Freitag, 21. August 2009

Kundus Portraits: Filmdreh mit Folgen




Hier ist eine Reihe von Kurzportraits und Eindrücken der letzten Wochen aus Kunduz.
Die Beiträge sind auch im Tagesspiegel abrufbar.

Ich konnte sie bisher nicht in den Blog stellen, weil das Internet hier zu langsam arbeitet.

Filmdreh in Afghanistan
Ein 19-jähriger Schüler dreht einen Film – jetzt hat er Schulden und Feinde. Sein Stamm hat sich von ihm distanziert - doch gleichzeitig ist die Region stolz auf ihn.

Früher wurden die Träume junger Filmenthusiasten auf Zelluloid gebannt. Heute gibt es Handycams. Die Wirklichkeit wird digitalisiert, überall auf der Welt. Längst auch in Kundus, wo der Staub ohnehin ein Feind herkömmlicher Filmbänder ist. Träume haben die jungen Menschen hier viele. Von einem freieren Leben, Wohlstand und ein wenig Unterhaltung.

Gulham ist 19, geht noch zur Schule und hat sich gleich zwei Wünsche erfüllt. Er hat einen Film gedreht und spielt auch die Hauptrolle darin. Eine Liebesgeschichte, die tragisch endet und in der die Frau seiner Wünsche von Männern mit Waffengewalt von ihm getrennt wird. Dramaturgisch ist der Film ein Abklatsch von Bollywood. Die Bösen tragen Bärte, Turbane und blicken finster drein. Gulham als Held im Film trägt glitzernde Nylonhemden in grellen Farben.

300 Jugendliche und erwachsene Würdenträger kommen zur Vorführung in eine Aula am Rande der Stadt. Früh um 8.30 Uhr geht es los, steht auf der Einladungskarte. Um halb elf werden immer noch Lobreden gehalten. Lange Zeit hat sich hier kein Jugendlicher an ein so aufwendiges Unternehmen gewagt. Jetzt hat Gulham Schulden. Und er hat sich Feinde gemacht mit dem Film. Auch und gerade in der eigenen Familie. „Je mehr ich gedreht habe in den vergangenen vierzehn Monaten, desto mehr haben sich mein Dorf und mein Stamm gegen mich gestellt“, erzählt er. Sie mieden ihn, er könne nicht mehr zu ihnen aufs Land fahren.

Warum? „Film und Schauspielkunst gelten ihnen als unrein, als etwas, das die Ehre der Familie beschmutzt.“ Nur sein Vater, der den größten Teil des Geldes zugeschossen hat, stehe zu ihm. Die Filmvorführung wird überlagert vom Röhren der Ventilatoren. In der Aula ist es stickig und heiß. Der Vertreter des Ministeriums für Kultur und Information, der sich an diesem Morgen die Ehre gibt, lässt es an Ambivalenz nicht missen. „Es ist gut, wenn junge Menschen aus Afghanistan Filme für die Menschen in Kundus machen. Wir importieren ja sonst nur Filme aus dem Ausland. Viele davon können Vater und Tochter nicht einmal gemeinsam zu Hause ansehen. Immer wieder sind es Geschichten, in denen ein Mann und eine Frau sich verlieben und am besten küssen sollen. Aber sieht so wirklich ein Film aus“, fragt er.

Der Konflikt liegt förmlich in der schwülen Luft der Aula von Kundus, ist mit Händen zu greifen. Aber er verhallt. Keiner würde eine solche Frage hier ernsthaft öffentlich diskutieren. Stattdessen sind alle stolz. Als Gastgeber in Kundus haben sie den Gästen aus Kabul bewiesen, dass auch in der Provinz Filme entstehen. Und das unter schwierigen Sicherheitsbedingungen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 07.08.2009)

Samstag, 18. Juli 2009

Kassandra und ein Wahlkampf








Der Polizei-Chef von Daikundi und seine Leute (Bild) sind, wie im vorherigen Kapitel beschrieben nicht Opfer der Taliban, sondern Gejagte der Verhältnisse, für die
Karsai-Regierung und die internationalen Akteure zuständig sind bzw. die diese
nicht aktiv genug verhindern. Über die Lage einen Monat vor der Wahl siehe folgenden
Beitrag im Tagesspiegel.

Eine Prognose lässt sich schon jetzt treffen. Viele Afghanen
werden am 20.August nicht zur Wahl gehen, wenn der
Nachfolger von Präsident Hamid Karsai gesucht wird und
in allen Regionen zugleich neue Provinzräte zur
Abstimmung stehen.
Wie in Deutschland ist die Wahlmüdigkeit am Hindukusch
gross, die zarte Pflanze Demokratie durch fehlende
Sicherheit und ein Klima verbreiteter Korruption geprägt.
„Karsai und seine Regierung dienen nicht dem Volk
sondern arbeiten allein für ihren eigenen Vorteil“, schimpft
ein Taxifahrer, „schauen sie sich die Schlaglöcher auf der
Strasse an. Jetzt zahlen wir Steuern. Aber warum fliesst
dieses Geld nicht in eine bessere Infrastruktur ?“.
Taxifahrer sind ein Gradmesser für Volkes Stimme.
Mit Blick auf das Wahlergebnis ergibt sich gleichwohl
kein klares Meinungsbild gut einen Monat vor der Wahl.
Und obwohl Wähler zum Teil heftige Kritik an
Präsident Karsai äußern finden viele, er sei der einzige
Garant für gute Beziehungen zur internationalen
Gemeinschaft um die nötigen Hilfsgelder nach
Afghanistan zu holen.
Die Kritik von US-Regierung und Europäern an Karsai
wird in den vergangenen Monaten merklich hinter den
Kulissen geführt. Nicht mehr öffentlich, wie noch zu
Antritt der Obama-Regierung. Fast scheint es, als hätten
sich die Geberländer, mehr schlecht als recht, auf Karsais
Widerwahl festgelegt.
Dieser hat vor Beginn der heissen Wahlkampfphase
zahlreiche Vereinbarungen mit einflussreichen warlords,
Gouverneuren, Parteichefs und Stammesältesten
geschlosssen und diesen im Gegenzug Teilhabe an der
Macht versprochen bei erfolgreicher Wiederwahl.
Ganz sicher scheint sich Karsai seiner Sache dennoch
nicht zu sein. Glaubt man EU-Beobachtern, dann
bestechen sowohl Karsai wie auch sein vermutlich grösster
Rivale, der ehemalige Aussenminister Abdullah
Abdullah aud dem Lager der Tadjiken Stammesälteste
mit Geldsummen im vier- bis fünfstelligen Bereich um
sich so ihre Gunst zu erkaufen. Die Wahlempfehlung
dieser Ältesten wiederum dürfte - gerade in ländlichen
Gegenden mit geringer Bildung - von den meisten
Stammesangehörigen als verbindlich interpretiert werden.
“Ansonsten ist die Ausgangslage ganz anders als
vor fünf Jahren„ , meint Grant Kippen,
US-Amerikaner und Mitglied der unabhänigen
Beschwerdekommission ECC. Aufgrund der angespannten
Sicherheitslage mit Kämpfen in vielen Provinzen
sei vielerorts unklar, ob die Bevölkerung tatsächlich
wählen könne. Zwar hat die staatliche Wahlkommission
jedem der über 40 Präsidentschaftskandidaten bis zu 20
body guards zum Schutz in Aussicht gestellt.
Tausende von Kandidaten für die Provinzräte aber müssen
ihre Sicherheit selbst organisieren. „Ohne Schutz bin ich
ein einfaches Ziel für die Taliban“, sagt Fazlullah,
Kandidat in der umkämpften Provinz Helmand.
In Wardak, der mittlerweile talibanisierten Nachbarprovinz
von Kabul, verzichten viele Kandidaten auf die übliche
Wahlkampftour mit dem VW-Bus/Mini-Bus. Selbst in
Kunduz, wo die deutschen Truppen stehen, könne
von einer freien Wahl nicht die Rede sein, meint ein
afghanischer Korrespondent von ‚Voice of America’.
„An der Oberfläche scheint alles ruhig in Kunduz. Aber
viele Menschen haben Angst, aus dem Haus zu gehen.“
In Mazar, wo das Zentrallager von Bundeswehr und NATO
für den Norden steht, wurden vergangene Woche ein Mitglied
der afghanischen Wahlkommission samt Bewacher
erschossen. Die Präsidentschaftskandidaten halten sich
vor diesem Hintergrund bisher mit Reisen in die Provinzen
zurück. Das Stadt-Land-Gefälle könnte grösser nicht sein.
Ähnliche Sorgen plagen die unabhängigen Wahlbeobachter,
deren Präsenz für einen fairen Urnengang garantieren soll.
„Unser Ziel ist es, in 75 Prozent der Distrikte präsent zu
sein“, sagt eine Sprecherin der unabhängigen
Beobachterorganisation FEFA, “aber zur Zeit verfügen
wir landesweit nur über einen Bruchteil des Personals,
das wir brauchen.“
Die Hoffnung, das US- und NATO-Militär die Sicherheit
bis zum Wahltermin noch verbessern, hat man bei FEFA
längst aufgegeben. „Die Verstärkung durch ausländisches
Militär kommt viel zu spät, um für ein sichereres
Umfeld zu sorgen“, meint Jandad Spinghar, FEFA-
Geschäftsführer. “Wo US- oder NATO-Militär auftaucht,
sichern sie das Terrain manchmal nur für Stunden oder
Tage. Dann sind sie wieder weg, aber die Bevölkerung
ist den Aufständischen umso stärker ausgesetzt.“
Führende Taliban haben zum Boykott der Wahl aufgerufen
Sie schüchtern die Bevölkerung ein, nicht an einer in ihren
Augen fremdbestimmten Wahl teilzunehmen.
Zugleich haben Vereinte Nationen und Karsai-Regierung
Taliban und ihre Anhänger zur Teilnahme an der Wahl
eingeladen. Was wie ein Paradox klingt ist in Wahrheit
der Versuch, möglichst wenig Gewalt im Vorfeld des
Urnengangs zu provozieren. Der erste Monat
Wahlkampf verlief vergleichsweise unblutig. Eine
Garantie für die kommenden vier Wochen ist das nicht.
Auf dem Papier sind dies die ersten Wahlen, die die
afghanischen Behörden selbst organisieren. Bei den letzten
Urnengängen hatten noch die Vereinten Nationen den Hut
auf. Allerdings merken internationale Beobachter an, dies
sei nicht mehr als „ein gehöriges Feigenblatt“. Tatsächlich,
so heisst es, sei die afghanische Wahlkommission
vollkommen überfordert und unverändert auf logistische
Hilfe der Internationalen angewiesen, u.a. um Wahlurnen
und –material in die entfernten Provinzen zu befördern.
Die Geberländer sind es auch, die mit über 200 Millionen
Dollar das Gros des Budgets für die Wahl stellen.
„Wer der Zahlmeister ist, der hat auch die Macht“,
besagt ein afghanisches Sprichwort.
Der Vorsitzende der afghanischen Wahlkommission,
Azizullah Lodin, gilt zudem als ein ausgemachter
Parteigänger von Präsident Karsai. Er und seine Behörde
werden für zahlreiche Manipulationen in den vergangenen
Wochen verantwortlich gemacht.
So sind in einigen der paschtunischen Distrikte
dreimal soviel weibliche Wähler registriert wie
tatsächlich dort leben. FEFA klagt, Präsident Karsai
nutze ungeniert staatliche Dienste und den Apparat
von Provinzregierungen für seine Kampagne, während
er dies allen anderen Kandidaten per Dekret untersagt
habe.
Karsais Poster sind omnipräsent an Hauswänden
landesweit. Im Fernsehen hat er ein klares Übergewicht bei
der Sendezeit. Wie vor 5 Jahren ist es ein Rennen von
Ungleichen.
Zwielichtig ist auch die Rolle der unabhängigen
Beschwerdekommission ECC, die aus Afghanen wie
Ausländern zusammengesetzt ist. “Wir haben im Vorfeld
56 Kandidaten für die Provinzwahl ausgeschlossen und
zwei Bewerber unter den Präsidentschaftskandidaten“,
sagt Grant Kippen stolz.
Faktisch aber bleibt seine Organisation ein zahnloser Tiger,
denn jene einflussreichen Kandidaten, die unverändert
über bewaffnete Milizen verfügen und wegen
Menschenrechtsverstössen eigentlich nicht teilnehmen
dürften, bleiben unbelangt.
So tragen der Westen und die internationale Gemeinschaft
Mitschuld an einem System, das diejenigen hoffähig macht
und amnestiert, die tatsächlich Blut an den Händen haben.
Und so erklärt sich auch ein grosser Teil der
Politikmüdigkeit und enttäuschten Hoffnungen der
Bevölkerung über die neue Demokratie.

Dienstag, 14. Juli 2009

Daikundi: vergessene Provinz im Griff der warlords



(siehe zum Thema auch folgenden Artikel im Tagesspiegel)

Zwei Dutzend Männer rammen eiserne Spitzhacken mit voller Kraft in den Berg aus Lehm, der sich vor ihnen auftürmt. In der sengenden Sonne, die schon früh morgens gnadenlos scheint, rinnt ihnen der Schweiss über Gesicht und Kleider. Mit jedem der Schläge trotzdem sie dem Berg ein paar Zentimeter ab. Nicht ohne Gefahr. Gelegentlich lösen sich lawinenartige Schollen vom Hang, die die Arbeiter unter sich begraben können.
Die Schotterpiste ist in Wirklichkeit eine Hauptstrasse. Ein Wagen und ein Esel haben hier nebeneinander Platz. Autos verirren sich nur gelegentlich hierher. Daikundi, erst seit 2004 eine eigene Provinz auf der Landkarte Afghanistans, liegt jenseits der ohnehin schwer zugänglichen afghanischen Wirklichkeit. Zwei Tage beschwerlicher Anfahrt von Kabul braucht es mit dem Allrad-Antrieb bis hinauf in abgeschiedene Täler, die auf keiner Karte verzeichnet sind.
Entlang des Schotterwegs begegnen einem biblische Bilder. Eine Frau auf dem Rücken eines Esels. In den Armen ein Neugeborenes, gewickelt in ein Tuch. Ein Mädchen als Schafhirte, das Dutzende Tiere wie an einer Perlenkette vor sich hertreibt. Die verhärteten Augen von Kindern, die nie eine Kindheit gesehen haben. Mit bräunlich gefleckter Haut, Zeichen für chronische Unterernährung.
„80 Prozent der Menschen in Daikundi haben keine Zeit sich um die Wahlen zu kümmern“, hat mir Ali Amiri in Kabul mit auf den Weg gegeben. Amiri ist selbst im zentralen Hochland von Afghanistan gross geworden. „Die Menschen sind täglich mit dem Überleben beschäftigt, es gibt keine Zeit sich mit etwas Anderem abzugeben“. Ali Amiri hat, wie viele in Daikundi, aus der Not eine Tugend gemacht. Seine Familie ist in den Iran imigriert. Dort hat er promoviert, über Wittgenstein. Jetzt lehrt er in Kabul an einer Privatuniversität.
Je näher die Wahlen rücken, desto unruhiger würden manche Menschen, redet er zunächst in Rätseln. „Ich meine die warlords, von denen bis heute viele in Daikundi ihr Unwesen treiben. Aus Kabul dirigieren sie Anhänger und Stellvertreter im entfernten Hochland. Stimmenkauf gehört dazu“.


Dabei zeigt die Natur in Daikundi in diesen Tagen ihr freundliches Gesicht. Nur im Sommer wächst auf den kargen Böden des Hazarajat überhaupt etwas. Auf den Gipfeln schmilzt der Schnee. Das Wasser wird für kurze Zeit zur Lebensader für Mensch und Tier. Wenig mehr als fünf Monate gross ist das Zeitfenster, in dem die Bauern ihr Überleben sichern müssen, bevor die Kälte jedes Tal wieder von der Aussenwelt abtrennt.
Aussaat, ernten, Vorrat anlegen. So geht es seit alters her. Kein Regime, kein Krieg, kein Wiederaufbauprogramm kann daran etwas ändern. Die Naturgewalten bestimmen in Daikundi den Takt des Lebens. Überall vor den Lehmhäusern türmt sich getrockneter Kuhmist als Brennstoff und Dünger, von Kindern in Spülhandschuhen tellergross geformt.
Lange hat es dieses Jahr gebraucht, bis der Schnee den Boden aus seinem Griff freigegeben hat. Während weite Teile Afghanistans nach viel Regen Rekordernten entgegensehen, blieben die Bauern in Dakundi zur Untätigkeit verdammt. Die Speicher drohen leer zu bleiben. Viele Bewohner sind längst in den Iran emigriert.
Der Bautrupp aus Bauern, junge wie ältere mit weissen Bärten und Turban, arbeitet für Essbares. „Food for work“ nennt sich der einfachste Handel der Entwicklungshilfe. Für ihr Tageswerk bekommen die Männer Rationen aus Getreide, Bohnen und Speiseöl. Caritas treibt so einen Strassenbau voran, der ein gottvergessenes Tal im Bezirk Bandar mit der Provinzhauptstadt Nili verbinden soll. Nach vorhandenen Plänen sollen rund 11.000 Menschen von der Trasse profitieren. Solche Schätzungen sind wie immer mit reichlich Optimismus versehen.
Die Bewohner von Daikundi nennen ihr Gebiet die „vergessene Provinz“. In fernen Kabul sonnen sich die Akteure in den neuen politischen Institutionen. Berichte internationaler Hilfsorganisationen lesen sich wie ein verklausuliertes Schuldeingeständnis unterlassener Hilfeleistung an die Region im zentralen Hochland.
In Daikundi wird nicht gekämpft. Es gibt kein Militär. Keinen einzigen afghanischen Soldaten. Auch keine US- oder NATO-Truppen. Statt weniger fremden Einfluss wünschen die Menschen sich hier mehr ausländische Präsenz. Ein militärisches Aufbauteam steht auf der Wunschliste der Provinzregierung. Ob und wann es kommt scheint fraglich.
Daikundi, die friedliche Provinz, teilt eine gemeinsame Grenze mit Helmand, dem am stärksten umkämpften Teil des Landes. Einige Taliban weichen mittlerweile in den Süden von Daikundi aus, um dort Schutz zu suchen vor Amerikanern und Briten. Der Süden von Daikundi ist für internationale Helfer no-go-area. Eine Ausweitung des Konflikts auf die ganze Provinz scheint allerdings wenig wahrscheinlich. Die Trennung zwischen ethnischen Paschtunen und schiitischen Hazara, wirkt als natürliche Grenze.
Ein unsichtbares Band verbindet Daikundi mit Kabul. Einflussreiche warlords und Milizenführer der Hazara sitzen längst als gewendete Politiker in Regierung, Parlament und Behörden. Ihre Dienste haben sie erfolgreich dem neuen Umfeld angepasst. Von Kabul aus machen sie ihren Einfluss bis in das letzte Tal von Daikundi geltend.
Sehr zum Unmut recht schaffender Menschen wie Reza Rezai. Der Polizeichef im Distrikt Bandar muss mit kaum 30 Beamten auskommen in einem Gebeit so gross wie ein mittelgrosses Bundesland. Hilfe aus Kabul hat er abgeschrieben. In der Haupstadt, so Rezai, betrieben ein paar Parlamentarier seine Entlassung. Es fällt der Name Shirin Mohseni. Die Abgeordnete, von der er spricht, gehört wie er zur Gruppe der Hazara. Ansonsten verbindet die beiden eine Feindschaft. Shirin Mohseni gilt als politische Strohpuppe ihres Mannes, Arif Dawari. Der ist ein warlord aus Daikundi mit Einfluss bis hoch in die Regierung.
Dreissig Morde, Vergewaltigung, Zwangsheiraten, private Gefägnisse und Drogenhandel werden Dawari von mehreren Menschenrechtsinitiativen zur Last gelegt. Eine Gruppe sogenannter ‚Opfer von Daikundi’ hat eine Liste seiner Greueltaten zusammengestellt.
Bis vor Kurzem war Reza Rezai Polizei-Chef in Dawaris Heimatdistrikt. Der drängte ihn, inhaftierte Gefolgsleute vorzeitig freizulassen. Weil sich Rezai weigerte schob man ihn auf einen anderen Posten ab. Dawaris hat drei Frauen. Shirin Mohseni, die Abgeordnete in Kabul, ist eine davon. Zwangsverheiratet. Einen ordentlichen Schulabschluss hat sie nicht. Als unser Gespräch auf das Thema warlords zu sprechen kommt, bricht sie ab. Es wird ihr alles zu viel.
Dawari ist den Pakt mit dem Teufel eingegangen. Als die Taliban 1998 das zentrale Hochland eroberten und zahlreiche Massaker unter den Hazara anrichteten, suchten sie Handlanger beim Feind. Dawari war zur Stelle. Jüngst liess er sich in den Sicherheitsrat seines Heimatdistrikts wählen.
Reza Rezai, der Polizei-Chef, ringt um Antworten. Wenige Wochen vor der Präsidentenwahl, bei der zugleich neue Provinzräte gewählt werden, kann er verstehen, dass viele seiner Landsleute ängstlich und skeptisch auf den Urnengang schauen.
„Bei den letzten Wahlen vor fünf Jahren herrschte Hoffnung, dass Demokratie auch Gerechtigkeit bedeuten würde und Schuldige zur Verantwortung gezogen würden“, erklärt der Leiter einer afghanischen Hilfsorganisation. Stattdessen blühe unter der Regierung Karsai die Korruption.
Karsais Poster sind die ersten Wahlplakate, die im Basar von Bandar hängen. Ein paar Kinder kleben sie an Türen und Wände. Der Mann, der sie früh morgens in der Stadt verteilt habe, sei längst wieder verschwunden, so die Jungen. Sie wundern sich, dass er keine Poster anderer Kandidaten dabei hatte. Ein Zufall?
Für Fatima, die noch zur Schule geht, wären fünf weitere Jahre unter Karsai gleichbedeutend mit Stillstand. Die 19-jährige spricht ein wenig Englisch und besticht durch ihr Selbstbewusstsein. „Tun Sie etwas, damit endlich mehr Bildungsangebote nach Daikundi kommen“, redet sie mit ernster Mine auf den Journalisten ein.
Dann muss sie zur Schule. Eine Prüfung ablegen. Ahmad, ein Mitarbeiter der Caritas,
lobt ihren Mut und ihre Initiative. Er sieht in ihr eine kommende Führungskraft. Aber wer gibt Fatima eine Chance? Die neuen Kräfte der zarten Pflanze Zivilgesellschaft werden bisher von oben kaum gefördert. Es zählt die Reputation der Altgestrigen, auch wenn diese Schmutz oder Blut an den Händen haben.
Auch für Caritas birgt dies Konfliktstoff. Vor zwei Jahren hat die Hilfsorganisation eine kleine Klinik im Bezirk gebaut. Kranke und Schwangere mussten endlich nicht mehr Dreitagestouren auf dem Esel oder mit dem Motorrad zurücklegen. Mittlerweile hat der Ruf der Klinik stark gelitten. Der Medikamenten-Schrank ist oft leer. Es fehlt an Krankenpflegern und Hebammen. Der Chefarzt bekommt seit Monaten kein Gehalt und hat seine Kündigung eingereicht.
Die Klinik ging nach dem Bau in Verantwortung einer örtlichen Hilfsorganisation über, die als korrupt gilt und Verbindungen zur Regierung in Kabul unterhält. Die Menschen in Daikundi trauen den neuen Verhältnissen nicht über den Weg. Nur bessere Kontrolle durch die internationalen Organisationen könne den Morast aus Korruption in Daikundi trocken legen, ist ein afghanischer Verantwortlicher überzeugt. Die Klinik von Sang-e-Takht hat die EU finanziert. Aber dort regt sich kein Finger.
Eingreifen oder zuschauen? „Kurzfristige Nothilfe, zumal losgelöst von afghanischen Strukturen, endet oft in einer Sackgasse“, sagt Marianne Huber von Leiterin des Caritas-Büro in Kabul. Es brauche längerfristige Pläne statt immer wieder punktuelle Aktionen, die oft wenig koordiniert erschienen.
Viel ist von Asymmetrien die Rede dieser Tage. Zwischen hochgerüstetem Nato-Militär und Taliban-Kämpfern, die sich unter die Bevölkerung mischen. Die Asymmetrie, die in Daikundi herrscht, ist eine zwischen Mächtigen mit der Waffe und Ohnmächtigen. Zwischen wehrlosen Polizeichefs, die gejagt werden statt selber die Initiative zu haben. Zwischen amnestierten warlords, die von der internationalen Gemeinschaft seit sieben Jahren gestützt werden, und Opfern, die ihre Frustration eines ums andere Mal schlucken. Asymmetrie auch in der Entwicklungshilfe, die das richtige Verhältnis zwischen Nothilfe und der Förderung demokratischer Strukturen sucht.

Donnerstag, 28. Mai 2009

Weisse Flecken: Deutsche Medien und Afghanistan




(erschienen in Der Freitag,)

Auslandsjournalismus hat es schwer in diesen Tagen. Das rasende Tempo technischer Neuerungen, die kommerzielle Ausrichtung an Auflage und Quote und eine verbreitete Agenturgläubigkeit führen zu einer Verengung in der Berichterstattung über Kriegs- und Krisengebiete. Trotz einer Globalisierung der Zusammenhänge ist eine Nationalisierung der Themenauswahl zu beobachten. So lassen sich Portraits über Deutsche im Ausland immer gut verkaufen. Tiefer gehende Erkenntnisse über Lage und Stimmung der dort einheimischen Bevölkerung erhält man dadurch aber nicht unbedingt.

Am Beispiel Afghanistan zeigt sich, dass der Journalismus unsere Medien sich auf die veränderte Rolle Deutschlands in der internationalen Gemeinschaft und insbesondere am Hindukusch noch nicht eingestellt haben. Das aber wäre notwendig, wenn die so genannte „vierte Gewalt“ auch in dieser Sache hierzulande weiterhin Korrektiv von Politik und Militär sein möchte.

Mehr als eine halbe Milliarde Euro deutscher Steuergelder fließt jährlich in Sicherheits- und Aufbaupläne für Afghanistan. Eine verunsicherte Öffentlichkeit fragt immer öfter nach Aufklärung und Deutungsmustern: warum mehr Militär in Afghanistan nicht zugleich mehr Sicherheit bedeutet, wo ein großer Teil der Hilfsgelder verbleibt oder wie es mit der Zusammenarbeit von zivilen Helfern und militärischen Kräften in Wirklichkeit aussieht. Das Gefühl Leser, Zuschauer und Hörer trügt nicht, die offizielle Erfolgsbilanz in Afghanistan ist in vielen Punkten geschönt. Aufklärung tut Not.

In Afghanistan agieren einheimische wie internationale Akteure, die durch ineffektives Handeln und zum Teil auch durch Korruption auffallen. Projekte der Vereinten Nationen und des Militärs sind regelmäßig überteuert. Staatliche wie nicht-staatliche Hiflsorganisationen, darunter auch deutsche, investieren zum Teil in unrentable Projekte. Alle sind Teil einer Strategie, deren mangelnde Koordination und teilweises Scheitern längst allgemein eingestanden wird.
Den Medien ist qua Berufung zu eigen, den Fokus auf solche Fälle zu rücken. Die wenigsten machen sich allerdings die Mühe, investigative Recherche findet fast nicht statt. Stattdessen orientiert man sich in Deutschland an Enthüllungen der New York Times und der angelsächsischen Presse.

Ein Blick auf die Berichterstattung deutscher Medien über Afghanistan ergibt: allzu häufig ist sie ist wenig kompetent, schlecht informiert und voller Vorurteile. Statt Klischees zu hinterfragen werden neue produziert, was vor allem für den Islam gilt, als dessen dunkler Vorposten Afghanistan erscheint. Ein Beispiel ist das jüngste Ehe-Gesetz, das in der Wahrnehmung deutscher Medien die männliche afghanische Bevölkerung einmal mehr pauschal als frauenfeindlich darstellte. Dabei tat man vor allem der schiitischen Minderheit Unrecht. Tatsächlich bildet sie den fortschrittlichsten Teil der Bevölkerung, was Fragen der Moral angeht. Für die Idee einer gesellschaftlichen Modernisierung verdienten also gerade die Schiiten Unterstützung. Eine Differenzierung zwischen dem Ayatollah Mosheni, den ein Grossteil in seinem Führungsanspruch faktisch ablehnt, und der Masse der Bevölkerung fand nicht statt.

Zugegeben: Afghanistan ist komplex. Um so mehr empfiehlt es sich, als Journalist gründlich vorbereitet zu sein. Das heißt nicht, sich in die Hände von PR-Experten der Bundeswehr zu begeben, die Journalisten verständlicherweise nur ihre eigene Sicht der Dinge präsentieren.
Es ist der Kontakt mit Ehemaligen und sämtlichen Graden, der Vergleich mit Aussenstehenden und anderen NATO-Kontingenten, der ein realistisches Bild ermöglicht.
So war früh erkennbar, dass die Bundeswehr in Afghanistan ein Problem mit traumatisierten Soldaten hat. Auch die Fehler Deutschlands als 'lead nation' beim Polizei-Aufbau – zu wenig, zu zaghaft und nicht angepasst an die Gefahrenlage - zeigte sich nicht von einem Tag auf den anderen. In den hiesigen Medien fand beides erst spät seinen Platz.
Aktuell beklagen deutsche Hilfsorganisationen, dass Soldaten die Entwicklungshelfer öfter in Lebensgefahr bringen, weil Truppenteile selber als Helfer auftreten und die Grenzen zur Entwicklungshilfe damit verwischten. Viele Medien dagegen stimmen wie die Politik in das alte Lied vom „zivil-militärischen Modell“ der Deutschen ein.

Tatsächlich können Berichte aus dem Umfeld des Militärs nicht ausreichen, um ein genaues Bild der Lage im Land zu bekommen. Journalisten und Redaktionen werden hier zum Opfer ihres eigenen Herdentriebs: Indem sie bestimmte Themen und Aussagen reproduzieren, verhindern sie, dass über den Tellerrand hinaus geschaut wird. Was nicht dem Kanon der Agenturen entspricht, hat es schwer veröffentlicht zu werden. Für abweichende Meinungen ist wenig Platz. Einer breiteren medialen Öffentlichkeit sind diese Umsände vor einem Jahr ins Bewusstsein gerufen worden, als der langjährige ZDF-Auslandskorrespondent Ulrich Tilgner mit einer Kritik des verdächtigen Gleichklangs der deutschen Afghanistan-Berichterstattung den Sender verließ. Schon vor Ulrich Tilgner gab es Rufer in der Wüste, die mangels Prominenz nicht gehört wurden.

Für die deutsche Medien ist es noch immer eine Ausnahme, einen permanenten Korrespondent in Afghanistan zu haben. Amerikaner, Briten, Franzosen, Inder und Chinesen machen vor, dass es die Regel sein kann. Der so genannte ‚Stringer’ vor Ort, auf den deutsche Redaktionen und Sender zurückgreifen, also ein Einheimischer, der sich informiert und übersetzt so gut er kann, ersetzt nicht den professionellen Journalisten. Nur wer regelmäßig vor Ort ist, vermag ein differenzierteres Bild zu zeichnen, Stimmungen einzuschätzen, den Menschen eine authentische Stimme zu verleihen. Viele der Statements von Afghanen, die über unsere Bildschirme gehen, erscheinen in meinen Augen nicht oder wenig repräsentativ. Der ARD-Hörfunk hat unlängst sein Regionalstudio in Neu Delhi personell verstärkt. Für das Krisengebiet Afghanistan/Pakistan wäre Kabul oder Peshawar vermutlich die geeignete Wahl gewesen.

Auffällig ist das Kurzzeitgedächtnis der Berichterstatter. Die Taliban werden in der gleichförmigen medialen Wahrnehmung für Dinge verantwortlich gemacht, für die sie nicht verantwortlich sind, etwa die weitgehende Zerstörung von Kabul vor 2001. Wenig ist bekannt von der Zeit- oder gar der Kulturgeschichte Afghanistans. Kaum einer unterzieht sich der Mühe zu differenzieren, dass der Sammelbegriff „Taliban“ für eine Reihe verschiedener, längst nicht immer ideologisch-fundamentalistisch motivierter Gruppierungen steht – bis hin zum einzelnen Koranschüler, der kein ‚Taliban’, sondern ein ‚Taleb’ ist.

Freie wie feste Autoren kritisieren immer wieder die kurze Zeit, die ihnen in Afghanistan zur Verfügung steht. Selbst große Medienhäuser setzen eine Reisedauer an, die oft schon aus geographischen wie kulturellen Gründen unpraktikabel ist. Sprache, die Weite des Landes, der geringe Verschriftungsgrad und die schwierige Nachprüfbarkeit von Gerüchten sind Hürden für die Arbeit im Land, ebenso der Imperativ der Schnelligkeit, der sich hier allein schon technisch nicht wie anderswo gewohnt umsetzen lässt.

Hinzu kommt die schwierigere Quellenlage. Bei aktuellen Zwischenfällen gilt es die Propaganda von Taliban, Nato- und US-Militär sowie afghanischen Behörden zu entlarven, die Zahl ziviler Opfer vorsichtig abzuwägen. Es braucht Parameter und Informanten, um einen Sachverhalt einordnen zu können. Von der afghanischen Regierung heisst es, dass sie Opfer von Anschlägen regelmäßig zu niedrig ansetze. Netzwerke wiederum, zumal wenn sie die afghanische Sicht der Dinge einbeziehen sollen, sind Ergebnis regelmäßiger Kontaktpflege. Außerhalb der Städte bestimmen längst die Kampfparteien die Inhalte. Dabei geraten Verlautbarungen ungeprüft als vermeintliche Information in unsere Medien. Auch so entsteht ein schiefes Bild.

Journalisten, die mit dem Land wenig vertraut sind, reisen aus nachvollziehbaren Gründen ‚embedded’ oder in Konvois, die offiziell organisiert sind mit hohen, wenn nicht überzogenen Sicherheitsstandards. Begegnungen mit dem afghanischen Alltag bleiben dabei aus. Mithin entsteht der Eindruck, deutsche Medienvertreter träten als Dienstleister der Politik auf. Absichtlich wie unbeabsichtigt. Als Außenminister Frank-Walter Steinmeier unlängst Station in Kabul machte, begleitete ihn ein Tross aus einem guten Dutzend Hauptstadtjournalisten. Kritische Fragen an deutschen wie afghanische Experten vor Ort konnten sie nicht formulieren während des rund 30-stündigen Aufenthalts. Entsprechend oberflächlich fällt die Berichterstattung dann aus. Hilfreicher wäre es wohl gewesen, Auslandsexperten aus den Redaktionen zu entsenden.

Sinnvoll im Kontext Afghanistan und Pakistan, aber auch allgemein, wären überdies journalistische Seminar-Angebote zur interkulturellen Kompetenz. Viele Journalisten, auch solche, die zum Thema schreiben, vermögen acht Jahre nach ‚9/11’ nicht genügend zu differenzieren zwischen Islam und Tradition, Urteil und Vorurteil. Der Koran und seine fünf Säulen sind wenig bekannt. Deutsche Medien fangen gerade erst an, Afghanistan zu entdecken. Es wäre an der Zeit, dass auch sie ihre Strategie überprüfen.

Sonntag, 10. Mai 2009

Fragen aus Farah









Die Ereignisse in Farah/Westafghanistan, mit einer vom Tathergang immer noch umstrittenen Zahl von vermutlich über 100 Opfern, darunter vielen Zivilisten, hat US-Präsident Obama zu der Aussage veranlasst, er werde alles tun, damit zivile Opfer in Zukunft vermieden werden. Die afghanische Bevölkerung verlangt seit geraumer Zeit Rechenschaft insbesondere was die Folgen von Luftangriffen angeht. Erwartungsgemäss unterscheiden sich die Darstellungen und Opferzahlen in den bisherigen Untersuchugnen zwischen afghanicher und offizieller us-amerikanischer Seite.
Human Rights Watch hat folgenden aktuellen Bericht herausgegeben, in dem das US-Militär nicht allein- aber im Wesentlichen verantwortlich für viele der Opfer gemacht wird. Ähnlich liest sich der Bericht der New York Times vom 15. Mai.

Auf Gesprächen, die ich kurz vor den Ereignissen mit afghanischen wie internationalen Helfern aus der Provinz Farah geführt habe, beruht dieser Artikel.
Ein afghanischer Helfer, der zwischen Einheimischen und Internationalen in zentraler Stellung vermittelt bei der Umsetzung von Hilfsprojekten in Farah schreibt als Reaktion auf die Ereignisse:

“All military, specially air forces which depend on any country, need to consider and adopt the following before they attack any place:
1. Any operation (specially air) which they plan to do, must be fully coordinated with Afghan authorities and army to make sure that it is right and no civilian is affected by this.
2. The pilots and commanders of operation must be completely aware of this issue that not to attack insurgents while they are hidden into village where women, children and old people are living too despite they are shooted from that area. otherwise if they respond to it, all residents will be killed in the village including some insurgents.
3. The air attacks have to be ON TIME not few hours later than the fighting when all people are sleeping in the night and militants already left the area. Also the pilot need to know that whom he bombard on, has he recognized them in the monitor that they are armed people or he just see some people are there and sitting/walking without confirming who they are, target them.
4. We heard that modern planes and helicopters of US can shoot to a mouse in the night, and it is easy to recognize the armour vehicles and armed people, it means they are very systematic and modern which even small things are very clearly visible into its monitor, but how it comes that they couldn't recognize the civilians who were without any gun and targeted them? it is a question that people are suspicious about and they think such operations and bombards are done intentionally to kill the Innocent people, it can stimulate and motivate the naive and simple people easily to start fighting against all national and international forces and call them "occupiers"
5. People think, that policies of international society has two sides in Afghanistan and its not clear why. Some people visited in south and southwestern provinces that US, NATO and other coalition forces drop food and ammunition for the insurgents (Taleban) in the districts once or twice a month in order to support them, but from other hand, they say we are killing the insurgents wherever we find them. So such policies need to be controlled to not see any such tragedies and war in Afg.
6. Finally fighting is not way of obtaining peace in Afghanistan except seeing such dissatisfactory and pain between people.

Der gleiche afghanische Entwicklungshelfer betont auch:
- Menschen kooperieren mit den Taliban oder schliessen sich ihnen an nicht aus überzeugung sondern weil sie angst hätten und unter druck gesetzt würden. es seien oft einfache ungebildete leute, die missbraucht würden, u.a. mit dem religiös-politisch motivierten argument einen 'jihad' zu führen gegen die 'kafir'
- Arbeitslosigkeit spielt eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Er bestätigt zu einem gewissen Teil den Artikel des Institute for War and Peace Reporting (IWPR) zur Lage in Farah. In 'The Occasional Taliban' ist von Teilzeit-Aufständischen die Rede als Reaktion auf die wirtschaftlichen Probleme in der Provinz. Der o.g. Entwicklungshelfer relativiert den Artikel an einer Stelle: für 4 Us-Dollar würde auch in Farah keiner einen anderen Menschen töten.
- Manchmal kämpften die Menschen auch, weil Anführer eines bestimmten Stamms sich mit Taliban eingelassen hätten bzw. der Druck stammes-intern weitergegeben werde.


Das militärische Vorgehen verschlingt unverändert unverhältnismäßig viele Gelder der Geberländer. Paddy Ashdown rechnet jetzt mit dem Westen ab. Ob die Analyse des ehemaligen EU-Sonderbeauftragten für Bosnien mag auch von der Enttäuschung geleitet sein einen ähnlichen Posten in Afghanistan letztes Jahr nicht erhalten zu haben. Mehr Koordination auf Seiten der Geberländer wie auf dem Balkan würden das strategische Chaos in Afghanistan eingrenzen, argumentiert er.

p.s. Nachtrag zu Kunduz/Tagesspiegel.

Freitag, 8. Mai 2009

Exit Iran





Auf einmal ist alles anders. Fast alles. Die Sprache ist gleich. Fast gleich, zwischen Iran und Afghanistan. Nur einige Worte sind anders. ‚Darya’ heisst Fluss auf Dari, See auf Persisch. Vor meinen Augen gleitet beides entlang. Rinnsaale, die zu Seen geworden sind. Flüsse, die über die Ufer treten. Seit über 24 Stunden regnet es Bindfäden. Deutsches Wetter. Der Grenzübergang Islamghale geht in Matsch unter. Noch bestimmt der pirhan tamban das Bild, die unerwechselbar weiten, im Wind flatternden Hosen mit langem Oberhemd. Vorbei an freundlichen, bisweilen verspielten afghanischen Grenzposten. Iranische Grenzbeamte tragen ernstere Minen.
Ein kleiner Junge schiebt im Schlamm meinen und anderer Leute aufgestapelte Koffer auf einem Karren vor sich her, die Füsse versinken im Dreck. Der Junge mag zehn sein. Die rostig klammen Räder seines Arbeitsvehikels, aus ein paar Planken Holz notdürftig zusammengezimmert, erinnern mich an Bilder von KZ-Häftlingen. Afghanische Kinder kennen keine Kindheit.

Dann bin ich auf der anderen Seite. Auf einmal ist alles anders. Fast alles.
Die pirhan tambans sind aus dem Stadtbild verschwunden. Auf dieser Seite tragen die Hirtenjungen Jeans und festeres Schuhwerk. Die Strassenbefestigungen sind befestigt. Die Autos mit Windschutzscheiben ohne Bruch.
Mit vier anderen Beifahrern besteige ich ein Taxi. Der Polizist am Ausgang des Grenzpostens wühlt in meiner Tasche. Ein Dutzend DVD sind da, gekauft in Afghanistan. Er nimmt sie an sich. Lässt mich mit wichtiger Mine zurück. Winkt mich zu sich. Schickt mich wieder zurück. Das alles erinnert mich irgendwie an den Grenzübertritt als es noch ein geteiltes Deutschland gab. Hilflos den Autoritäten aus einem totalitären Staat ausgeliefert.
Nach ein paar Minuten bekomme ich meine DVDs zurück, mit einem Lächeln. Eine kleine Demonstration der Macht. Es folgen weitere Polizei-Posten. Kein Persisch sprechen, bekomme ich von meinen Mitfahrern eingetrichtert. Was in Afghanistan von Vorteil sein kann, könnte die iranischen Behörden misstrauisch machen. Noch dazu sitzt eine Iranerin neben mir im Taxi.

Der Taxi-Fahrer ist ein Gegner des Regimes. Er schimpft mit sanfter Stimme aber entschieden. “Die Wahlen im nächsten Monat sind eine Farce. In Städten mit 3 Millionen Einwohnern werden 4 Millionen Stimmen für Ahmadinejad gezählt werden. So machen sie es seit Langem.“ Chatami, der potentielle Hoffnungsträger, habe resigniert zurückgezogen weil Chamenei und die Anderen an den Hebeln der Macht sich für ein „weiter so“ entschieden hätten.
Mit Obamas ausgetreckter Hand verbinden sie relativ wenig Hoffnung auf Besserung. Oder fehlt es am Glauben zur Veränderung? Sein Name fällt erst auf Nachfrage. Einer meint, die Geistlichen würden auch diesen Herausforderer aussitzen.
Der Taxifahrer guckt mich durch den Rückspiegel an. Zwinkert mir zu, ein Lächeln mit Weltschmerz, Leiden an seiner Heimat. Er freut sich, dass er seinen Frust loswerden kann, unbehelligt.

Die Autobahn ist jetzt vierspurig. In Mashhad steige ich in den Flieger nach Tehran. Iranerinnen tragen den schwarzen tshador namaz, dicke Schminke darunter. Sie bewegen sich selbstbewusster als dort, wo ich gerade herkomme. Eine stemmt ihren Ellenbogen in der Warteschlange gleich neben mir in die Hüfte, schaut mich kess und zugleich gelangweilt an, scheut die Nähe nicht und dreht sich langsam wieder weg. Undenkbar, dort.
Teheran ist ein Lichtermeer von oben. Ganz Afghanistan könnte vermutlich damit erleuchtet werden. Hier gibt es Hochhäuser, volle Kühlschränke, Bankautomaten, dicke Tageszeitungen.
Ich bin wieder im Westen.

Iran bleibt ein verletzter Riese Asiens. Provozierend nach Westen, ausgleichend nach Osten, meint Tom Koenigs in einem Interview als Erfahrung seiner Afghanistan-Zeit. Iran ist viertgrösster Erdöl-Produzent und doch zunehmend Importeur von Öl. Aus dem Radio in meinem Hotel-Zimmer kommen politische Aufbau- und Durchhalte-Parolen, die mich an die DDR erinnern.
Die Absurdität des Feindbilds Iran wird mir einmal mehr deutlich, als ich im Studienzimmer eines schiitischen Schülers der Sader-Madrassa in Isfahan sitze. Ich bin umgeben von aufgeklärten Gläubigen, wie an einem ausgewiesenen deutschen Priester-Seminar, nicht von Fundamentalisten.
Iran hat seine Türken. Es sind die Afghanen, vermutlich rund drei Millionen. Die meisten illegal arbeitende Bevölkerung. „Sie machen die Jobs, die die Iraner nicht machen wollen“, meint ein Taxifahrer in einer Mischung aus Anerkennung vor ihnen und Scham über seine eigenen Landsleute. Kein Meer an Neubauten und Hochhäusern in Tehran ohne die Afghanen. Das Bild zeigt einen jungen Afghanen in Isfahan, der Wolle bei 45 Grad in einem Trockenraum bewegt.

An Afghan Dream