom Tisch. U.a. weil keine Restriktionen gegen den afghanischen Geheimdienst ausgesprochen, der spätestens seit 2006 wiederholt afghanische Medienschaffende einschüchtert, drangsaliert oder vorübergehend in Haft genommen hat.
Man muss keine hellseherischen Fähgikeiten haben, um zu verstehen, dass dies auch Tendenzen der Selbstzensur nach sich zieht unter afghanischen Medienschaffenden. Reaktionen des Westens zum o.g. (Holbrooke, H.Clinton) hierauf hat es punktuell gegeben; hier wie in anderen Fällen scheint es allerdings an der Konsequenz zu fehlen, den Druck hoch zu halten.
Schien sich der schwierige Alltag afghanischer Journalisten und Journalistinnen seit geraumer Zeit in einem sich ständig verändernden Dreieck aus afghanischer Regierung, Taliban und NATO-Militär abzuspielen, so zeichnet sich mittlerweile eine Quadratur ab: "The media is in the hands of warlords", schreibt ein Herausgeber aus Kunduz besorgt, der zur Gründergeneration unabhängiger Medien seit 2001 gehört.
Im Norden, darauf verweist die Gesellschaft für bedrohte Völker, festigt das NATO-Militär ausserdem die bekannten Warlords u.a. durch eine Politik weitläufiger Kompromisse und des geringen Widerstandes.
Die Taliban schließlich gelten den einschlägigen Pressefreiheit-watchdogs als "predators of press freedom who have the power to censor, imprison, kidnap, torture and, in the worst cases, murder journalists."

Die Forderungsliste nicht nur von RSF bleibt somit aktuell:
1. That the Taliban leaders put a stop to the kidnappings, threats and attacks against journalists.
2.That the (Afghan, Anm.d.A.) authorities pay more attention to the fate of journalists in the provinces, especially in the south and east.
3. That the international forces allow the press easier access to the areas that are being contested with the Taliban.
4. That Afghan and international journalists’ organisations seek ways to protect threatened journalists that are an alternative to self-exile.

Montag, 26. April 2010

Die andere Asymmetrie

Zweimal binnen weniger Tage bei zwei Trauerfeiern für in Afghanistan getötete Bundeswehrsoldaten. Eine merkwürdige Asymmetrie: Hier eine Fernseh-Übertragung, an der scheinbar die ganze Nation sich über den Särgen der Soldaten zusammenfindend. Dort Umfragewerte und eine Öffentlichkeit, die immer vehementer und misstrauischer nach Sinn und Zweck des Einsatzes fragt.
Die soldatische Mission ist gefährlich. Kein Zivilist wollte spontan die Rollen tauschen. Fraglos gross ist auch die psychische Belastung, aus der manche mit posttraumatischen Störungen hervorgehen. Der Mut des Einzelnen steht ausser Frage. Zu Fragen ist vielmehr nach politischer Führung und woran diese Kriterien und Auswirkungen militärischen Engagements vor Ort festmacht.
Man tut gut daran, sich an eine eine real existierende Doppelbödigkeit zu gewöhnen, an deren Ende einmal mehr keine einfache Lösung steht. Sie besagt: praktisch ist die Präsenz des NATO-Militärs ebenso stabilisierend wie sie zugleich eine Kausalkette mitauslöst, an deren Ende häufig genug Instabilität steht. Stabilisierend ist sie mit Blick auf Milizenchefs und warlords, die mehr oder weniger eingebunden sind in ein z.T. fragwürdiges Machtgefüge. Destabilisierend – dies fällt in der Debatte weitgehend unter den Tisch – ist sie angesichts der Folgen militärischer Präsenz.
Aktuell warnt z.B. eine Reihe renommierter Hilfsorganisationen mit Verankerung in der EU-Politik und mit bis zu 50-jähriger Erfahrung in Afghanistan in einem aktuellen Schreiben:
„Aid provided by or through the military is often much more costly than services and programs provided through civilian channels. The quick-impact approach adopted by military aid projects also diverts benefits to selected groups and can create unrealistic expectations and may cause more harm than good.“
Britische und kanadische Hilfsorganisationen gehören zu den Initiatoren. Ihre Mitarbeiter erfahren als zivile Helfer seit geraumer Zeit u.a. im Süden und Osten Folgen und Begleiterscheinungen von Kämpfen „Military forces“, heisst es in dem Schreiben, „cannot and should not be expected by politicians to take on responsibilities for which they are ill-equipped due to their lack of development expertise and local knowledge.“
Ulrich Ladurner, Kollege der ZEIT und einer jener, die sich regelmäßig ausserhalb von Militärlagern bewegen, schreibt angesichts der Trauerfeiern: " Wenn schon Pathos, dann sollte Angela Merkel oder einer ihrer Minister sich auch vor dem Grab eines zivilen Aufbauhelfers verneigen. (...) Die Regierung sagt immer wieder, in Afghanistan handele es sich um einen zivilmilitärischen Einsatz mit dem Schwerpunkt auf »zivil« “.
Auch die Bundeswehr, so ist jetzt zu lesen, bemüht sich mehr denn je um zivile Experten für Afghanistan. Seit Jahren hat man massive Probleme, geeignetes Personal mit landeskundlichen Kenntnissen zu finden. Nun treten die Streitkräfte werbend nach Aussen auf.
Die interkulturellen Berater, die die Bundeswehr jetzt vermehrt sucht, so heisst es, könnten „beispielsweise Ingenieure, Entwicklungshelfer oder Journalisten sein, die schon einige Jahre am Hindukusch gelebt haben“. Es geht darum, kulturelle Konflikte zu verhindern und Missverständnisse auszuräumen. Ein Soldat könne fahren, funken und schießen. Die Afghanen erreiche man damit aber nicht.
Deutlicher könnte ein Eingeständnis des Scheiterns kaum ausfallen. Wie steht es also tatsächlich um die guten Kontakte zu einheimischen Machthabern und Ältesten, derer sich die Bundeswehr und ihre NATO-Partner rühmen? Wieso gelingt es nicht, Fachleute mit interkulturellen Kenntnissen vor Ort zu gewinnen? Welche Gründe gibt es für Anwerbe-Schwierigkeiten? Was bedeutet es für den Führungsanspruch des Militärs, wenn Zivilisten in ihren Reihen die eigentliche Feinmechanik (im übertragenen Sinn) leisten sollen?
Problematisch erscheint – entgegen offizieller Beteuerungen – auch der Strategie-Mix aus 'Herzen und Köpfe' gewinnen bei gleichzeitiger Aufstandsbekämmpfung bzw. Anti-Terrorbekämpfung, mit dem die militärische Führung den Zeitnöten der politischen Führung im Westen versucht zu entsprechen. Hoher Zeitdruck gepaart mit hohen Erwartungen, in einem Land in dem die Aufständischen über die Zeit verfügen, beinhaltet die bekannten Risiken sowie neue unbekannte.

Dienstag, 20. April 2010

Vorboten aus Kandahar ?









Kunduz, so lesen wir, bereitet sich auf eine militärische Aktion im Sommer oder Herbst vor. Die Offensive gegen Taliban in den kritischen Teilen des Nordens, so heisst es in verschiedenen Meldungen und Äusserungen, werde vom Ausmass geringfügiger ausfallen als zur Zeit im Süden; in Geist und Zielrichtung, so wird uns vermittelt, allerdings ähnlich. Nach Marjah (Provinz Helmand), wo die militärische wie aufbaupolitische Bilanz des Eingreifens von mutmaßlich bis zu 15.000 Soldaten noch weitgehend unklar ist, bereiten sich NATO- wie afghanische Streitkräfte in den kommenden Monaten nun auf den Kampf mit Taliban in der Provinz Kandahar vor. Erste Aktionen haben bereits stattgefunden, von beiden Seiten.
Ist all das ein Lackmustest für Kunduz? Welche Anzeichen und Begleiterscheinungen bringt er mit sich? Alex Strick ist einer von wenigen Ausländern, der seit Längerem in Kandahar wohnen und der dort als unabhängiger Forscher arbeitet.
Nachdem er mit seiner jüngsten Buch-Veröffentlichung zwei Moante durch England und die USA getourt ist, findet er eine deutlich veränderte Stadt vor, wie er schreibt:

„Security conditions in the city have worsened considerably. The threat comes not just from the Taliban — who are able to carry out occasional prominent operations and move around the city — but also criminal groups. Kidnappings, robberies, intimidation — these seem to be par for the course for residents inside the city.
‘The surge’ is coming, too, and everyone knows it. Some families are sending women and children away, either to Quetta or to Kabul; those who could afford to do so had mostly done this already. Young people who manage to find work or study opportunities outside Kandahar are staying away.“

Heute wurde der stellvertretende Bürgermeister von Kandahar erschossen. Effektiv und bewundert bei der Zivilbevölkerung sei er gewesen, heisst es in Medienberichten. Mittlerweile aber ist eine Eskalation der Gewalt zu beobachten, die Düsteres für die Wochen vor uns erahnen lässt. Taliban zeichnen verantwortlich für die jüngste Welle von Anschlägen, die neben Repräsentanten des religiösen Lebens auf Politiker und ausländisches Personal wie Berater zielt, sogenannte contractors.
Alex zitiert einen Händler:
„The storm is coming. Believe you me. The storm is coming. I try telling people, but it seems they’re all just making themselves busy with fixing the leaky roof or the squeaky door. The storm will destroy their entire house and city, though. The storm is coming. You have two options: get out now, or climb down into your bunker and hope that the storm will pass and that you’re still alive six months from now.“

Kann oder darf man diesen Eindruck projezieren auf die zu erwartenden Auseinandersetzungen um Kunduz? Oder soll man es unterlassen? Erscheint es konsequent sich die Frage zu stellen, angesichts der aktuellen Kriegsrethorik in unseren Medien oder nicht ?

Die innenpolitische Debatte in Deutschland über Kunduz verdeckt und vernachlässigt zugleich Nachrichten und Befindlichkeiten in Afghanistan, die wichtig sind, um das grosse Ganze zu verstehen, nicht zuletzt die Stimmung in der Bevölkerung richtig einzuschätzen, deren 'Herzen und Köpfe' erobert werden sollen.
Unverändert gibt es offenbar Unmut in Kunduz bei Hinterbliebenen der Opfer des Luftangriffs vom 4.September. Eine konkrete Entschädigung ist immer noch nicht in Sicht. Eine Gruppe von Angehörigen demonstrierte dieser Tage erstmals vor der Menschenrechtskommission in Kunduz. In deutschen Medien fand dies nicht oder kaum Erwähnung. Überhaupt ist eine bemerkenswerte Stille eingetreten zu dem Thema. 'Der Schmerz über die Opfer dauert an', erzählt mir ein Bekannter aus Kunduz. 'Die Menschen aus Char Dara hatten gehofft wenigstens Präsident Karsai ihre Gefühle und Hoffnungen zu sagen, als dieser vergangene Woche in Kunduz zu Besuch war. Aber es kam zu keinem Treffen, und auch von ihm sind die Menschen jetzt sehr enttäuscht und frustriert.'

Dieser Tage startet eine sehenswerte Fotoausstellung über den Luftangriff von Kunduz und die Opfer. 'Kunduz 4.September 2009' ist eine Zusammenarbeit von Christoph Reuter, dem Journalisten-Kollegen und Stern-Korrespondent in Kabul und dem freien Fotografen Marcel Mettelsiefen. Im Vorwort zur Ausstellung heisst es:

„Am Anfang war die Zahl. Genau genommen war es das Gegenteil jener Genauigkeit, die man mit Zahlen assoziiert: Zwischen „17 und 142 Menschen“ seien in der Nacht zum 4. September 2009 ums Leben gekommen bei dem Luftangriff auf vermeintliche Aufständische im Bezirk Chardara südlich von Kunduz. So der Nato-Untersuchungsbericht Monate später. (...) Doch eines hat weder die Verfasser des Berichtes, noch andere Stellen so recht interessiert: Wen ließ Deutschland da eigentlich umbringen? Wie viele Menschen starben, als die Bomben bei den Tanklastzügen einschlugen, die von Taliban entführt und von der Dorfbevölkerung geplündert worden waren? 17 bis 142. Diese Gleichgültigkeit war für uns der Grund für dieses Ermittlungsarbeit. Über Monate haben wir zusammengetragen, was genau in jener Nacht an der Furt geschah. Wer starb dort? Was trieb jeden Einzelnen zu den Tankwagen, die sich festgefahren hatten? Was fanden seine Angehörigen am nächsten Morgen von ihm? Es stellte ein kompliziertes Unterfangen dar, in einem Bürgerkriegsgebiet ohne funktionierendes Meldewesen zu eruieren, wer an einem bestimmten Tag ums Leben gekommen ist, ja wer von den mutmaßlichen Opfern überhaupt je existiert hat. In zwei Dutzend mehrstündigen Interviews mit den verschiedenen Gruppen aus den betroffenen Dörfern haben wir versucht, alle Details zusammenzutragen, haben Ausweise, Fotos, Wahlregistrierungen aufgenommen und immer wieder die Menschen aus einem Dorf über die Toten in den anderen Dörfern befragt, um eventuellen Versuchen der Manipulation vorzubeugen. Die Frage, wer starb, ließ sich klären: 91 Menschen, männlich, vom Kind bis zum Greis. Fast alle waren zur Furt gekommen, um Treibstoff in ihre mitgebrachten Behältnisse abzufüllen und nach Hause zu tragen. Unmöglich zu klären hingegen bleibt, wer von den Toten Talib oder Zivilist war. Dies schon deshalb, weil die Unterscheidbarkeit eine Fiktion ist. Chardara wird von den Taliban kontrolliert, es gibt Sympathisanten, Opportunisten, Menschen, die aus Angst zu Mitläufern wurden, zig Wesen aus der Zwischenwelt der Grautöne, die in der deutschen Debatte kaum jemand wahrnimmt. (...) Uns geht es nicht darum, alle Opfer post mortem zu guten Menschen zu erklären. Aber Menschen, das waren sie."

Samstag, 3. April 2010

Im Dienst der Wissenschaft

Dieser Tage besuchte ich in Bad Godesberg eine Tagung von wissenschaftlichen Experten zum Thema Afghanistan, mehr oder weniger einschlägige Namen. Vom Tagungsort konnte man übrigens über die andere Rhein-Seite auf den Petersberg blicken. Diese Koinzidenz war interessanterweise keinem der Referenten eine Wert. Im Rückblick gilt die gleichnamige Konferenz nicht als das diplomatische Ruhmesblatt, als das einige Zeit durchging.
Drei Dinge sprangen mir auf der Tagung ins Auge.
1. Die Wissenschaftler legten nicht oder kaum irgendwelche Quellen dar. Eine Journalisten-Tagung zum Thema hätte vermutlich mehr darüber zutage gefördert, wo und wie Jemand im Kontext Afghanistan an seine Informationen kommt. Einige Referate beschäftigten sich u.a. mit Unterschied und Gemeinsamkeiten zwischen afghanischen und pakistanischen Taliban. Ein klares Bild entstand dabei wie auch bei anderen Debattenbeiträgen nicht. Vielen Referenten fehlte es offenbar an Landeskenntnis.
2. Auch bei dieser Veranstaltung war so gut wie kein afghanischer Referent geladen. Ähnliches lässt sich bei zahlreichen Podien und Tagungen beobachten. Geschieht dies, weil man afghanische Kollegen für nicht 'wissenschaftlich' genug hält? Die Frage mag provokativ klingen. Bei Näherem Hinsehen drängt sie sich auf. Afghanische Referenten (und nur sie) halten uns einen Spiegel vor, der ebenso irritierend wie der Sache förderlich ist. Gut möglich, dass der ein oder andere von ihnen gelegentlich abschweift in innenpolitisch-ethnische Abrechnungen. Wichtiger erscheint mir, sich auf die Menschen einzulassen, über deren Land man vorgibt zu forschen. Im Vergleich dazu: Ich kann mir schwer vorstellen, dass unsere Nachbarn die Polen oder Franzosen jahrein jahraus über die Folgen der deutschen Teilung und Wiedervereinigung reden ohne dazu an prominenter Stelle Zeitzeugen aus Deutschland zu laden.
3. Ein neuer Typus von Afghanistan- bzw. Islamwissenschaftler zeichnet sich mit dem Afghanistan-Einsatz ab. Ich nenne ihn einmal den 'Reserve-Orientalisten'. Gerade beim jungen akademischen Nachwuchs finden sich jüngere Akademiker, die ihre Magister- oder Doktorarbeiten an deutschen Universitäten schreiben und zugleich als Offiziere der Reserve für die Bundeswehr in Afghanistan dienen. Sie geben sich selbstbewußt, so als wäre nichts Besonderes dabei, als ausgebildeter Islamwissenschaftler mit dem gepanzerten Fahrzeug einen Teil seines Forschungsgebietes zu durchqueren. Zugleich, und hier wird die Ambivalenz spürbar, dürfte es von Vorteil sein, Soldaten mit Kenntnis der Sprache und Kultur vor Ort zu wissen. Aber doppelte Loyalitäten sind auch in diesem Fall problematisch. Als Beispiel liegen gedruckte Versuche z.B. von Journalisten vor, die als Reserve-Offiziere in Afghanistan einen Blick auf ihre Tätigkeit werfen. Dabei bleibt allerdings mehr im Verborgenen, als zur Aufklärung beigetragen wird. Man darf gespannt sein, wie sich die Promotionen der Islamwissenschaftler im Hindukusch-Einsatz lesen.

Sonntag, 28. Februar 2010

Der Mensch hinter der Meldung










Der Terror-Anschlag vom Freitag in Kabul hat erneut viele Menschen das Leben gekostet. Es passierte an einem Freitag zu, dem Feiertag, früh morgens, direkt am City Center, das im Parterre ein Café beherbergt. Einer der wenigen Orte in Kabul, der auch für Einheimische im Ansatz etwas von einer Caféhaus-Atmosphäre verströmt.
Die Toten solcher Anschläge bleiben vielfach abstrakt. Anna, eine Bekannte, hatte schon Entwarnung gegeben auf besorgte email-Anfrage aus dem Ausland, "keiner dabei, den wir kennen".
Es war voreilig, wie sich jetzt herausstellt. Unter den Opfern ist Séverin Blanchet, den zumindest Anna, ich und alle, die mit der Filmszene in Afghanistan vertraut sind, kennen. Er kam in einem kleinen guest house direkt neben dem city center unter. Das gleiche Hotel, in dem er immer abstieg. Er starb möglicherweis nicht durch die infolge des Anschlags ausgelöste Explosion, sondern durch gezielte Schüsse der Terroristen, nachdem diese den Eingang des guest houses gesprengt und sich Zugang verschafft hatten.
Séverin hat seit 2006 Pionier-Arbeit in Kabul geleistet mit den Ateliers Varan, einer französischen Dokumentarfilm-Initiative, die nicht nur in Afghanistan sondern in zahlreichen Entwicklungsländern aktiv ist und sich zum Ziel gemacht hat junge Interessierte und Talente in mit der Kamera, in Regie und Schnitt auszubilden. Über zwei Dutzend afghanische Autoren sind durch seine Schule gegangen in den vergangenen vier Jahren. Für viele eine einmalige, manchmal erste Erfahrung ihre visuellen Vorstellungen und Geschichten auf Film zu bannen. Viele der Filme sind mittlerweile in Europa und anderswo gezeigt worden. Weniger, weil sie cineastische Meisterwerke wären, sondern vielmehr weil sie Zeugnisse einer eigenen, afghanischen Handschrift sind. Denn die Geschichten die afghanische Filmemacher/innen erzählen unterscheiden sich wie man schnell errät von der Auswahl der Themen, der Motivation und dem wie erzählt wird deutlich von all den Filmen, die es über Afghanistan gibt. Und das hat Séverin verstanden und gefördert. Ein afghanischer Filmemacher schreibt jetzt aus dem Anlass: „Es hat uns Afghanen ermöglicht unsere eigene Wirklichkeit zu dokumentieren, eine Erzählform von innerhalb der afghanischen Gesellschaft zu finden. Wir brauchen jetzt nicht mehr auf Filme aus dem Westen zu warten, die etwas über Afghanistan erzählen.“:

„Severin himself was a big cinephile (...) a pioneer of cinéma vérité’s. Blanchet was a founding member of Atelier Varan in 1981 with his friend Jean Rouch. The filmmaker Jean Rouch was an anthropologist himself, and Varan was established to promote anthropological documentaries in third world countries. All films produced by the Ateliers Varan in Kabul which I’ve seen are based on cinema vérite in form and aesthetic and anthropology in content and narrative. What Severin did in Afghanistan was enabling Afghans to document their realities, to provide a narrative from inside. It’s no longer necessary to wait for westerners to make films about us, we have to look at ourselves and capture the realities of our everyday life. The 18 films produced by Varan students in Kabul are all considered to be a cinematic documentation of Afghan life and culture in the chaotic post-Taliban era. Severin was a cinema lover; he lived his life to share his passionate love of cinema with people of the world from Serbia to Algeria, from Colombia to Kabul, a love affair with a tragic end. His workshops will be regarded as a turning point in Afghan film history .“

Dienstag, 16. Februar 2010

Helmand, die Medien und ein fragwürdiger Feldzug












Zu der sogenannten Grossoffensive um Marjah in Helmand liegt wenig Gesichertes vor. Es gibt praktisch keine unabhängigen Quellen. Westliche Journalisten bewegen sich, bis auf ganz wenige Ausnahmen, nur in 'embeds', und in afghanischen Medien gab es zuletzt vereinzelte Radio-Reports aus Helmands-Provinzhauptstadt Lashkar Gah. Dafür ist die breite Öffentlichkeit fast ausschliesslich auf Informationen des US-, Nato- und afghanischen Militärs angewiesen, deren Pressemeldungen angebliche Erfolge feiern. Wie häufig in den vergangenen Jahren werden sie von den westlichen Medien wenig distanziert wiedergegeben.
Gut informierte Medien nennen die militärische Auseinandersetzung um Marjah "a minor symbolic military move", einen symbolischen Schritt von mäßiger militärischer Bedeutung mit anderen Worten. Der Autor des Berichts fragt u.a., warum es sich NATO und afghanische Streitkräfte nicht zur Aufgabe gemacht haben die für Handel und Verkehr so wichtige Ringstrasse zwischen Kabul und Lashgar Gah vom Einfluss der Taliban zu befreien.
Hier ist ein anderer Versuch, den vielfach ungeprüften Behauptungen der kampfführender Seite im Fall Marjah etwas Kritisches zur Seite zu stellen. Ein unumstrittener deutscher Afghanistan- und Taliban-Experte verweist auf diesen link, der "die mediale Metamorphose eines Lehmweilers zur 80.000 Einwohner-Stadt" beschreibt.

Offensiven in Helmand gibt es seit dem Jahr 2006. Die Zivilbevölkerung hatte dabei immer wieder Opfer zu beklagen. Auch diesmal scheint es nicht anders. Tritt nun ein, was von Anfang an als Dilemma erschien: nämlich mehr Schutz der Zivilbevölkerung bei gleichzeitig massiverem militärischen Vorgehen?
Effektiv wäre die Aktion wenn sie neben der sichtbaren Vermeidung ziviler Opfer es schaffen würde effektive Regierungsinstitutionen zu schaffen, Infrastruktur und Perspektiven für Handel und eine Alternative zum Opium-Anbau. Viele Taliban würden sich dann vermutlich automatisch reintegrieren (lassen).
Die Chance dafür aber stehen nicht gerade gut. Die militärischen Auseinandersetzungen werden, nach allem was wir aus den vergangenen Jahren wissen, vielfach von Stammesrivalitäten mitbestimmt. Karzai (für seinen Machterhalt) aber auch die ausländischen Truppen nutzen diese aus bzw. halten sie, wissentlich oder unwissentlich, am Köcheln. Den benachteiligten Stämmen geht es ihrerseits vielfach um Teilhabe an Millionen-Beträgen aus der Entwicklungshilfe. Und es stellen sich weitere Fragen.
Eine wirklich neue Agenda, nicht nur für Helmand, bräuchte Zeit und ist auf Fehleranalyse aus den vergangenen Jahren angewiesen.
Interessant hierzu ist ein neuer Bericht, maßgeblich verfasst von US-Offizieren und Geheimdienstlern. Darin wir unuwunden zugegeben, was in denen vergangenen Jahren Grundlegendes falsch gemacht worden ist. Es heisst dort u.a.:

"According to a recent complaint by General McChrystal, senior decision-makers are being forced to turn to the mass media in search of the information they need on Afghanistan. The intelligence community is preoccupied with gathering a flood of highly detailed information on insurgents and has thus failed to provide vital general information on the environment in which the Taliban operates. In order for commanders and politicians to receive relevant data in a timely fashion in the future, the intelligence services must review the manner in which they operate in Afghanistan.
The central problem with intelligence gathering in Afghanistan is the great emphasis placed on detailed information on insurgents. This information gathering takes place at the expense of more general information concerning the environment in which they operate. More insider information needs to be gathered directly at the grassroots level concerning the political, economic, and cultural developments affecting the population. The availability of such information would facilitate counteracting the Taliban’s influence and help prevent further attacks. Census data and transcriptions of popular radio talks shows or of Shura-meetings could all provide valuable information, in particular regarding the willingness of the locals to cooperate with the International Security Assistance Force (ISAF)..."

sowie - banal, aber hier einmal ausgeschrieben -
"The second inescapable truth asserts that merely killing insurgents usually serves to multiply enemies rather than subtract them (...)"

Das liest sich bemerkenswert klar. Und doch haben wir, die 'Nichtmilitärischen', es längst geahnt oder selbst erfahren und früher schon mitbekommen. Welche konkreten Konsequenzen werden aus solchen Analysen gezogen? man wüsste es gerne. 
Tut man den recht ausführlich recherchierten Bericht des Spielgel zu Kundus (vorletzte Woche) hinzu, dann verläuft hier sogar ein Bogen zu der o.g. Studie.

Zugleich wird zivile Aufbauhilfe nicht nur im Süden immer mehr zurückgedrängt. Vielfach scheinen bekannte Hilfsorganisationen, die von staatlichen Entwicklungshilfegeldern abhängen, sich als Alibi ihrer eigenen Regierungen mißbraucht zu fühlen. Ein ziviler Mitarbeiter, der in diesem Dilemma vor Ort arbeitet, schreibt mir dazu:
„(...) The NGO I am working for does exactly what their government wants them to do, which is to establish a highly visible presence around Mazar where their pityful army of 500 or so is stationed. In other words, provide a 'human shield' of popular satisfaction with their troops, so that their army is less hated.“ Ähnliche Anzeichen gibt es in Kunduz.

Dienstag, 19. Januar 2010

Londoner Vorboten













Kabul ist an diesem 18. Januar offenbar Ziel von Terror-Anschlägen unmittelbar im Machtzentrum der Hauptstadt gewesen.
Es scheint, dass die Anschlagsserie sich u.a. gegen den Versuch wendet, Taliban aktiver in Verhandlungen und ein im Zusammenhang mit der Londoner Konferenz entworfenen Plan einzubeziehen.
Bekannte und Multiplokatoren aus Kabul - Afghanen wie Internationale - schreiben mir u.a. die folgenden Eindrücke, die das Bild in den aktuellen Tagesmedien zum Teil deutlich ergänzen bzw. nuancieren. Allen gemein ist eine grundlegendes Mißtrauen in einen politischen Lösungsansatz. Das macht nicht unbedingt zuversichtlich für die unmittelbare Zukunft.

„..über den gestrigen Angriff war wahrscheinlich schon alles aus dem Internet zu erfahren. Wir wissen davon wenig, weil das Surfen im Internet recht muehsam ist. Es war wohl ein gut koordinierter Angriff von wenigen Leuten. Die Zahlen pendeln von sieben bis zwanzig Personen, eingeleitet von Explosionen von gepanzerten Fahrzeugen, die in Kandahar gekapert worden waren. Die Hauptorte waren der Paschtunistan-Platz und die Kreuzung der Strasse, die vom Paschtunistanplatz am Serena-Hotel und dann an der Istiqlal-Schule entlang Richtung Provinzverwaltung nach Schahr-e-Nau fuehrt mit der Strasse, die vom Aussenministerium zum alten Erziehungsministerium fuehrt. Auf dieser Kreuzung wurde ein gepanzerter Sanitaetswagen zur Explosion gebracht. Das Glas in den Fenstern der angrenzenden Haeuser flog groesstenteils raus. Aber ein riesiges Plakat von Karzai mit zwei kleinen Kindern blieb unbeschaedigt an der Wand haengen. Der Sender "Ariana" berichtete davon, dass die Angreifer die Haendler in der Umgebung des Geschehens vorher aufgefordert haetten, wegzurennen. Es gaebe gleich Krieg. Das haetten die Journalisten von Leuten erfahren, die sich in Sicherheit gebracht haetten. Die Journalisten sind deshalb von Sicherheitskraeften verhaftet worden und noch nicht wieder frei. Angeblich wurden sie gefoltert. Woher man das weiss, ist nicht klar. Ebenso ist es militaertechnisch fragwuerdig, Dritte davon zu informieren, dass man gleich angreifen werde. Aber da darf man wohl nicht kleinlich sein. Die Leute sind ohnehin ueberzeugt, dass ein Teil der Regierung mit solchen Angreifern unter einer Decke steckt und von dem Angriff vorher gewusst habe. Es seien auffallend wenige und vor allem keine protzigen Autos unterwegs gewesen. Nun ja?? Dergleichen wurde schon bei frueheren Anschlaegen behauptet. Es gibt einige Minister mit Mudschaheddin-Hintergrund, die in frueheren Zeiten gut mit dem ISI zusammengearbeitet haben. Solche Leute sind auf Druck ihrer Parteien und auch der Amerikaner im Kabinett, insbesondere der Verteidigungsminister. Beim letzten Anschlag auf das Serena-Hotel im Oktober oder November wunderte ich mich ueber die guten Treffer auf das Hotel. Sonst wurden Raketen ausserhalb der Stadt abgeschossen. Da man dabei keine Lafetten benutzt, um nicht identifiziert zu werden, wird mit Raketen nur zufaellig irgendetwas getroffen. Damals aber traf man das Hotel recht gut. Einige Afghanen meinen, dass man die Raketen dann wohl im Verteidigungsministerium abgeschossen habe, dass sich jenseits des Paschtunistan-Platzes in Sichtweite des Serena-Hotels befindet. Nochmal zum aktuellen Ereignis: Die Regierung behauptete, die Angreifer haetten Urdu und Paschtu gesprochen. Die Leute sagen, dass das nicht der Fall gewesen sei. Dennoch wuerde ich davon ausgehen, dass der Anschlag bestes pakistanisches Design zeigt, in etwa Klein-Mumbai. Gestern fuhren den Rest des Tages kaum oeffentliche Verkehrsmittel und viele Geschaefte blieben geschlossen. Heute gab es noch viele Polizei in den Strassen. Aber sonst hat sich vieles beruhigt. Weitere Strassensperrungen dienen offenbar dem Verkehrsfluss. Sie sind meist auf die Stosszeiten beschraenkt.
Das Wetter ist relativ warm. Tagsueber ist es sonnig. Westlich von Kabul war alles weiss. Es heisst jedoch, dass die Schneedecke noch viel zu duenn sei. Es ist zu befuerchten, dass es im Laufe des Jahres zu Nahrungsmittelproblemen kommt...“

"It was a horrible day. Nobody speaks about the true number of casualities. They say only five deaths.
It could be a lot more worse than this."

„..I am now living next to the parliament and there are police checkpoints before you get to my place. Last night was restless for the (police) boys after the head of parliament said Taliban have hijacked armored vehicles from banks and planning to attach the parliament. The police installed huge searchlights and parked an APC outside my place. I couldn’t sleep; in the morning even street dogs looked discombobulated.
I think I’ll put blast proof film on windows today. We are on the second floor and the street is less than 50 meters. I have got a gun loaded and nearby, don’t want the motherfucker to jump over my roof when shit hits the fan.“

„You would be surprised how the common man don't give a flying fuck about taliban shows of such. Only 500 meters from the shooting, carts and shops were open and people were buying vegetable and fruits. Until the army arrived and thier bigger problem was to convince pedestrians to go home or at least to keep them far enough from shooting; everybody wanted to get a closer glance.“

"A witness said four suicide bombers entered in to a shopping center near to presidential palace. after a while another suicide bomber tried to reach an entrance gate to president office but he came under fire of guards and security forces in front of the gate soon after he explode himself, in a moment afghan security forces blocked the area. the shopping center is in the neighborhood of hotel Serena a five star luxury hotel, suicides bombers was trying to enter to hotel through the roof of the shopping center, fire exchange continued from 9 am till 11am finally the shopping center burned and all suicides bombers killed between 3 to 4 hours, 3 kilometer far from this battle field another suicide bomber attacked security forces near to foreign ministry. From early morning till 4 pm Kabul was in fear and fire.
Later in a statement president karzai said "the situation is under control of our forces" he also ordered police to investigate and find the perpetrators. Reports say 12 people have been killed and more than 70 injured, including security forces. The spokesperson of defense ministry in an interview with a local TV said defense ministry knew and had reports regarding today attacks there for the causality was less than what expected.
Today’s attack happened during inauguration ceremony of the new ministers, a day before Karzai announced an action plan for negotiation with Taliban which he will present during the London conference. This conference will be held during the end of this month. experts say that today’s attack was an answer to karzai action plan, but that rather seems to strengthen UN and US representatives view to support karzai’s efforts regarding talks with the Taliban."

"For me it was not a new event as we had so many similar reactions by the Taliban to the government's suggestions. I mean that two or three years ago when Mosharraf came to Kabul for talks about Taliban, a very strong explosion happened near the presidential office. that time I told my friends that this is a very clear message from the Taliban side to such talks between two countries' officials. They proved that nobody can talk about them or about negotiation while they don't recognize the central government.
This time, I would put emphasis on my previous words that this was a very obvious message from Taliban to say that talks during the London conference will not lead to peace if as far as they question the legitimacy of the Afghan government. It was exactly a reaction to Afghan government's talks. As mentioned it is expected hat they will bring a draft of negotiation witht the Taliban to London, or somehow mentioning that Taliban leaders will be safe, that means their name will be removed from black list.
However, I am not myself very sad of this event, because I think it causes the international community to be more determined to use force instead of stupid hopeful words of negotiation with Taliban. I believe that the only way is firstly remove some people from the gov structure, then should bring the situation to control by force; the theory of peaceful talks with Taliban has been failed according to the past 9 years experience.“

„...part of it happened in the street of the french cultural center, close to where Goethe institute also is. Some of my relatives worked near to SHAHI DOSHAMSHERA for a film shooting, but I requested them not to do so any longer...“