Freitag, 21. August 2009

Kundz Portraits: Obama-Imitat und Mutter Courage


Hier ist eine Reihe von Kurzportraits und Eindrücken der letzten Wochen aus Kunduz.
Die Beiträge sind auch im Tagesspiegel abrufbar.

Wer wählt, begibt sich in Gefahr
Impressionen vor einem entscheidenden Tag

Aliullah habe ich im Lincoln-Center getroffen, bei einem Workshop für junge Blogger. Die Hälfte der Teilnehmer waren junge Frauen. In Kundus gibt es seit einem Monat ein amerikanisches Kulturzentrum. Hunderte von englischsprachigen Büchern, Bildbänden und Videos stehen in den Regalen. Ein Dutzend Computer zur kostenlosen Nutzung machen den Nachwuchs von Kundus mit dem Internet vertraut. Die Amerikaner klotzen, auch bei der Kultur. Ein vergleichbares deutsches Kulturzentrum gibt es nicht, obwohl zivile und militärische Helfer aus der Bundesrepublik massiver vertreten sind in der Stadt als Amerikaner.

„Ich hoffe auf einen Wechsel“, sagt Aliullah. Er ist 19 und darf zum ersten Mal wählen. Sein Favorit heißt Abdullah Abdullah, der gelernte Augenarzt und vormalige Außenminister unter Präsident Karsai. „Er kann die Jüngeren begeistern“, findet Aliullah. Karsais Mannschaft sei zu alt und verbraucht. Ja, Gespräche mit den Taliban müsse es geben, auch unter einem nichtpaschtunischen Präsidenten. Allerdings hat es nur für wenige Jahre einen nichtpaschtunischen Staatsführer gegeben in der Geschichte Afghanistans. Das Gesetz der Regel spricht gegen Abdullah.

Mahbooba, die vom Alter her Aliullahs Mutter sein könnte, möchte von all dem nichts wissen. Sie wird nicht wählen gehen. Als ich anfange, nach Politik und Wahlkampf zu fragen, schaltet sie auf Abwehr. „Jeder sucht doch nur seinen persönlichen Vorteil. Die im Namen von Politik und von Parteien agieren, haben das Land in den vergangenen Jahrzehnten dahin gebracht, wo es jetzt steht.“

Mahbooba leitet die größte Textilfabrik von Kundus. Hier arbeiten rund hundert Frauen an Pfaff- Nähmaschinen. Die Hälfte der Belegschaft ist heute zu Hause geblieben. Aus Sorge um die Sicherheit. Nachrichten von Schießereien und Anschlägen auf der Hauptstraße zwischen Baghlan und Kundus in den Vortagen haben die Runde gemacht. Die beiden Tage vor der Wahl gibt Mahbooba der Belegschaft frei. Niemand will ein unnötiges Risiko eingehen.

Die afghanische Wahlkommission hat eine Liste herausgegeben, auf der sämtliche Wahllokale in Kundus aufgeführt sind. Im Büro der unabhängigen Wahlkommission Fefa hält man solche Papiere für Augenwischerei. „Viele der Lokale können in Wahrheit gar nicht aufmachen“, sagt Fefa-Mitarbeiter Habib. „Wir kennen die Lage in den Orten. Es sind Wahllokale aufgelistet in Dörfern, wo sich nicht einmal die Polizei aufhält.“

Das Telefon klingelt. Habib legt enttäuscht auf. Neun Mitarbeiter haben sich abgemeldet für den Wahltag. Offenbar ist es ihnen zu gefährlich. Ob das Nato-Militär die Wahlen sicherer gemacht habe? Nein, sagt Habib, das glaube er nicht. Für Aliullah ist Wählen Pflicht. Auch in seiner Familie wird diskutiert, wann der beste Zeitpunkt ist, sich auf den Weg zum Wahllokal zu machen. Vermutlich nachmittags, meint Alliulah, „bis dahin können wir uns hoffentlich ein Bild von der Sicherheitslage machen.“

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 19.08.2009)

Kunduz Portraits: Polizeichefin ohne Waffe


Hier ist eine Reihe von Kurzportraits und Eindrücken der letzten Wochen aus Kunduz.
Die Beiträge sind auch im Tagesspiegel abrufbar.

Afghanische Polizistin im Einsatz für die Frauen
Wie die 29-jährige Polizeibeamtin Marzia in Afghanistan gegen die häusliche Gewalt kämpft - ohne Waffe und ohne Schießausbildung. Ein Porträt.

Marzia kommt eine Stunde zu spät zu unserem Treffen. Am Morgen habe es in der Stadt einen Selbstmordanschlag gegeben. Sie habe sich erst vergewissern müssen, ob der Tatort auf dem Weg zu ihrer Arbeit liege und was passiert sei. Die Entwarnung erreicht sie etwas später, per Telefon. Eine wirkliche Erleichterung ist es nicht: Ein Selbstmordattentäter hatte sich kurz vor der Stadt vor einem Nato-Militärfahrzeug in die Luft gesprengt. Keine Opfer, heißt es. Dafür noch mehr Anspannung.

Marzias Schreibtisch steht in der Polizeikommandantur. Mit 29 ist sie die jüngste Beamtin in der Stadt, aber mit bereits zehn Jahren Berufserfahrung – daher ist sie auch Chefin von einem Dutzend Kolleginnen. Marzia trägt keine Waffe. Eine Schießausbildung hat sie nie erhalten. Ihr Gegner ist für sie schwer greifbar und doch allgegenwärtig: Es ist die häusliche Gewalt, die Frauen durch ihre eigenen Männer oder Angehörige erleiden. Marzias Waffe ist ihr psychologisches Feingefühl. Sich anbahnende Scheidungen zu verhindern, die Frau zu ihrem Recht kommen zu lassen, dafür sei sie zuständig. Sie sei für die Gepeinigten eine Anlaufstelle. Aber wie viele kommen wirklich? Ein bis zwei Fälle pro Monat, sagt Marzia und gibt zu, dass es in Afghanistan schon Mutes bedarf, um sich als Frau alleine auf den Weg zur Polizei zu machen. Und was kann sie den Frauen anbieten? Es werde ein Protokoll des Tathergangs erstellt, der Ehemann müsse sich per Unterschrift verpflichten, keine Gewalt mehr auszuüben. Aber, gibt Marzia zu, die Chancen dies tatsächlich zu überprüfen, seien gering. Kontrollbesuche der Polizei in Familien seien nicht üblich. Alle zwei Wochen kommt die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation und tauscht mit ihr Informationen zur Sicherheitslage und zur Situation der Frauen aus.

Und insgesamt gibt es für die nach Marzias Ansicht in Kundus viel Fortschritt. Ihnen stünden neue Berufe offen, aber allein schon, dass viele wieder arbeiten könnten, sei wichtig. Ihr Gehalt beträgt umgerechnet 180 US-Dollar. Mit ihrem Mann, der Taxi fährt, hat sie drei Töchtern. Miete, Autoreparaturen und Einkäufe, die Familie käme gerade so über die Runden, sagt sie. Schon Marzias Mutter war Polizistin, sie schaffte es bis in den Offiziersrang. Jetzt ist sie im Ruhestand – und so stolz auf ihre Tochter wie die auf sie. Und dass Marzia auch bei den Kollegen Respekt und Ansehen genießt, ist deutlich zu sehen. Auch daran, dass eine Begegnung mit zwei jungen Beamten von einem älteren Kollegen beaufsichtigt wurde, das Gespräch mit ihr aber völlig ungestört bleibt.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 13.08.2009)

Kunduz Portraits: forever young


Hier ist eine Reihe von Kurzportraits und Eindrücken der letzten Wochen aus Kunduz.
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Versprechen beim Tee
Wer in Afghanistan gewählt werden will, muss Gäste bewirten und konkrete Hilfe zusagen. Besuch in einem Wahlbüro.

Noch neun Tage bis zur Wahl. In alle Richtungen schwärmen Polizeifahrzeuge aus. Auf der Ladefläche sitzen ein halbes Dutzend Polizisten, einige mit Kalaschnikow, andere mit Helm und kleinen Granatwerfern. Angekündigt ist Besuch aus Masar. Die Chefs von Polizei und Armee für die nördliche Region sind gekommen, um sich über die Sicherung der Wahlen zu beraten. Zwischen den beiden schreitet ein deutscher General zur Begegnung mit dem Gouverneur. Ausnahmsweise helfen ausländische Soldaten, die Zufahrt zur Polizeikommandantur zu bewachen. Ihr afghanischer Übersetzer vergräbt sein Gesicht hinter einem Tuch und schwarzer Brille, um nicht erkannt zu werden. Fußgänger und Autos müssen Umwege in Kauf nehmen.

Die jungen Polizisten an den Checkpoints reagieren nervös. Zwischen ausladenden Helmen und Kinnriemen stecken kindliche Gesichter, die unruhig mit der Kalaschnikow vor unserem Auto gestikulieren. „Die jungen Männer in Uniform sind nicht wirklich qualifiziert für diese Art von Situation“, merkt mein afghanischer Begleiter an, „vorerst müssen wir mit dem leben, was wir haben“. Es herrscht eine merkwürdige Stimmung in der Stadt. Einerseits ist jeder Kontakt im Basar nach wie vor herzlich. Zugleich will niemand mit Ausländern auf der Straße gesehen werden.

Wir gehen in ein unscheinbares Lehmhaus, eine wackelige Holztreppe hoch. Ich treffe Shafiqullah. Mit 24 ist er der jüngste Bewerber, der bei den gleichzeitig mit der Präsidentschaftswahl stattfindenden Provinzratwahlen kandidiert. Er begrüßt mich mit festem Händedruck und einem angedeuteten Kuss auf die Wangen. Jeden Tag empfängt er bis zu 60 Gäste. Der Jugendverband, der ihn vor Jahresfrist mit einer Unterstützung von 2000 US-Dollar zur Kandidatur bewegt hat, macht sich rar. „Ich habe noch keinen Pfennig von ihnen gesehen“, klagt er. Jeden Tag hat Shafiqullah hohe Ausgaben – seine Gäste wollen bewirtet werden. „Sie erwarten auch ein Versprechen“, merkt er an. Den Bau einer neuen Schule, die Schlichtung eines Landdisputs oder eine stabile Stromversorgung. Was kann er ihnen zusagen? Er mache seine Aufwartung beim Bürgermeister und dem Gouverneur, begleitet von Älteren, sogenannten „Weißbärten“, auf deren Urteil gehört wird. Garantieren könne er nichts. Shafiqullahs Währung heißt Hoffnung.

Ein Mann mit Turban und Bart ist schon am frühen Morgen bei ihm im Büro. Sein rechter Arm ist amputiert. „15 Jahre Kampf“, merkt er mit einem Lächeln an. Erst gegen die Russen, dann im Bürgerkrieg. Gegen die Russen seien damals auch Kinder gefangen genommen worden. Einen dieser Jungen hätten er und seine Kämpfer in Kundus behalten. Er habe ihn aufgezogen, überzeugt davon, das Richtige zu tun. Heute sei der Junge, der einst ein russisches Kind war, erwachsen, konvertiert und habe zwei Kinder. Sie alle lebten friedlich unter einem Dach. Der Mann handelt heute mit Prothesen für Kriegsversehrte. Zu Shafiqullah ist er gekommen, um ihm seine Unterstützung zuzusagen. Er werde seiner gesamten Belegschaft und ihren Angehörigen empfehlen, für ihn zu stimmen. Denn Shafiqullah sei jung und nicht durch den Krieg verdorben.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 11.08.2009)

Kunduz Portraits: Offensive als Show ?


Hier ist eine Reihe von Kurzportraits und Eindrücken der letzten Wochen aus Kunduz.
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"Die gemeinsame Militäroperation von Deutschen und Afghanen vor Wochenfrist hat zu keinem positiven Ergebnis geführt", erklärt Fefa-Leiter Sayed Rahim Mosavy. Eine große Show sei das gewesen.

Fefa, die einzige unabhängige Organisation afghanischer Wahlbeobachter, ist bekannt für eigenständiges Denken – und das ist keine Selbstverständlichkeit in der zunehmend hierarchisierten afghanischen Wirklichkeit. „Die gemeinsame Militäroperation von Deutschen und Afghanen vor Wochenfrist hat zu keinem positiven Ergebnis geführt“, erklärt Fefa-Leiter Sayed Rahim Mosavy. Eine große Show sei das gewesen, findet er. Es sei nur logisch, dass Polizei, Armee und Nato-Militär so kurz vor den Wahlen um eine gute Presse bemüht seien.

Im Fernsehen zeigte Kundus-TV vier festgenommene Taliban, die mit den Köpfen zur Wand stehen, die Arme mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt. Stalinistische Bilder. Einer der Männer ist durch einen Streifschuss am Fuß verletzt. Daneben zeigt die Kamera auf einem Tisch einen Zünder, Kabel und eine Tellermine. Eine Gruppe afghanischer Journalisten ist auch da und rätselt über die Identität der mutmaßlichen Täter. „Fragen stellen war nicht erlaubt“, sagt einer von ihnen später. Demonstrative Festnahmen dieser Art häuften sich, je näher der Wahltermin rücke.

General Abdul Resaq Yaqubi, der Polizeichef von Kundus, täuscht eine große Ruhe vor. Dabei geht sein Atem schwer. Die Verantwortung drückt sichtlich auf seine Schultern. Der General empfängt uns im hintersten Winkel seines Arbeitszimmers, wo ihn dicke Plüschsessel einrahmen.

„Von meinen eigenen Leuten suchen viele nur einen geldwerten Vorteil. Mit allerlei Mitteln“, sagt er leise und atmet tief aus. Sein Gesicht drückt Skepsis aus, aber wenn er spricht, hört man über die Deutschen und das US-Militär in Kundus nur Lob von ihm. Brücken, Straßen, Bildungseinrichtungen seien entstanden. Es klingt alles ein wenig aufgesagt. An der Wand hängt eine Karte der Provinz Kundus mit kleinen Pappfiguren und Schablonen. Wie in einem Strategiespiel. „Der Sicherheitsplan für die Endphase des Wahlkampfs“, erklärt er mit einem Zeigestab aus Metall. 400 Polizisten mehr erwarte er aus Kabul. Wie wahrscheinlich das sei? 90 Prozent, sagt er. Seine Mimik spricht eine andere Sprache.

Die Stadt sei ruhig, meint der Polizeichef, bevor unser Tee zur Neige geht. Zwei Stunden später wird ein französischer Journalist Zeuge einer wilden Schießerei, einen Steinwurf vom Polizeikommissariat entfernt. Mehrere Wagen mit aufgepflanztem Maschinengewehr auf dem Kühler verfolgen ein verdächtiges Auto. Mitten im Basar wird scharf geschossen, ein halbes Dutzend Mal. In Panik rennen Menschen in Geschäftseingänge. Nicht jeder findet Schutz. Weinende Stimmen von Frauen sind zu vernehmen. Andere straucheln in der Menge, gehen zu Boden.

Prognosen, selbst des amtlichen Polizeichefs, haben kurze Halbwertzeiten.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.08.2009)

Kundus Portraits: Filmdreh mit Folgen




Hier ist eine Reihe von Kurzportraits und Eindrücken der letzten Wochen aus Kunduz.
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Ich konnte sie bisher nicht in den Blog stellen, weil das Internet hier zu langsam arbeitet.

Filmdreh in Afghanistan
Ein 19-jähriger Schüler dreht einen Film – jetzt hat er Schulden und Feinde. Sein Stamm hat sich von ihm distanziert - doch gleichzeitig ist die Region stolz auf ihn.

Früher wurden die Träume junger Filmenthusiasten auf Zelluloid gebannt. Heute gibt es Handycams. Die Wirklichkeit wird digitalisiert, überall auf der Welt. Längst auch in Kundus, wo der Staub ohnehin ein Feind herkömmlicher Filmbänder ist. Träume haben die jungen Menschen hier viele. Von einem freieren Leben, Wohlstand und ein wenig Unterhaltung.

Gulham ist 19, geht noch zur Schule und hat sich gleich zwei Wünsche erfüllt. Er hat einen Film gedreht und spielt auch die Hauptrolle darin. Eine Liebesgeschichte, die tragisch endet und in der die Frau seiner Wünsche von Männern mit Waffengewalt von ihm getrennt wird. Dramaturgisch ist der Film ein Abklatsch von Bollywood. Die Bösen tragen Bärte, Turbane und blicken finster drein. Gulham als Held im Film trägt glitzernde Nylonhemden in grellen Farben.

300 Jugendliche und erwachsene Würdenträger kommen zur Vorführung in eine Aula am Rande der Stadt. Früh um 8.30 Uhr geht es los, steht auf der Einladungskarte. Um halb elf werden immer noch Lobreden gehalten. Lange Zeit hat sich hier kein Jugendlicher an ein so aufwendiges Unternehmen gewagt. Jetzt hat Gulham Schulden. Und er hat sich Feinde gemacht mit dem Film. Auch und gerade in der eigenen Familie. „Je mehr ich gedreht habe in den vergangenen vierzehn Monaten, desto mehr haben sich mein Dorf und mein Stamm gegen mich gestellt“, erzählt er. Sie mieden ihn, er könne nicht mehr zu ihnen aufs Land fahren.

Warum? „Film und Schauspielkunst gelten ihnen als unrein, als etwas, das die Ehre der Familie beschmutzt.“ Nur sein Vater, der den größten Teil des Geldes zugeschossen hat, stehe zu ihm. Die Filmvorführung wird überlagert vom Röhren der Ventilatoren. In der Aula ist es stickig und heiß. Der Vertreter des Ministeriums für Kultur und Information, der sich an diesem Morgen die Ehre gibt, lässt es an Ambivalenz nicht missen. „Es ist gut, wenn junge Menschen aus Afghanistan Filme für die Menschen in Kundus machen. Wir importieren ja sonst nur Filme aus dem Ausland. Viele davon können Vater und Tochter nicht einmal gemeinsam zu Hause ansehen. Immer wieder sind es Geschichten, in denen ein Mann und eine Frau sich verlieben und am besten küssen sollen. Aber sieht so wirklich ein Film aus“, fragt er.

Der Konflikt liegt förmlich in der schwülen Luft der Aula von Kundus, ist mit Händen zu greifen. Aber er verhallt. Keiner würde eine solche Frage hier ernsthaft öffentlich diskutieren. Stattdessen sind alle stolz. Als Gastgeber in Kundus haben sie den Gästen aus Kabul bewiesen, dass auch in der Provinz Filme entstehen. Und das unter schwierigen Sicherheitsbedingungen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.08.2009)

Samstag, 18. Juli 2009

Kassandra und ein Wahlkampf








Der Polizei-Chef von Daikundi und seine Leute (Bild) sind, wie im vorherigen Kapitel beschrieben nicht Opfer der Taliban, sondern Gejagte der Verhältnisse, für die
Karsai-Regierung und die internationalen Akteure zuständig sind bzw. die diese
nicht aktiv genug verhindern. Über die Lage einen Monat vor der Wahl siehe folgenden
Beitrag im Tagesspiegel.

Eine Prognose lässt sich schon jetzt treffen. Viele Afghanen
werden am 20.August nicht zur Wahl gehen, wenn der
Nachfolger von Präsident Hamid Karsai gesucht wird und
in allen Regionen zugleich neue Provinzräte zur
Abstimmung stehen.
Wie in Deutschland ist die Wahlmüdigkeit am Hindukusch
gross, die zarte Pflanze Demokratie durch fehlende
Sicherheit und ein Klima verbreiteter Korruption geprägt.
„Karsai und seine Regierung dienen nicht dem Volk
sondern arbeiten allein für ihren eigenen Vorteil“, schimpft
ein Taxifahrer, „schauen sie sich die Schlaglöcher auf der
Strasse an. Jetzt zahlen wir Steuern. Aber warum fliesst
dieses Geld nicht in eine bessere Infrastruktur ?“.
Taxifahrer sind ein Gradmesser für Volkes Stimme.
Mit Blick auf das Wahlergebnis ergibt sich gleichwohl
kein klares Meinungsbild gut einen Monat vor der Wahl.
Und obwohl Wähler zum Teil heftige Kritik an
Präsident Karsai äußern finden viele, er sei der einzige
Garant für gute Beziehungen zur internationalen
Gemeinschaft um die nötigen Hilfsgelder nach
Afghanistan zu holen.
Die Kritik von US-Regierung und Europäern an Karsai
wird in den vergangenen Monaten merklich hinter den
Kulissen geführt. Nicht mehr öffentlich, wie noch zu
Antritt der Obama-Regierung. Fast scheint es, als hätten
sich die Geberländer, mehr schlecht als recht, auf Karsais
Widerwahl festgelegt.
Dieser hat vor Beginn der heissen Wahlkampfphase
zahlreiche Vereinbarungen mit einflussreichen warlords,
Gouverneuren, Parteichefs und Stammesältesten
geschlosssen und diesen im Gegenzug Teilhabe an der
Macht versprochen bei erfolgreicher Wiederwahl.
Ganz sicher scheint sich Karsai seiner Sache dennoch
nicht zu sein. Glaubt man EU-Beobachtern, dann
bestechen sowohl Karsai wie auch sein vermutlich grösster
Rivale, der ehemalige Aussenminister Abdullah
Abdullah aud dem Lager der Tadjiken Stammesälteste
mit Geldsummen im vier- bis fünfstelligen Bereich um
sich so ihre Gunst zu erkaufen. Die Wahlempfehlung
dieser Ältesten wiederum dürfte - gerade in ländlichen
Gegenden mit geringer Bildung - von den meisten
Stammesangehörigen als verbindlich interpretiert werden.
“Ansonsten ist die Ausgangslage ganz anders als
vor fünf Jahren„ , meint Grant Kippen,
US-Amerikaner und Mitglied der unabhänigen
Beschwerdekommission ECC. Aufgrund der angespannten
Sicherheitslage mit Kämpfen in vielen Provinzen
sei vielerorts unklar, ob die Bevölkerung tatsächlich
wählen könne. Zwar hat die staatliche Wahlkommission
jedem der über 40 Präsidentschaftskandidaten bis zu 20
body guards zum Schutz in Aussicht gestellt.
Tausende von Kandidaten für die Provinzräte aber müssen
ihre Sicherheit selbst organisieren. „Ohne Schutz bin ich
ein einfaches Ziel für die Taliban“, sagt Fazlullah,
Kandidat in der umkämpften Provinz Helmand.
In Wardak, der mittlerweile talibanisierten Nachbarprovinz
von Kabul, verzichten viele Kandidaten auf die übliche
Wahlkampftour mit dem VW-Bus/Mini-Bus. Selbst in
Kunduz, wo die deutschen Truppen stehen, könne
von einer freien Wahl nicht die Rede sein, meint ein
afghanischer Korrespondent von ‚Voice of America’.
„An der Oberfläche scheint alles ruhig in Kunduz. Aber
viele Menschen haben Angst, aus dem Haus zu gehen.“
In Mazar, wo das Zentrallager von Bundeswehr und NATO
für den Norden steht, wurden vergangene Woche ein Mitglied
der afghanischen Wahlkommission samt Bewacher
erschossen. Die Präsidentschaftskandidaten halten sich
vor diesem Hintergrund bisher mit Reisen in die Provinzen
zurück. Das Stadt-Land-Gefälle könnte grösser nicht sein.
Ähnliche Sorgen plagen die unabhängigen Wahlbeobachter,
deren Präsenz für einen fairen Urnengang garantieren soll.
„Unser Ziel ist es, in 75 Prozent der Distrikte präsent zu
sein“, sagt eine Sprecherin der unabhängigen
Beobachterorganisation FEFA, “aber zur Zeit verfügen
wir landesweit nur über einen Bruchteil des Personals,
das wir brauchen.“
Die Hoffnung, das US- und NATO-Militär die Sicherheit
bis zum Wahltermin noch verbessern, hat man bei FEFA
längst aufgegeben. „Die Verstärkung durch ausländisches
Militär kommt viel zu spät, um für ein sichereres
Umfeld zu sorgen“, meint Jandad Spinghar, FEFA-
Geschäftsführer. “Wo US- oder NATO-Militär auftaucht,
sichern sie das Terrain manchmal nur für Stunden oder
Tage. Dann sind sie wieder weg, aber die Bevölkerung
ist den Aufständischen umso stärker ausgesetzt.“
Führende Taliban haben zum Boykott der Wahl aufgerufen
Sie schüchtern die Bevölkerung ein, nicht an einer in ihren
Augen fremdbestimmten Wahl teilzunehmen.
Zugleich haben Vereinte Nationen und Karsai-Regierung
Taliban und ihre Anhänger zur Teilnahme an der Wahl
eingeladen. Was wie ein Paradox klingt ist in Wahrheit
der Versuch, möglichst wenig Gewalt im Vorfeld des
Urnengangs zu provozieren. Der erste Monat
Wahlkampf verlief vergleichsweise unblutig. Eine
Garantie für die kommenden vier Wochen ist das nicht.
Auf dem Papier sind dies die ersten Wahlen, die die
afghanischen Behörden selbst organisieren. Bei den letzten
Urnengängen hatten noch die Vereinten Nationen den Hut
auf. Allerdings merken internationale Beobachter an, dies
sei nicht mehr als „ein gehöriges Feigenblatt“. Tatsächlich,
so heisst es, sei die afghanische Wahlkommission
vollkommen überfordert und unverändert auf logistische
Hilfe der Internationalen angewiesen, u.a. um Wahlurnen
und –material in die entfernten Provinzen zu befördern.
Die Geberländer sind es auch, die mit über 200 Millionen
Dollar das Gros des Budgets für die Wahl stellen.
„Wer der Zahlmeister ist, der hat auch die Macht“,
besagt ein afghanisches Sprichwort.
Der Vorsitzende der afghanischen Wahlkommission,
Azizullah Lodin, gilt zudem als ein ausgemachter
Parteigänger von Präsident Karsai. Er und seine Behörde
werden für zahlreiche Manipulationen in den vergangenen
Wochen verantwortlich gemacht.
So sind in einigen der paschtunischen Distrikte
dreimal soviel weibliche Wähler registriert wie
tatsächlich dort leben. FEFA klagt, Präsident Karsai
nutze ungeniert staatliche Dienste und den Apparat
von Provinzregierungen für seine Kampagne, während
er dies allen anderen Kandidaten per Dekret untersagt
habe.
Karsais Poster sind omnipräsent an Hauswänden
landesweit. Im Fernsehen hat er ein klares Übergewicht bei
der Sendezeit. Wie vor 5 Jahren ist es ein Rennen von
Ungleichen.
Zwielichtig ist auch die Rolle der unabhängigen
Beschwerdekommission ECC, die aus Afghanen wie
Ausländern zusammengesetzt ist. “Wir haben im Vorfeld
56 Kandidaten für die Provinzwahl ausgeschlossen und
zwei Bewerber unter den Präsidentschaftskandidaten“,
sagt Grant Kippen stolz.
Faktisch aber bleibt seine Organisation ein zahnloser Tiger,
denn jene einflussreichen Kandidaten, die unverändert
über bewaffnete Milizen verfügen und wegen
Menschenrechtsverstössen eigentlich nicht teilnehmen
dürften, bleiben unbelangt.
So tragen der Westen und die internationale Gemeinschaft
Mitschuld an einem System, das diejenigen hoffähig macht
und amnestiert, die tatsächlich Blut an den Händen haben.
Und so erklärt sich auch ein grosser Teil der
Politikmüdigkeit und enttäuschten Hoffnungen der
Bevölkerung über die neue Demokratie.

Dienstag, 14. Juli 2009

Daikundi: vergessene Provinz im Griff der warlords



(siehe zum Thema auch folgenden Artikel im Tagesspiegel)

Zwei Dutzend Männer rammen eiserne Spitzhacken mit voller Kraft in den Berg aus Lehm, der sich vor ihnen auftürmt. In der sengenden Sonne, die schon früh morgens gnadenlos scheint, rinnt ihnen der Schweiss über Gesicht und Kleider. Mit jedem der Schläge trotzdem sie dem Berg ein paar Zentimeter ab. Nicht ohne Gefahr. Gelegentlich lösen sich lawinenartige Schollen vom Hang, die die Arbeiter unter sich begraben können.
Die Schotterpiste ist in Wirklichkeit eine Hauptstrasse. Ein Wagen und ein Esel haben hier nebeneinander Platz. Autos verirren sich nur gelegentlich hierher. Daikundi, erst seit 2004 eine eigene Provinz auf der Landkarte Afghanistans, liegt jenseits der ohnehin schwer zugänglichen afghanischen Wirklichkeit. Zwei Tage beschwerlicher Anfahrt von Kabul braucht es mit dem Allrad-Antrieb bis hinauf in abgeschiedene Täler, die auf keiner Karte verzeichnet sind.
Entlang des Schotterwegs begegnen einem biblische Bilder. Eine Frau auf dem Rücken eines Esels. In den Armen ein Neugeborenes, gewickelt in ein Tuch. Ein Mädchen als Schafhirte, das Dutzende Tiere wie an einer Perlenkette vor sich hertreibt. Die verhärteten Augen von Kindern, die nie eine Kindheit gesehen haben. Mit bräunlich gefleckter Haut, Zeichen für chronische Unterernährung.
„80 Prozent der Menschen in Daikundi haben keine Zeit sich um die Wahlen zu kümmern“, hat mir Ali Amiri in Kabul mit auf den Weg gegeben. Amiri ist selbst im zentralen Hochland von Afghanistan gross geworden. „Die Menschen sind täglich mit dem Überleben beschäftigt, es gibt keine Zeit sich mit etwas Anderem abzugeben“. Ali Amiri hat, wie viele in Daikundi, aus der Not eine Tugend gemacht. Seine Familie ist in den Iran imigriert. Dort hat er promoviert, über Wittgenstein. Jetzt lehrt er in Kabul an einer Privatuniversität.
Je näher die Wahlen rücken, desto unruhiger würden manche Menschen, redet er zunächst in Rätseln. „Ich meine die warlords, von denen bis heute viele in Daikundi ihr Unwesen treiben. Aus Kabul dirigieren sie Anhänger und Stellvertreter im entfernten Hochland. Stimmenkauf gehört dazu“.


Dabei zeigt die Natur in Daikundi in diesen Tagen ihr freundliches Gesicht. Nur im Sommer wächst auf den kargen Böden des Hazarajat überhaupt etwas. Auf den Gipfeln schmilzt der Schnee. Das Wasser wird für kurze Zeit zur Lebensader für Mensch und Tier. Wenig mehr als fünf Monate gross ist das Zeitfenster, in dem die Bauern ihr Überleben sichern müssen, bevor die Kälte jedes Tal wieder von der Aussenwelt abtrennt.
Aussaat, ernten, Vorrat anlegen. So geht es seit alters her. Kein Regime, kein Krieg, kein Wiederaufbauprogramm kann daran etwas ändern. Die Naturgewalten bestimmen in Daikundi den Takt des Lebens. Überall vor den Lehmhäusern türmt sich getrockneter Kuhmist als Brennstoff und Dünger, von Kindern in Spülhandschuhen tellergross geformt.
Lange hat es dieses Jahr gebraucht, bis der Schnee den Boden aus seinem Griff freigegeben hat. Während weite Teile Afghanistans nach viel Regen Rekordernten entgegensehen, blieben die Bauern in Dakundi zur Untätigkeit verdammt. Die Speicher drohen leer zu bleiben. Viele Bewohner sind längst in den Iran emigriert.
Der Bautrupp aus Bauern, junge wie ältere mit weissen Bärten und Turban, arbeitet für Essbares. „Food for work“ nennt sich der einfachste Handel der Entwicklungshilfe. Für ihr Tageswerk bekommen die Männer Rationen aus Getreide, Bohnen und Speiseöl. Caritas treibt so einen Strassenbau voran, der ein gottvergessenes Tal im Bezirk Bandar mit der Provinzhauptstadt Nili verbinden soll. Nach vorhandenen Plänen sollen rund 11.000 Menschen von der Trasse profitieren. Solche Schätzungen sind wie immer mit reichlich Optimismus versehen.
Die Bewohner von Daikundi nennen ihr Gebiet die „vergessene Provinz“. In fernen Kabul sonnen sich die Akteure in den neuen politischen Institutionen. Berichte internationaler Hilfsorganisationen lesen sich wie ein verklausuliertes Schuldeingeständnis unterlassener Hilfeleistung an die Region im zentralen Hochland.
In Daikundi wird nicht gekämpft. Es gibt kein Militär. Keinen einzigen afghanischen Soldaten. Auch keine US- oder NATO-Truppen. Statt weniger fremden Einfluss wünschen die Menschen sich hier mehr ausländische Präsenz. Ein militärisches Aufbauteam steht auf der Wunschliste der Provinzregierung. Ob und wann es kommt scheint fraglich.
Daikundi, die friedliche Provinz, teilt eine gemeinsame Grenze mit Helmand, dem am stärksten umkämpften Teil des Landes. Einige Taliban weichen mittlerweile in den Süden von Daikundi aus, um dort Schutz zu suchen vor Amerikanern und Briten. Der Süden von Daikundi ist für internationale Helfer no-go-area. Eine Ausweitung des Konflikts auf die ganze Provinz scheint allerdings wenig wahrscheinlich. Die Trennung zwischen ethnischen Paschtunen und schiitischen Hazara, wirkt als natürliche Grenze.
Ein unsichtbares Band verbindet Daikundi mit Kabul. Einflussreiche warlords und Milizenführer der Hazara sitzen längst als gewendete Politiker in Regierung, Parlament und Behörden. Ihre Dienste haben sie erfolgreich dem neuen Umfeld angepasst. Von Kabul aus machen sie ihren Einfluss bis in das letzte Tal von Daikundi geltend.
Sehr zum Unmut recht schaffender Menschen wie Reza Rezai. Der Polizeichef im Distrikt Bandar muss mit kaum 30 Beamten auskommen in einem Gebeit so gross wie ein mittelgrosses Bundesland. Hilfe aus Kabul hat er abgeschrieben. In der Haupstadt, so Rezai, betrieben ein paar Parlamentarier seine Entlassung. Es fällt der Name Shirin Mohseni. Die Abgeordnete, von der er spricht, gehört wie er zur Gruppe der Hazara. Ansonsten verbindet die beiden eine Feindschaft. Shirin Mohseni gilt als politische Strohpuppe ihres Mannes, Arif Dawari. Der ist ein warlord aus Daikundi mit Einfluss bis hoch in die Regierung.
Dreissig Morde, Vergewaltigung, Zwangsheiraten, private Gefägnisse und Drogenhandel werden Dawari von mehreren Menschenrechtsinitiativen zur Last gelegt. Eine Gruppe sogenannter ‚Opfer von Daikundi’ hat eine Liste seiner Greueltaten zusammengestellt.
Bis vor Kurzem war Reza Rezai Polizei-Chef in Dawaris Heimatdistrikt. Der drängte ihn, inhaftierte Gefolgsleute vorzeitig freizulassen. Weil sich Rezai weigerte schob man ihn auf einen anderen Posten ab. Dawaris hat drei Frauen. Shirin Mohseni, die Abgeordnete in Kabul, ist eine davon. Zwangsverheiratet. Einen ordentlichen Schulabschluss hat sie nicht. Als unser Gespräch auf das Thema warlords zu sprechen kommt, bricht sie ab. Es wird ihr alles zu viel.
Dawari ist den Pakt mit dem Teufel eingegangen. Als die Taliban 1998 das zentrale Hochland eroberten und zahlreiche Massaker unter den Hazara anrichteten, suchten sie Handlanger beim Feind. Dawari war zur Stelle. Jüngst liess er sich in den Sicherheitsrat seines Heimatdistrikts wählen.
Reza Rezai, der Polizei-Chef, ringt um Antworten. Wenige Wochen vor der Präsidentenwahl, bei der zugleich neue Provinzräte gewählt werden, kann er verstehen, dass viele seiner Landsleute ängstlich und skeptisch auf den Urnengang schauen.
„Bei den letzten Wahlen vor fünf Jahren herrschte Hoffnung, dass Demokratie auch Gerechtigkeit bedeuten würde und Schuldige zur Verantwortung gezogen würden“, erklärt der Leiter einer afghanischen Hilfsorganisation. Stattdessen blühe unter der Regierung Karsai die Korruption.
Karsais Poster sind die ersten Wahlplakate, die im Basar von Bandar hängen. Ein paar Kinder kleben sie an Türen und Wände. Der Mann, der sie früh morgens in der Stadt verteilt habe, sei längst wieder verschwunden, so die Jungen. Sie wundern sich, dass er keine Poster anderer Kandidaten dabei hatte. Ein Zufall?
Für Fatima, die noch zur Schule geht, wären fünf weitere Jahre unter Karsai gleichbedeutend mit Stillstand. Die 19-jährige spricht ein wenig Englisch und besticht durch ihr Selbstbewusstsein. „Tun Sie etwas, damit endlich mehr Bildungsangebote nach Daikundi kommen“, redet sie mit ernster Mine auf den Journalisten ein.
Dann muss sie zur Schule. Eine Prüfung ablegen. Ahmad, ein Mitarbeiter der Caritas,
lobt ihren Mut und ihre Initiative. Er sieht in ihr eine kommende Führungskraft. Aber wer gibt Fatima eine Chance? Die neuen Kräfte der zarten Pflanze Zivilgesellschaft werden bisher von oben kaum gefördert. Es zählt die Reputation der Altgestrigen, auch wenn diese Schmutz oder Blut an den Händen haben.
Auch für Caritas birgt dies Konfliktstoff. Vor zwei Jahren hat die Hilfsorganisation eine kleine Klinik im Bezirk gebaut. Kranke und Schwangere mussten endlich nicht mehr Dreitagestouren auf dem Esel oder mit dem Motorrad zurücklegen. Mittlerweile hat der Ruf der Klinik stark gelitten. Der Medikamenten-Schrank ist oft leer. Es fehlt an Krankenpflegern und Hebammen. Der Chefarzt bekommt seit Monaten kein Gehalt und hat seine Kündigung eingereicht.
Die Klinik ging nach dem Bau in Verantwortung einer örtlichen Hilfsorganisation über, die als korrupt gilt und Verbindungen zur Regierung in Kabul unterhält. Die Menschen in Daikundi trauen den neuen Verhältnissen nicht über den Weg. Nur bessere Kontrolle durch die internationalen Organisationen könne den Morast aus Korruption in Daikundi trocken legen, ist ein afghanischer Verantwortlicher überzeugt. Die Klinik von Sang-e-Takht hat die EU finanziert. Aber dort regt sich kein Finger.
Eingreifen oder zuschauen? „Kurzfristige Nothilfe, zumal losgelöst von afghanischen Strukturen, endet oft in einer Sackgasse“, sagt Marianne Huber von Leiterin des Caritas-Büro in Kabul. Es brauche längerfristige Pläne statt immer wieder punktuelle Aktionen, die oft wenig koordiniert erschienen.
Viel ist von Asymmetrien die Rede dieser Tage. Zwischen hochgerüstetem Nato-Militär und Taliban-Kämpfern, die sich unter die Bevölkerung mischen. Die Asymmetrie, die in Daikundi herrscht, ist eine zwischen Mächtigen mit der Waffe und Ohnmächtigen. Zwischen wehrlosen Polizeichefs, die gejagt werden statt selber die Initiative zu haben. Zwischen amnestierten warlords, die von der internationalen Gemeinschaft seit sieben Jahren gestützt werden, und Opfern, die ihre Frustration eines ums andere Mal schlucken. Asymmetrie auch in der Entwicklungshilfe, die das richtige Verhältnis zwischen Nothilfe und der Förderung demokratischer Strukturen sucht.